Stimmungsschwankungen
Bevor Borussia Mönchengladbach vor genau einem Monat gegen den FC St. Pauli antrat, war die Stimmungslage arg getrübt. Das 3:1 gegen den Karlsruher SC wenige Tage zuvor bot zwar einen ersten Hoffnungsschimmer. Zu desolat war aber das vorherige Auftreten in der Liga gewesen, sodass die Abstiegsangst weiterhin greifbar war.
Wenn Borussia Mönchengladbach morgen erneut gegen den FC St. Pauli antritt, tut sie dies in weit positiverer Gemütslage. Zuletzt vier Siege und ein Unentschieden in Folge haben die Mannschaft in das Tabellenmittelfeld katapultiert. Der Abstand auf Tabellenplatz 8 ist mit drei Zählern geringer als der auf die Relegation. Dennoch wäre es immer noch vermessen, jetzt schon wieder von einer Rückkehr nach Europa zu träumen.
Wobei: Der schnellste Weg dorthin steht Borussia weiterhin offen. Im DFB-Pokal kann sie am Dienstag einen großen Schritt machen, indem sie mit einem Heimsieg über den FC St. Pauli ins Viertelfinale einzieht und danach nur noch zwei weitere Erfolge bis zu einer Berlin-Reise im kommenden Mai benötigte. Mit Dortmund oder Leverkusen wird ein weiterer Titelfavorit in dieser Runde die Segel streichen. Die Bayern haben seit einigen Jahren eine Pokalphobie. Und vor den ebenfalls höher einzuschätzenden Teams aus Leipzig und Stuttgart muss sich Borussia in der aktuellen Verfassung nicht verstecken, was die direkten Duelle dieser Saison unterstrichen haben.
Finanziell würde der Einzug unter die letzten acht eine Zusatzeinnahme von rund zwei Millionen Euro versprechen, was im bevorstehenden Winter-Transferfenster den Spielraum für den neuen Sportkopf Rouven Schröder erhöhen könnte.
Bevor das Fell des Hamburger Seebären aber vorschnell verteilt wird, muss erst einmal die Partie am Dienstagabend erfolgreich absolviert werden. Das überzeugende 4:0 vom vergangenen Monat sollte dabei kein Gradmesser sein. Der FC St. Pauli hat nach dieser Partie zwar auch die darauffolgenden drei Partien verloren – dies aber jeweils sehr knapp. Zuletzt konnte der FC Bayern München den Erfolg erst in der Nachspielzeit über die Bühne bringen. Gerade defensiv zeigte sich die Elf von Immer-Noch-Trainer Alexander Blessin zuletzt verbessert. Anders als Anfang November, als die Hanseaten zuhause stärker selbst gefordert waren, werden sie im Borussia-Park defensiv kompakt auftreten und es den Gastgebern in der Offensive deutlich schwerer machen. In der Vergangenheit taten sich die Gladbacher gegen solche Mannschaften regelmäßig schwer. Für die von Polanski neu eingestellte Truppe wird es eine echte Bewährungsprobe, ob sie es unter diesen Voraussetzungen besser macht.
Setzen kann der Coach dabei grundsätzlich auf die bewährte Formation der letzten Wochen. Nach dem Spiel gegen Leipzig ließ sich Jens Castrop so zitieren, dass Borussia mit dieser warm geworden sei. Tatsächlich ist die Umstellung auf Dreier- bzw. Fünferkette in der Defensive sowie die veränderte Rolle von Franck Honorat als zweiter Angreifer um Stoßstürmer Tabakovic herum ein Geheimnis des jüngsten Erfolgs. Ausgerechnet Castrop selbst könnte seinen Trainer aber ins Grübeln bringen, mit dieser so erfolgreichen Grundformation zu brechen. Personell wird er es ohnehin tun müssen, da nach Sander mit Castrop und Neuhaus zwei weitere Puzzleteile verletzt ausfallen.
Für die mutigste aller Optionen, angesichts der personellen Engpässe einen Doppelsturm Tabakovic/Kleindienst zu testen, ist Borussias Kapitän noch nicht weit genug. Rund 20 Minute soll der Ex-Heidenheimer inzwischen „im Tank“ haben. Was angesichts der Möglichkeit einer Verlängerung erst eine sehr späte Einwechselung erwarten lässt.
Eine Systemumstellung wäre angesichts der jüngsten Erfolgswelle ohnehin nicht zu empfehlen. Für Neuhaus könnte daher Giovanni Reyna sein Startelfdebüt in der Ära Polanski feiern. Wenngleich er zuletzt bei seinen Einwechselungen wenig für sich werben konnte, stehen die Chancen für ihn besser als für den inzwischen weit zurückgefallenen Kevin Stöger. Wael Mohya wäre eine mutige Variante, mit der aber eher nicht zu rechnen ist. Nicht nur, dass der Youngster erst seit kurzer Zeit wieder fit geworden ist. Bei der 1:2-Niederlage der U23 gegen Gütersloh bekam er früh einen Schlag aufs Auge und musste nach 26 Minuten ausgewechselt werden. Von daher könnte ihm morgen maximal die Rolle des Edeljokers zufallen.
Möchte Polanski sein System beibehalten, so spräche dies gegen die Variante, Honorat für Castrop zurück auf die rechte Schiene zu ziehen. Gute Karten für eine Berufung in die erste Elf könnte dagegen Oscar Fraulo haben. Der Däne bringt es in dieser Saison bislang zwar erst auf insgesamt 41 Einsatzminuten. Polanski ließ aber stets durchblicken, viel von ihm zu halten. Jetzt bietet sich die große Chance, ihm und Reyna einmal eine echte Chance zu bieten.
Nicht nur aufgrund der personellen Umstellungen darf Borussia das Spiel nicht auf die leichte Schulter nehmen. Schon in der letzten Pokalrunde überraschten die Paulianer mit etwas Glück den favorisierten Gegner aus Sinsheim und siegten im Elfmeterschießen.
Pokalheld Ben Voll, der damals zwei von neun Elfmetern parieren konnte, wird am Dienstag nicht mit von der Partie sein. Blessin möchte die zuletzt stabiler agierende Defensive mit Stammtorwart Vasilj nicht auseinanderreißen. Für Borussia nicht unbedingt eine schlechte Nachricht, da der Bosnier in den letzten Wochen akut schwächelte, während Voll im Pokal überzeugte.
Auch Andreas Hountondji, mit vier Treffern bester Torschütze der Hamburger, der zuletzt dem einstigen Toptorhüter Manuel Neuer einen Ball in die Torwartecke durchsteckte, wird fehlen. Er könnte durch Sinani oder Kaars ersetzt werden.
Von der Aufstellung her sollte Borussia alle Trümpfe in der eigenen Hand haben. Da zudem auch die Einstellung zuletzt stimmte, ist die Mannschaft für den erwarteten Pokalfight gut gerüstet, um die Stimmungslage rund um den Borussia-Park kurz vor Weihnachten noch weiter aufzuhellen als zuletzt ohnehin schon.
So könnten sie spielen
Borussia: Nicolas – Scally, Elvedi, Diks – Fraulo, Engelhardt, Reitz, Reyna, Ullrich – Honorat, Tabakovic
St. Pauli: Vasilj – Wahl, Smith, Mets – Pyrka, Sands, Ritzka – Fujita, Sinani, Irvine – Pereira Lage
So tippt die Seitenwahl-Redaktion
Michael Heinen: „Es wird enger als es uns lieb wäre. Dank ihrer Kampfkraft bleibt Borussia aber mit 2:1 siegreich.“
Claus-Dieter Mayer: „Nicht schön, aber spannend: Borussia gewinnt 1:0 in der Verlängerung.“
Mike Lukanz: „Es wird das erwartet schwere und zähe Spiel, das Borussia dennoch mit Ach und Krach, nach Rückstand und etwas VAR-Glück 2:1 gewinnen wird.“
Uwe Pirl: „Das Spiel wird schwerer, als es das Ergebnis aus der Bundesliga erwarten lässt. Trotzdem gewinnt Borussia 3 zu 1.“
Michael Oehm: „Das Ausscheiden nach 90 Minuten hat niemand erwartet. Aber Abschlusspech beim Gegner und ein später Konter erlauben Sankt Pauli einen 0:2-Auswärtssieg.“
Christian Spoo: „Borussia tut sich schwer und kommt vorne nicht durch. St. Pauli gelingt kurz vor Schluss das, was Sportreporter*innen, die den Strafraum als Box bezeichnen, gerne „Lucky Punch“ nennen. Die Folge: Mal wieder Pokalkatzenjammer am Niederrhein.“