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Mediamarkt-Chef Deissner: "Dann ist für uns eine Linie überschritten"

Kai-Ulrich Deissner lenkt die Geschicke von Mediamarkt und Saturn und ist damit für 50.000 Mitarbeiter verantwortlich. Mit t-online spricht er unter anderem über das neue Lieferversprechen des Elektronikhändlers. Der letzte Chef von Ceconomy, der Muttergesellschaft von Mediamarkt und Saturn, sorgte im Frühjahr für eine große Überraschung. Karsten Wildberger wechselte von der Spitze des Handelskonzerns in die Politik und übernahm einen Ministerposten im Kabinett von Friedrich Merz (CDU). Jetzt soll er als Digitalminister die notorisch analoge Verwaltung reformieren und mit Künstlicher Intelligenz effizienter machen. An Wildbergers Stelle ist der ehemalige Finanzvorstand Kai-Ulrich Deissner gerückt. Kaum ist der 56-Jährige im Mai zum CEO aufgestiegen, steht ihm nun eine riesige Aufgabe bevor: die Übernahme von Ceconmy durch den chinesischen E-Commerce-Riesen JD.com . Im Interview mit t-online erklärt Deissner, welche Konsequenzen der Einstieg der Chinesen hat, wie das Verhältnis der beiden Marken Mediamarkt und Saturn ist und wie das Geschäft derzeit läuft. Digitalminister Wildberger : "Diese Entwicklung ist kaum zu fassen" Star-Investor Carsten Maschmeyer : "Hier in den USA haben viele Angst" t-online: Die Weihnachtszeit beginnt, was bedeutet das für Ihr Geschäft? Kai-Ulrich Deissner: Das Weihnachtsgeschäft beginnt für uns nicht erst jetzt, es ist schon viel früher gestartet. Die Zeiten, in denen nur im Dezember für Weihnachten gekauft wurde, sind lange vorbei. Heute geht es schon im Oktober los und nimmt dann Ende November mit dem Black Friday so richtig Fahrt auf. Wir sind also schon mittendrin. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts erwarten 42 Prozent der Einzelhändler eine Verschlechterung des Weihnachtsgeschäfts im Vergleich zum Vorjahr. Sie auch? Meine Erwartungen sind entgegen den viel zitierten Sorgen positiv. Wir sehen, dass die Kunden einkaufen und Geld ausgeben wollen. Sie tun das aber bewusster. Was meinen Sie damit? Aktuell werden Kunden mit Tausenden Rabattangeboten überschwemmt. Doch es geht nicht nur um den günstigsten Preis, sondern auch um Beratung und guten Service. Das bekommen sie in unseren Läden. Welche Produkte sind aktuell besonders erfolgreich und welche nicht? Fernseher haben es im Moment schwer. Denn dort gab es zuletzt wenig sichtbare Innovationsschübe, außerdem warten viele Kunden auf einen äußeren Anreiz wie etwa die Fußballweltmeisterschaft im nächsten Jahr. Sehr beliebt sind dagegen smarte Küchen- und Haushaltsgeräte, sei es eine Eismaschine oder ein Staubsaugerroboter. Das ist ein echter Trend. Der Einzelhandel in Deutschland steht unter Druck. Bei Ihnen läuft es gegen diesen Trend jedoch gut. Wieso? Ich erlaube mir, Sie zu korrigieren: Bei uns läuft es sogar sehr gut. Wir sind die letzten elf Quartale am Stück gewachsen – sowohl im Umsatz als auch im Ergebnis. Dafür gibt es zwei Gründe, den ersten habe ich gerade erwähnt: die Beratung. Viele unserer Produkte bekommen sie zwar auch bei anderen Anbietern, aber eben nicht unsere Beratung. Die ist in unserer Sparte aber besonders wichtig, weil die Produkte oft kompliziert sind. Selbst Kühlschränke müssen heute programmiert und mit dem WLAN verbunden werden. Wir beraten nicht nur vor dem Kauf, sondern liefern den Kühlschrank auch nach Hause, bauen ihn auf und bieten Service, falls er kaputtgeht. Und der zweite Grund? Unser Geschäftsmodell ist nicht mehr nur der Handel. Dieser macht zwar noch zwei Drittel des Ertrags aus – ein Drittel kommt aber inzwischen aus anderen Geschäftsfeldern. Dazu gehört etwa unser Marktplatzgeschäft: Externe Händler können ihre Produkte über unsere Plattformen verkaufen. Das bieten wir nicht nur online an. Wir vermieten auch Verkaufsflächen in unseren Filialen. Durch diese Einnahmen sind wir unabhängiger von der Konsumstimmung im Land. Die wirtschaftliche Lage im Land sieht nicht gut aus. Bekommen Sie das nicht auch zu spüren? Wir sind in elf Ländern in Europa vertreten, wir stellen nirgendwo eine Kaufzurückhaltung fest. Speziell in Deutschland fällt mir aber eines auf: Viele Menschen zweifeln, ob dieses Land auf einem guten Weg ist. Diese Zweifel schlagen sich auch im Einkauf nieder. So geben hierzulande die Menschen ihr Geld nicht ganz so freizügig aus wie zu optimistischeren Zeiten. Planen Sie in Zukunft, Geschäfte zu schließen? Im Tagesgeschäft werden wir immer mal wieder einen Markt schließen und dafür anderswo einen aufmachen. Als Händler schauen wir ständig, ob ein Markt funktioniert. Ich gehe aber davon aus: In Zukunft haben wir mehr Märkte als heute. Dabei setzen wir aber nicht mehr nur auf die klassische Mediamarkt-Filiale, die meist ein 2.000 Quadratmeter großer Laden am Rande der Stadt ist. Wir wollen noch mehr kleinere Geschäfte in Innenstadtlage eröffnen, um noch näher an den Kunden zu sein. Es gibt mittlerweile deutlich mehr Mediamärkte als Saturn-Filialen. Zuletzt wurden einige Saturn-Filialen sogar in Mediamärkte umgewandelt, im Ausland gibt es Saturn überhaupt nicht mehr. Braucht es weiter beide Marken? Für uns gehören beide Marken zu unserer Strategie. Daran halten wir auch langfristig fest. Wir schauen uns in jedem Fall an, welcher Markt für welchen Standort die richtige Marke ist. Das ist bei jeder Stadt unterschiedlich. Was macht eine Saturn-Stadt und was eine Mediamarkt-Stadt aus? Das ist historisch gewachsen. Es gibt Leute, die sind eher mit Saturn aufgewachsen, und andere, die eher zu Mediamarkt gegangen sind. Wir wären nicht gut beraten, uns dieses Potenzial entgehen zu lassen. Sie machen inzwischen über ein Viertel Ihres Umsatzes online – abseits der Filialen. Wir wissen aber auch, dass deutlich mehr als 90 Prozent unserer Kunden sich während ihrer Kaufentscheidungen sowohl online als auch in unseren Märkten umsehen. Ich gehe davon aus, dass der Onlineanteil weiter steigt. Dennoch: Die Bedeutung unserer Märkte wird sich dadurch nicht verändern. Ihr Vorgänger Karsten Wildberger hat sich bei uns für eine stärkere Regulierung von chinesischen Plattformen wie Temu und Shein ausgesprochen, teilen Sie das? Grundsätzlich stellen wir uns jedem Wettbewerber, das gilt auch für Shein oder Temu. Allerdings muss die Regulierung in Europa für alle gleichermaßen gelten. Das ist im Moment nicht so. Wo genau sehen Sie Ungleichheiten? Ich kann mich da nur auf Kundenrückmeldungen berufen: Nicht alle Produkte entsprechen offenbar den Qualitätsstandards, die wir in Europa erwarten. Das werden wir kompromisslos einfordern. Mittlerweile ist Ihr Mutterkonzern Ceconomy auch mehrheitlich in chinesischer Hand: Der E-Commerce-Konzern JD.com hält mittlerweile mehr als 70 Prozent Ihres Unternehmens. Noch stehen regulatorische Freigaben aus. Wir gehen davon aus, dass wir diese in der ersten Jahreshälfte 2026 erhalten werden. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei auch um keine Übernahme, sondern eine Partnerschaft – und in einer Partnerschaft bringt jeder etwas mit. Was bringen Sie mit? Eine tiefe Kenntnis des europäischen Marktes und der Kunden. JD.com bringt eine weltweit führende Kompetenz in Logistik und Digitalisierung mit. Ich bin davon überzeugt: Bringt man diese Dinge zusammen, können wir in der Unterhaltungselektronik den europäischen Markt anführen. Wird sich an Ihrer grundlegenden Strategie für MediaMarktSaturn durch JD.com etwas ändern? Nein, das wurde auch schriftlich festgehalten. Ceconomy bleibt unabhängig mit einem eigenen Vorstand. Aber wir können nach Abschluss der Transaktion auf die Logistik zugreifen, die JD.com schon teilweise in Europa aufgebaut hat. Das heißt, Ihre Produkte werden schneller geliefert? Liefergeschwindigkeit ist total wichtig, wir leben im Zeitalter der Sofortigkeit. JD.com kann in China mehr als 90 Prozent aller Lieferungen am gleichen oder spätesten am nächsten Tag zustellen – und das ist wahrlich kein kleines Land. Mit der Hilfe von JD.com wollen wir in Europa das gleiche Lieferversprechen geben. Das bedeutet, wir werden unsere Logistik so ausbauen, dass wir dann den Großteil der Bestellungen am selben, spätestens aber am nächsten Tag liefern können. Das klingt ambitioniert. Es ist nicht meine Ambition, stehenzubleiben. Mein Ziel ist es, dieses Geschäft in Europa anzuführen, und ja: Das ist ambitioniert, aber lass uns mal machen. Der Einstieg chinesischer Unternehmen in Europa wird mittlerweile kritischer gesehen. In der Politik ist im Umgang mit China häufig von "Derisking" die Rede, also die Abhängigkeiten von China zu reduzieren, ohne sich vollständig von dem Land zu entkoppeln. Warum gehen Sie den gegenteiligen Weg? Es ist wichtig, dass die europäischen Sicherheits- und Datenschutzrichtlinien eingehalten werden. Da werden wir keine Kompromisse eingehen. Ich glaube aber auch, dass diese Vorgaben mit einer Vielzahl von Partnern eingehalten werden können, unabhängig ihrer Herkunft. Ich sehe keinen Widerspruch, sich an die Regeln zu halten und gleichzeitig eine Partnerschaft mit einem chinesischen Konzern einzugehen. Unsere Kunden müssen sich keine Sorgen machen, dass ihre Daten nach China abfließen. Denn die europäischen Regeln besagen: Die Daten bleiben hier. Aktuell gibt es viel Aufregung über den Umgang von Wirtschaftsunternehmen mit der AfD . Wie nehmen Sie diese Diskussion wahr? Wir als Unternehmen, und auch ich persönlich, stehen ganz fest zu den demokratischen Prinzipien dieses Landes. Wir engagieren uns sehr stark für die Vielfältigkeit und Demokratie in allen Ländern, in denen wir tätig sind. Sollten sich auch nur Zweifel ergeben, dass eine Partei nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht, ist für uns eine Linie überschritten. Herr Deissner, vielen Dank für das Gespräch.

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