Punkten gegen Unabsteigbare
Der FC Augsburg ist das neue Bochum. Was meint das? Der Verein wurde seit dem Aufstieg 2011 immer als potenzieller Absteiger gehandelt, hat sich aber trotzdem als im Grunde unabsteigbares Mitglied der Bundesliga etabliert, dabei jedoch kaum je mehr als Platz 12 erreicht. Also genau das, was Bochum früher mal war. Auch wenn sich dieser Track Record im Grunde ziemlich bescheiden liest - ein 4:0-Sieg gegen Augsburg ist für langjährige Fans von Borussia Mönchengladbach ein durchaus überraschendes Ereignis. Warum ist das so? Die bayerischen Schwaben zeichnete meistens eine klare Spielanlage aus. Das Ziel war es, unangenehm für den Gegner zu sein und diesen permanent und körperbetont über das ganze Feld zu bearbeiten. So wurde eher spielerisch veranlagten Mannschaften wie sie Gladbach in jüngster Zeit regelmäßig stellte nicht nur einmal der Schneid abgekauft. Für Augsburg wird es immer dann gefährlich, wenn diese Grundtugenden in Vergessenheit gerieten und nach höherem gestrebt wurde. So war es Anfang dieser Saison, als der damalige Trainer Sandro Wagner markige Sprüche in alle möglichen Richtungen absonderte und damit den Eindruck erweckte, der Himmel sei das Limit. Wie das endete, wissen wir. So zieht es sich durch die Saison. So war es auch am Sonntag, als harmlose und alles andere als unangenehme Augsburger – wie deren Cheftrainer Manuel Baum nach dem Spiel zurecht feststellte – auf eine sehr effiziente Elf von Borussia Mönchengladbach trafen und deren Effizienz und Disziplin – eigentlich Augsburger Eigenschaften - nicht viel entgegensetzen konnten. Markant war dabei vor allem die Mannschaftsleistung der Gladbacher, bei der wirklich niemand abfiel. Die Zuschauer sahen erstmals seit langem ein komplett dominantes Spiel der Borussen, das durch die Tore von Scally, Diks und zweimal Tabakovic veredelt wurde. Man hofft, dass vor allem die mannschaftliche Geschlossenheit der neue Maßstab am Niederrhein ist. Denn die wird man auch am Mittwochabend brauchen.
Unabsteigbar ist der kommende Gegner, der sympathische Traditionsverein aus Hoffenheim scheinbar auch. Leider. Etwas länger in der Bundesliga als Augsburg, aufgrund der Investitionen des selbstlosen Mäzens Hopp aber mit völlig anderen materiellen Möglichkeiten ausgestattet verwundert es eher, dass die Sinsheimer wieder und wieder in Abstiegsgefahr geraten. In dieser Saison sieht es anders aus, der Verfasser dieser Zeilen, der im Bundesliga-Check auf einen Abstieg dieses Konstrukts hoffte, muss an dieser Stelle eine gravierende Fehleinschätzung eingestehen. Außerhalb des Rasens geht zwar die Selbstzerfleischung des Vereins munter weiter – diverse Rauswürfe und Rücktritte sowie die Posse um das Hausverbot gegen einen verbal inkontinenten, zugleich aber mit einem irritierenden Einfluss auf Hopp ausgestatteten Spielerberater amüsieren regelmäßig das Umfeld. Trainerteam und Mannschaft schaffen es aber bisher ausgesprochen gut, das auszublenden, sodass bisher ein durchaus überraschender 5. Tabellenplatz herausgesprungen ist. Die ersten reden von der Champions League. Die Hoffenheimer empfangen uns ausgeruht, waren sie doch am Wochenende Opfer der Wetterkapriolen, die zur Absage des Spiels in Bremen führten. Andererseits empfangen sie uns ohne Wettkampfpraxis. Welcher Aspekt überwiegt, wird das Spiel zeigen.
Hoffenheim 2025 zeichnet sich durch hohes und intensives Anlaufen aus, um dann schnell vor das gegnerische Tor zu kommen. Personalsorgen hat die ein wenig namenlos daherkommende Mannschaft im Grunde kaum, lediglich Hajdari ist gelbgesperrt. Fast alle anderen genannten Ausfälle tragen das Label „nicht berücksichtigt“. Im Tor wird zweifelsohne Baumann stehen, der sich angesichts der Entwicklungen in Barcelona zunehmend (verdiente) Hoffnungen machen darf, auch als Stammtorwart der Nationalmannschaft zur WM zu fahren. Davor agieren eine Viererkette und ein kompaktes Mittelfeld. Offensiv verlässt man sich auf den x-ten Frühling von Andrej Kramaric und die beiden Neuzugänge Asllani und Lemperle, dem man möglicherweise den Weg zu Heidelbergs Partybooten noch nicht gezeigt hat.
Auf Gladbacher Seite ist nicht mit Änderungen der Startelf im Vergleich zum Spiel gegen Augsburg zu rechnen. Abgangskandidat Luca Netz hat am vergangenen Sonntag eines seiner besten Spiele für Gladbach gemacht, Polanski hat zurecht klargestellt, dass er sich von Transfer- und Vertragsdiskussionen nicht die Mannschaftsaufstellung beeinflussen lässt, also gibt’s keinen Grund für einen Wechsel. Wesentliche Aufgabe wird es sein, sicher von hinten herauszuspielen und sich nicht vom anlaufenden Hoffenheimern in Hektik versetzen zu lassen. Sollte das gelingen, werden sich Räume bieten, die man mit Gegenstößen bespielen kann. Und dann ist auch bei den Unabsteigbaren aus Hoffenheim was drin. Und wenn auch bei den Unabsteigbaren aus dem Kraichgau richtig was drin gewesen sein sollte, dann hätten nicht nur deren Champions-League-Ambitionen einen gehörigen Dämpfer erhalten, sondern Borussia Mönchengladbach würde die Hinrunde mit einem guten Ergebnis, einem zufriedenstellenden Punktekonto, einem wahrscheinlich ziemlich ausgeglichenen Torverhältnis und der Möglichkeit abschließen, den (nicht geographisch gemeinten) Blick nach oben Richtung Freiburg und Frankfurt statt nach unten Richtung Hamburg und Heidenheim zu richten.
Der SEITENWAHL-Tipp:
Uwe Pirl: Auf dem Rasen wird es wild, auf den leeren Rängen nicht sehr stimmungsvoll. Da Gladbach dieselbe Geschlossenheit zeigt wie gegen Augsburg, kann man punkten. In den Himmel wachsen die Bäume aber nicht: 2:2.
Michael Heinen: Borussia holt durch das 1:1 in Sinsheim den 20. Punkt. Das Wichtigste aber ist, dass man zum Ende der Hinrunde vor dem Effzeh steht und somit die natürliche Ordnung wiederhergestellt ist.
Mike Lukanz: Borussia wird reichlich selbstbewusst auftreten und mit offenem Visier bei der spielstarken TSG ins Duell gehen. Das reicht für zwei Auswärtstore, leider auch aber für deren vier für die Gastgeber.
Christian Spoo: Borussia spielt genau wie gegen Augsburg. Leider spielt Hoffenheim nicht genau wie Augsburg. Deswegen endet die Hinrunde mit einer 1:2 Auswärtsniederlage.
Michael Oehm: Ein Wunsch fürs neue Jahr war es, dass Hoffenheim sich nicht da oben festsetzen möge. Das 2:2 trägt ein bisschen dazu bei und festigt gleichzeitig den positiven Trend bei der Borussia. Herzlichst, Eure Optimismusfraktion in der Seitenwahl-Redaktion.