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Kartenzahlung oder Bargeld: Immer weniger Kunden können auswählen

Manche Läden akzeptieren nur noch Karte, andere nur Bargeld. In vielen Geschäften kann genau das für Verbraucher zum Problem werden. Ums Bezahlen in Deutschland ist längst eine Kontroverse entbrannt. Viele Geschäfte akzeptieren nur noch Kartenzahlung. Münzen und Scheine werden zurückgewiesen. Die Begründung klingt stets ähnlich: "Sicherer. Moderner. Weniger Aufwand." Tatsächlich bietet ein bargeldloses System Vorteile: kein fehlendes Wechselgeld, keine Tagesabrechnung, kein Risiko einer vollen Kasse im Laden. Dürfen Geschäfte tatsächlich selbst entscheiden, wie Sie bezahlen – und was bedeutet das für Ihre Freiheit an der Kasse? Wer vom Ausschluss betroffen ist Die vermeintliche Reduzierung von Bezahlalternativen an der Kasse hat einen Preis: Wenn immer mehr Geschäfte Bargeld verweigern, verschwindet für Millionen von Verbrauchern die Wahlfreiheit Stück für Stück aus dem Alltag. Besonders hart trifft die Entwicklung Menschen ohne Bankkonto, Ältere ohne Smartphone, Kinder, Jugendliche sowie Personen mit persönlichen, psychischen oder finanziellen Gründen, die für das Bezahlen mit Bargeld sprechen. Und selbst routinierte Kartennutzer haben manchmal schlicht kein Plastik zur Hand oder wollen ihre Münzen und Scheine loswerden. Die Einschränkung einer Zahlungsform trifft damit keine Randgruppe – sie betrifft ganz unterschiedliche Menschen in alltäglichen Situationen. Kartenzahlung auf dem Vormarsch Konkrete Zahlen nennt die EHI-Studie, ein wissenschaftliches Institut für den Handel: 2024/2025 setzten 3,7 Prozent der Einzelhändler ausschließlich auf Kartenzahlung, ohne Bargeld zu akzeptieren. Der Anteil hat sich gegenüber 2022 verdoppelt, bleibt aber im Gesamtmarkt deutlich unter 10 Prozent. Laut einer Erhebung des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) sagt der überwiegende Teil der Verbraucher, dass sie sich eigentlich zwischen Bar- und Kartenzahlung entscheiden wollen. Aber manchmal können sie eben nicht. Fast jeder Dritte von ihnen hat bereits die Erfahrung gemacht, dass es in einem Geschäft keine Möglichkeit mehr gab, bar zu bezahlen. Die andere Seite: Nur Bargeld – aus gutem Grund Doch auch das Gegenteil ist weit verbreitet: "Nur Bargeld, bitte". Besonders in kleinen Betrieben, etwa bei Bäckereien, Foodtrucks oder Take-away-Angeboten, ist das keine Seltenheit. Das "Gastrostimmungsbarometer" von Orderbird zeigt, dass rund 80 Prozent der Bäckereien und 63 Prozent der Foodtrucks auf Barzahlung setzen. Mobile Bezahlmethoden via Smartphone bieten nur etwa die Hälfte der befragten Betriebe an. Auch Friseure, Handwerker, Wochenmarkthändler und Schwimmbäder bleiben oft bei Bargeld – nicht aus Prinzip, sondern wegen der Kosten. Denn Kartenlesegeräte sind teuer, Transaktionen über Kreditkartenanbieter kosten laut Handelsverband Deutschland (HDE) zwischen 0,8 Prozent oder mehr, teilweise bis zu viermal so viel, vom Umsatz, und das Geld fließt nicht sofort, sondern teils erst nach Tagen. Die Entscheidung gegen Kartenzahlung ist also meist betriebswirtschaftlich motiviert. Unternehmerische Freiheit kontra Verbraucherinteresse Rechtlich ist die Lage klar: Händler dürfen frei entscheiden, welche Zahlungsmethoden sie akzeptieren. Das ergibt sich aus der sogenannten Vertragsfreiheit, solange sie dies klar kommunizieren. Doch was rechtlich erlaubt ist, wirft gesellschaftliche Fragen auf. Die Deutsche Bundesbank bringt es auf den Punkt: Bargeld sei "ein Ausdruck persönlicher Freiheit" und gehöre als Zahlungsmittel zum gesellschaftlichen Fundament. Wenn Händler nur noch digitale Optionen anbieten, bleibt von der "freien Wahl" wenig übrig – denn sie setzt voraus, dass es überhaupt eine Wahl gibt. Der Anteil von Kartenzahlungen wächst Zwar funktioniert Kartenzahlung in immer mehr Betrieben. Die EHI-Payment-Studie "Zahlungssysteme im Einzelhandel 2025" zeigt, dass rund 81 Prozent der Kassen im Handel und in der Gastronomie technisch dafür ausgestattet sind. Im Umkehrschluss heißt dies jedoch nicht, dass die verbleibenden 19 Prozent der Kassen ausschließlich Bargeld akzeptieren. Von der Planung in die Praxis: Digitaler Euro geht 2027 in die Testphase 20.000 Euro in bar: Darf ich das aufs Konto einzahlen? Tatsächlich ist die Situation differenzierter: Ein Teil dieser Kassen ist zwar noch nicht vollständig für Kartenzahlungen ausgerüstet, doch viele nutzen bereits Mischsysteme oder befinden sich in der Umstellung. Auch wenn die Anzahl der Kassen ohne Kartenfunktion laut EHI-Studie rückläufig ist, gibt es immer noch einen kleinen Anteil, der ausschließlich mit Bargeld arbeitet. Der Mythos vom "kostenlosen Bargeld" Ein Argument gegen Kartenzahlung lautet oft: "Zu teuer!" Doch auch Bargeld verursacht erhebliche Kosten. Laut Bundesbank-Studie liegt der Durchschnitt bei 24 Cent pro Bartransaktion. Zusammengesetzt aus dem Handling von Wechselgeld, dem Zählen, der Kassenabrechnung und dem Transport zur Bank. Im Schnitt verbringen Händler täglich rund 17 Minuten mit Bargeldprozessen. Umgerechnet auf den Mindestlohn entstehen so rund 950 Euro Personalkosten pro Jahr – exklusive weiterer Aufwände für Transport, Versicherung oder Falschgeldrisiken. Die Rechnung "Bargeld ist kostenlos" hält also einer betriebswirtschaftlichen Prüfung kaum stand. Was Kunden erwarten Aus Verbrauchersicht gehört eine flexible Bezahloption heute zum guten Ton. Viele Gäste erwarten ein nahtloses Erlebnis – vom ersten Blick auf die Auslage oder die Speisekarte bis zur Bezahlung. Langes Warten oder umständliches Herauskramen von Kleingeld, bis es "passend" ist, wirken da aus der Zeit gefallen. Laut einer aktuellen YouGov-Studie wünschen sich 62 Prozent der Befragten, auch in Restaurants bargeldlos zahlen zu können. Besonders bei Jüngeren ist das Bedürfnis groß: In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen halten 71 Prozent digitale Zahlungsmöglichkeiten in der Gastronomie für besonders wichtig. Zwischen Pflicht und Chance: Die Politik reagiert CDU/CSU und SPD planen eine gesetzliche Regelung, die mehr Wahlfreiheit an der Kasse schaffen soll. Ziel ist eine verpflichtende digitale Zahloption für Geschäfte des täglichen Lebens – zusätzlich zum Bargeld. Die Initiative, angestoßen von Niedersachsen und Hamburg , soll helfen, Verbraucher zu schützen und gleichzeitig Steuerbetrug zu erschweren. So könnte eine digitale Bezahlmöglichkeit bis 2027 als Ergänzung zu Bargeld und nicht als Ersatz verpflichtend eingeführt werden. Mehr Aufwand, aber auch mehr Möglichkeiten In der Branche stößt die geplante Verpflichtung zur Kartenakzeptanz auf gemischte Reaktionen. Neben den zusätzlichen Kosten für Terminals, Transaktionsgebühren und Wartung bereiten vor allem technische Hürden Sorgen, etwa in ländlichen Regionen oder bei veralteter Kasseninfrastruktur. Zudem fürchten viele Gastronomen eine stärkere Kontrolle durch die digitale Nachvollziehbarkeit von Umsätzen. Die Pflicht wird als Eingriff in die unternehmerische Freiheit empfunden, da bisher selbst über akzeptierte Zahlungsmethoden entschieden werden konnte. Doch es gibt auch Chancen: Wer frühzeitig investiert, kann seine Abläufe modernisieren, neue Kundengruppen erreichen und den Service verbessern. Eine digitale Bezahloption ist nicht nur rechtliche Pflicht in spe, sondern sie kann auch ein Wettbewerbsvorteil sein.

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