Alfred Gíslason: Bundestrainer vor schwerer Handball-EM unter Druck
Bei der Handball-Europameisterschaft erwartet die deutsche Nationalmannschaft eine schwere Auslosung. Auch für den Bundestrainer könnte die Luft dünn werden. "Es wird das schwierigste Turnier sein, das ich je gespielt habe." Handball-Bundestrainer Alfreð Gíslason baute in einem Interview mit der Europäischen Handballföderation (EHF) schon einmal vor. "Unser Ziel bei jedem Turnier ist es, das Halbfinale zu erreichen. Aber dieses Mal ist es anders – das erste Ziel ist einfach, die Hauptrunde zu erreichen, idealerweise mit einer weißen Weste. Das wird schon schwierig genug sein", sagte der 66-Jährige mit Blick auf die am 15. Januar beginnende Europameisterschaft . Gíslason weiß, dass das Turnier in Norwegen, Schweden und Dänemark besonders hart wird. Mit Österreich, Serbien und Spanien hat die deutsche Mannschaft bereits eine knifflige Vorrundengruppe erwischt. In der Hauptrunde wären dann mit Weltmeister und Olympiasieger Dänemark, EM-Titelverteidiger Frankreich, WM-Halbfinalist Portugal und Mit-Gastgeber Norwegen weitere harte Brocken möglich. Trotz der Hoffnungen auf einen Titel ist ein frühes Ausscheiden der DHB-Auswahl also so wahrscheinlich wie lange nicht. Auch für Gíslason selbst könnte das Konsequenzen haben. Titeldürre und Umbruch Seit nunmehr zehn Jahren warten die deutschen Handballer auf einen großen Titel. Seit Gíslasons isländischer Landsmann Dagur Sigurðsson die deutsche Mannschaft bei der EM 2016 zum Titel führte, machte der DHB bewegte Zeiten durch. Nach dem Abgang Sigurðssons scheiterte das Projekt mit Christian Prokop als Bundestrainer. Als Gíslason 2020 als Bundestrainer übernahm, stand ein Umbruch an. Der Kader wurde deutlich verjüngt. Gíslason, der vor seinem Engagement beim DHB seine Trainerkarriere eigentlich schon beendet hatte, baute die Mannschaft Stück für Stück neu auf. Trotz des Umbruchs zeigte der Trend unter dem langjährigen Erfolgscoach des Bundesligisten THW Kiel stets nach oben. Bei der WM 2021 startete Gíslason mit Platz zwölf, bei Olympia in Tokio erreichte Deutschland das Viertelfinale, bei der EM 2022 reichte es zu Platz sieben, bei der WM 2023 zu Platz fünf, bei der EM 2024 wurde es Platz vier. Der Höhepunkt folgte dann bei Olympia in Paris. Mit dem Gewinn der Silbermedaille scheiterte die Mannschaft nur knapp am großen Coup. Die Erwartungen an die Weltmeisterschaft 2025 waren entsprechend hoch. Würde die Mannschaft nach dem kontinuierlichen Aufwärtstrend nun auch den letzten Schritt zum Titel gehen? Die klare Antwort: nein. Das Turnier wurde zu einer Enttäuschung. Nach bereits durchwachsenen Leistungen in der Vor- und Hauptrunde schied Deutschland im Viertelfinale gegen Portugal aus. Es war der erste deutliche Rückschritt unter Gíslason – und der Bundestrainer bekam prompt Gegenwind. Zu ideenlos, statisch und wenig flexibel habe er die Mannschaft spielen lassen, hieß es vonseiten der Kritiker. In der Offensive waren die Außenspieler nicht erst seit der WM 2025 fast gänzlich abgemeldet. Kadernominierung löst Diskussionen aus Auch vor dem Beginn der EM zog Gíslason Kritik auf sich. Der Grund: Der Bundestrainer ließ mit Tim Freihöfer von den Füchsen Berlin einen der besten deutschen Außenspieler außen vor. Stattdessen berief er den erfahrenen Rune Dahmke vom THW Kiel in den Kader, der zwar schon beim letzten Titelgewinn 2016 dabei war, von vielen Beobachtern aktuell aber hinter Freihöfer gesehen wurde. Die Entscheidung wurde vielerorts mit Stirnrunzeln wahrgenommen, allen voran bei Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning . Der warf Gíslason prompt vor, das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt zu haben. Der Bundestrainer gab sich zwar betont gelassen und wischte die Kritik weg, dennoch erhöhte er den Druck auf sich selbst. Sollte das Turnier für ihn und seine Mannschaft frühzeitig enden, dürften ihm derartige Entscheidungen, schwere Auslosung hin oder her, umso mehr vorgehalten werden und seine Zukunft beim DHB gefährden. Eine Jobgarantie hat Gíslason trotz eines gültigen Vertrags bis nach der Heim-WM 2027 nämlich nicht mehr. DHB-Präsident Andreas Michelmann schloss für den Fall einer erneuten Enttäuschung bei der EM eine vorzeitige Trennung von Gíslason nicht mehr aus. "Es ist doch klar, dass wir darüber nachdenken würden, wenn die Mannschaft – wovon ich nicht ausgehe – bei der EM absolut nicht performt", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Nach jedem Turnier der Männer und Frauen berichten die Bundestrainer an die DHB-Führung. Auf Basis dieser Bilanzen und Analysen werden dann entsprechende Schlüsse gezogen", so Michelmann weiter. Das bedingungslose Vertrauen, dass Gíslason mit der DHB-Auswahl auch den letzten Schritt zu einem Titel gehen kann, scheint also geschwunden zu sein. Der Bundestrainer reagierte darauf betont gelassen. Druck verspüre er nur "den, den ich mir selbst mache. Druck von außen spüre ich nicht", sagte er im Interview mit der "Bild am Sonntag". "Der (Druck von außen, Anm. d. Red.) interessiert mich auch nicht. Ich bin so lange dabei. Und habe viele Tiefen, aber viel, viel mehr Höhen erlebt. Ich bin einfach dankbar, meine absolute Leidenschaft als Job zu haben, und genieße die Arbeit mit den Jungs." Dennoch dürfte Gíslasons Tiefstapelei mit Verweis auf die harte Auslosung strategisch sein, um im Falle eines frühen Scheiterns Argumente für eine Weiterbeschäftigung zu haben. "Dann ist das halt so" Gíslason ließ nämlich bereits durchblicken, dass er trotz seines mit 66 Jahren schon fortgeschrittenen Alters gerne auch über die WM 2027 hinaus beim DHB weitermachen würde. Ihm sei natürlich "auch klar, dass ich nicht der Jüngste im Feld bin", sagte er dem Sport-Informations-Dienst. Mindestens genauso klar ist für ihn aber auch, dass er "natürlich gerne weiter mit der Mannschaft arbeiten möchte". Aber: Wenn der DHB lieber einen jüngeren Coach wolle, "dann ist das halt so", sagte Gíslason. Ein Ende seiner inzwischen 35-jährigen Trainerlaufbahn, so viel steht fest, kommt für Gíslason nicht infrage. "Ich habe das schon mal versucht", sagte der Bundestrainer, "das war nicht so schön und hat mir auch nicht viel Spaß gemacht". Eine Fortsetzung seiner Karriere wird es also auf jeden Fall geben. Ob er dies jedoch als deutscher Nationaltrainer tun wird, scheint offener denn je.