Rente nach Beitragsjahren, höheres Eintrittsalter: Reformideen im Check
Das Rentensystem ist auch nach dem Gesetzespaket der Regierung weiter reformbedürftig. Ein Überblick, welche Ideen diskutiert werden. Das deutsche Rentensystem ist ein Versprechen: Wer jahrzehntelang arbeitet, soll im Alter gut abgesichert sein. Doch die Finanzierung steht vor einer Zerreißprobe. Die Babyboomer gehen in Rente , die Lebenserwartung steigt, und die Beitragszahler werden weniger. Die Bundesregierung aus Union und SPD versichert, das System stabilisieren zu wollen, eine Rentenkommission denkt bis Sommer 2026 über grundlegende Reformen nach. Mit dem ersten Rentenpaket hat sich für Arbeitnehmer und Rentner bereits einiges geändert – allerdings kosten die Maßnahmen vor allem Geld. t-online zeigt, welche weiteren Vorschläge auf dem Tisch liegen und was diese taugen. Frühstart-Rente Eine Idee aus den Reihen der Bundesregierung selbst, die rückwirkend zum 1. Januar 2026 umgesetzt werden soll, ist die Frühstart-Rente . Dabei spendiert der Staat zunächst allen Kindern ab dem Jahrgang 2020 10 Euro im Monat und zahlt dieses Geld auf ein Altersvorsorgedepot ein, bis die Kinder volljährig sind. Er investiert also insgesamt knapp 1.500 Euro pro Kind in Fonds, ETFs oder andere Wertpapiere. Das Depot gehört dem Kind selbst. Ab 2029 könnten auch Kinder der Jahrgänge 2012 bis 2019 in die Frühstart-Rente einbezogen werden. Auch die schwarz-rote Koalition wagt sich also an eine ergänzende Kapitaldeckung bei der Altersvorsorge. Anders als es die Ampel mit dem Generationenkapital geplant, aber nie umgesetzt hatte, soll die aber nicht in der ersten Säule der Altersvorsorge – der gesetzlichen Rente – stattfinden, sondern in der dritten, der privaten Altersvorsorge. Bewertung: In welcher Säule die Bürger von der Kraft der Kapitalmärkte profitieren, ist unerheblich. Schließlich sollen alle drei Säulen zusammen eine auskömmliche Altersvorsorge hervorbringen. Die Frühstart-Rente hat das Potenzial, die Finanzbildung von Kindern und ihren Eltern zu verbessern. Rein finanziell macht man mit den 10 Euro im Monat aber keine großen Sprünge, wie t-online ausgerechnet hat . Es ist daher gut, dass die Bundesregierung die Frühstart-Rente mit einer Reform der Riester-Rente verbinden will (siehe nächster Abschnitt). Altersvorsorgedepot einführen Die unrentable Riester-Rente soll abgelöst werden: Ende 2025 hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf für eine Reform auf den Weg gebracht. Kern ist die Einführung eines Altersvorsorgedepots, mit dem alle Bundesbürger ihr Geld langfristig und breit gestreut in Fonds, ETFs und Anleihen anlegen können. Dabei sollen sie staatliche Zulagen und Steuervorteile erhalten. Außerdem sollen modernisierte Versicherungsprodukte mit geringerer Beitragsgarantie möglich sein. Das erhöht die Chance auf mehr Rendite . Bewertung: Nach Jahren des Stillstands bekommen Deutschlands Bürger mit dieser Reform endlich wieder die Chance auf eine private Altersvorsorge, die ihren Namen verdient hat. Eine Altersvorsorge ohne starre Beitragsgarantie, mit höherer Aktienquote, flexibler Auszahlung, verständlicher und besserer Förderung – all das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings lässt der Gesetzentwurf Sparern weiterhin die Option, ihr Geld in Produkten anzulegen, die unnötig teuer sind und weniger Rendite bringen . Renteneintrittsalter erhöhen Das gesetzliche Rentenalter weiter zu erhöhen, ist nicht Teil des Koalitionsvertrags. Doch die Forderungen danach werden immer lauter. Spätestens seit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eine längere Lebensarbeitszeit öffentlich als nötig bezeichnete , diskutiert Deutschland wieder intensiver über die Rente jenseits der 67 Jahre. Die Wirtschaftsweisen haben einen Vorschlag, wie sich das konkret gestalten ließe. "Am besten wäre ein Automatismus: Die zusätzlich gewonnene Lebenserwartung wird zu zwei Dritteln auf das Erwerbsleben und zu einem Drittel auf den Ruhestand aufgeteilt. Das stärkt die Tragfähigkeit der Rentenversicherung , ohne dass wir die Rente mit 70 sofort haben", sagte die Ökonomin Veronika Grimm der Funke Mediengruppe. Legt man die aktuellen Vorausberechnungen zur Lebenserwartung zugrunde, gäbe es ab 2050 die Rente mit 68 Jahren, ab 2070 die Rente mit 69 Jahren. Bewertung: Ein Renteneintrittsalter , das an die Lebenserwartung gekoppelt ist, wäre langfristig eine echte Entlastung für das System, ist aber äußerst unpopulär. Dabei wäre ein solcher Automatismus transparent, nachvollziehbar und gerecht. Viele andere europäische Länder machen es zudem bereits vor, etwa die Niederlande . Renteneintritt an Beitragsjahre koppeln Kurz bevor die Bundesregierung die Rentenkommission eingesetzt hat, diskutierte die Politik eine weitere Idee zum Rentenbeginn: Er könnte davon abhängig gemacht werden, wie lange jemand Beiträge in die Rentenkasse geleistet hat . Der Vorschlag stammt vom Wirtschaftsprofessor Jens Südekum, der Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) berät. Eine konkrete Zahl an Mindestbeitragsjahren wurde nicht genannt. Bewertung: Würde man den Renteneintritt nicht mehr an ein starres Alter binden, ließen sich womöglich jedes Jahr Milliarden Euro an Kosten sparen. Denn gerade für Akademiker, die oft höhere Renten beziehen, dürfte das bedeuten, dass sie länger arbeiten müssen als bisher. Die Rentenkasse würde von ihnen also länger Beiträge erhalten und müsste ihnen gleichzeitig weniger lange Rente auszahlen. Zudem würde das System gerechter. Wer später einzahlt, bekommt auch später etwas heraus und umgekehrt. Allerdings dürfte die Mindestanzahl an Beitragsjahren wohl nicht das alleinige Kriterium sein, um in Rente gehen zu dürfen. Schließlich könnten sonst insbesondere Millionen Frauen durchs Raster fallen, die nach der Familiengründung eine längere Auszeit vom Job nehmen. Auch ist es für bestimmte Berufe unumgehbar, länger zu studieren – etwa für angehende Ärztinnen und Ärzte. Beamte einbeziehen Mit diesem Vorstoß machte sich Arbeitsministerin Bas gleich zu Beginn ihrer Amtszeit keine Freunde beim Koalitionspartner CDU/CSU. Obwohl nicht im Koalitionsvertrag vereinbart, schlug sie vor, auch Beamte, Selbstständige und Abgeordnete in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen zu lassen , um mehr Einnahmen zu generieren. Für die Finanzierung des Rentensystems bringe das jedoch nichts, kritisieren Ökonomen. "Es hat dem System noch nie geholfen, weitere Gruppen einzubeziehen. Denn sie bedeuten steigende Rentenansprüche in der Zukunft. Das gilt vor allem für Beamte, deren Lebenserwartung höher ist als beim Schnitt der Bevölkerung", erklärt der Wirtschaftsweise Werding. Zudem reiße man damit Löcher in den Haushalten der Länder auf, die die Mehrzahl der Beamten beschäftigen. Denn diese müssten umgehend große Summen für die Rentenkasse bereitstellen. Lesen Sie auch: Beamte in die Rente? Das wird teuer Trotzdem ist der Sachverständigenrat einer Reform nicht abgeneigt – allerdings nicht, um der gesetzlichen Rente zu helfen. "Wir empfehlen, künftigen Beamten eine Basisrente zu geben, für die alle Rentenreformen sofort gelten, plus eine Betriebsrente", sagt Werding. "Das sorgt für Transparenz und wirkungsgleiche Anpassungen." Aktuell hätten Pensionäre bei Reformen weniger starke Einbußen hinzunehmen als Rentner. Der Staat solle zudem nur noch solche Berufsgruppen verbeamten, die hoheitliche Aufgaben wahrnehmen. "Für Lehrkräfte und Hochschullehrer – wie mich selbst – gilt das etwa nicht." Bewertung: Es wäre möglich und sinnvoll, die Beamtenversorgung zu reformieren. Allerdings nicht so, wie Bas sich das vorstellt. Denn eine Einbeziehung in die gesetzliche Rente würde langfristig nur höhere Ausgaben verursachen und die Länder vor finanzielle Probleme stellen. Höhere Abschläge auf Rente ab 63 Die Wirtschaftsweisen haben noch mehr Ideen, wie bei der gesetzlichen Rente gespart werden kann. Eine davon: höhere Abschläge auf die Rente für langjährig Versicherte . Diese kann man ab 63 Jahren beziehen, sofern man bis dahin mindestens 35 Beitragsjahre zusammenhat. Das taten zuletzt 251.000 Menschen, mehr als ein Viertel aller 2024 erstmals gezahlten Altersrenten. Die Option, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, soll zwar auch nach dem Willen der Ökonomen erhalten bleiben, aber eben zu schlechteren Konditionen. "Derzeit sind die Rentenabschläge zu niedrig, sie müssen steigen", sagt Werding. "Für jedes Jahr, das Rentner früher gehen, werden 3,6 Prozent abgezogen. Versicherungsmathematisch korrekt wären Abschläge zwischen 5 und 7 Prozent." Bewertung: Fallen die Abschläge höher aus, zahlt die Rentenversicherung den langjährig Versicherten geringere Renten. Die Maßnahme würde also sofort die Ausgaben senken. Gleichzeitig könnten die höheren Abzüge dazu führen, dass weniger Menschen die frühere Rente in Anspruch nehmen oder das erst später tun als bisher. Schließlich reduzieren sich die Abschläge mit jedem Monat, den man später in Rente geht. Auch die Einnahmen der Rentenversicherung würden dadurch höher ausfallen, weil Menschen länger einzahlen würden. Abschlagsfreie Frührente abschaffen Neben der Rente für langjährig Versicherte gibt es noch die Rente für besonders langjährig Versicherte. Diese war mal ab 63 Jahren möglich und hieß daher auch "Rente mit 63". Inzwischen liegt die Altersgrenze höher und steigt noch weiter, bis sie für alle Jahrgänge ab 1964 bei 65 Jahren liegt. Weitere Voraussetzung sind mindestens 45 Beitragsjahre. Wer das schafft, kann vorzeitig in Rente gehen, ohne Abschläge in Kauf nehmen zu müssen. Die Wirtschaftsweisen würden diese Rentenart gerne komplett abschaffen. "Sie hilft den Falschen. Stark belastete Arbeitnehmer wie Dachdecker oder Krankenschwestern erreichen oft gar keine 45 Beitragsjahre", sagte die Vorsitzende des Sachverständigenrats, Monika Schnitzer , der "Rheinischen Post". Im Koalitionsvertrag ist jedoch ausdrücklich vereinbart, an der "Rente mit 63" nicht zu rütteln . Bewertung: Untersuchungen zeigen, dass die abschlagsfreie Frührente tatsächlich eher von Menschen genutzt wird, die es sich leisten können und keine gesundheitlichen Probleme haben. Zudem gehen deutlich mehr Menschen auf diese Art in Rente als bei ihrer Einführung angenommen. So gehen dem System wertvolle Arbeitskräfte und Beitragszahler verloren. Zudem ist fraglich, wie sinnvoll es ist, einen Anreiz für eine frühere Rente zu setzen, wenn man Menschen mit der Aktivrente gleichzeitig zur Weiterarbeit bewegen will. Witwenrente abschaffen Auch die Witwenrente kann in den Augen der Wirtschaftsweisen verschwinden. "Unter Anreizaspekten wäre es gut, wenn die Witwenrente wegfällt", bekräftigte Werding, was der Sachverständigenrat bereits in einem früheren Jahresgutachten formuliert hatte. "Frauen können heute für sich selbst sorgen." Bewertung: Eine solche Reform bräuchte viel Vorlauf und würde erst für Ehen ab einem bestimmten Stichtag gelten. Die Abschaffung der Witwenrente könnte das System also erst langfristig entlasten. Anspruch, Höhe, Dauer: Sieben Irrtümer zur Witwenrente Rentensplitting statt Witwenrente? Was das für Sie bedeuten würde Renten mit der Inflation steigen lassen Zum 1. Juli eines jeden Jahres steigen in der Regel die Renten . Wie stark, richtet sich vor allem danach, wie sich die Löhne entwickelt haben. Nach Ansicht der Wirtschaftsweisen Grimm sollten die Bestandsrenten hingegen nur noch mit der Inflation steigen. Bewertung: Nach Jahren der hohen Inflation hat sich die Teuerungsrate inzwischen dort eingependelt, wo die Europäische Zentralbank (EZB) sie haben möchte. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes lag sie im Juli 2025 voraussichtlich bei 2,0 Prozent. Die letzte Rentenerhöhung fiel mit einem Plus von 3,74 Prozent hingegen deutlich höher aus. Im Schnitt würde die Rentenversicherung durch eine solche Änderung also ihre Ausgaben reduzieren, ohne dass Rentner allzu harte Einbußen hätten. Beitragsbemessungsgrenze anheben Immer mal wieder genannt wird auch eine stärkere Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung. Diese bestimmt, bis zu welcher Höhe Ihres Einkommens Sie Beiträge zahlen müssen. Bewertung: Würden Gutverdiener auf einen größeren Teil Ihres Gehalts Rentenbeiträge zahlen, bescherte das der Rentenversicherung zwar direkt mehr Einnahmen, sie müsste diesen Einzahlern aber langfristig auch höhere Renten auszahlen. Zudem würden auch die jährlichen Rentenanpassungen höher ausfallen. Mehr Steuerzuschüsse Sozialverbände und Gewerkschaften fordern höhere Zuschüsse aus Steuermitteln, um sogenannte versicherungsfremde Leistungen vollständig zu decken. Das sind Leistungen, die die Rentenversicherung an Menschen zahlt, die für diesen speziellen Rentenanspruch zuvor keine oder nur teilweise Beiträge eingezahlt haben. Daher nennt man sie auch nicht beitragsgedeckte Leistungen. Dazu gehören zum Beispiel Rentenansprüche für Zeiten von Kindererziehung oder Berufsausbildung. Der Bund zahlt für diese Leistungen bereits Zuschüsse an die Rentenkasse, allerdings nicht komplett. So hat die Rentenversicherung geschätzt, dass sie im Jahr 2023 bis zu 124,1 Milliarden Euro für nicht beitragsgedeckte Leistungen ausgegeben hat. Die Bundeszuschüsse betrugen in diesem Jahr hingegen nur 84,3 Milliarden Euro. Der Rest wird also nicht von der Allgemeinheit, sondern von den Beitragszahlern getragen. Bewertung : Steuerzuschüsse, die die versicherungsfremden Leistungen komplett decken, wären gerecht und würden die Beitragszahler entlasten. Allerdings steht auch der Bundeshaushalt unter Druck. Dieser würde durch die Maßnahme weiter steigen. Zudem gibt es bisher keine allgemein anerkannte Definition, was genau zu den versicherungsfremden Leistungen zählt. Höhere Beiträge Soll das Rentenniveau nicht sinken und wird auch sonst keine der oben genannten Sparmaßnahmen umgesetzt, müssen die Beiträge steigen. Und das tun sie auch. Ab 2027 soll sich der Beitragssatz von heute 18,6 auf 18,8 Prozent erhöhen – etwas mehr als erwartet. 2035 könnte er bereits bei 22,3 Prozent liegen. Bewertung: Höhere Rentenbeiträge sind keine Maßnahme, die jemand fordert, sondern die unausweichliche Folge fehlender Reformen. Da sie sich auf die Arbeitskosten durchschlagen, sind sie nicht nur eine Belastung für jeden Beitragszahler, sondern auch für die Konjunktur. Das gilt umso mehr, da sich auch die Beiträge in den anderen Sozialversicherungen erhöhen werden.