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Hinter dem Tod von neun Neugeborenen

Das Thema Kindergeburt verschwindet nicht aus den Schlagzeilen. (Foto: Alexander Awilow / AGN Moskwa)

Der Tod von neun Babys zwischen dem 4. und 12. Januar erschütterte nicht nur die über 500 000 Einwohner zählende Industriestadt, sondern das ganze Land. Walentina Matwijenko, Vorsitzende des Föderationsrates, bezeichnete das Geschehene als eine nationale Tragödie. Überall stellt man sich dieselbe Frage: Wie konnte das geschehen? Zum Zeitpunkt der Vorfälle befanden sich 17 Neugeborene in kritischem Zustand; 16 davon waren Frühchen, darunter einige mit extrem niedrigem Geburtsgewicht. Einige lagen bereits über 30 Tage auf der Intensivstation. Doch auch unter den verstorbenen Kindern gab es solche, die stabil zunahmen und sich gut entwickelten – bis es plötzlich zum Schlimmsten kam. An einem einzigen Tag starben drei Babys.

Klinik in Nowokusnezk

Die Klinik war bereits zuvor wiederholt in die Kritik geraten. In sozialen Netzwerken gibt es zahlreiche Beschwerden von Müttern über unhöfliches Personal, fehlende Ärzte während der Geburt, allgemeinen Personalmangel sowie Todesfälle, die vonseiten der Klinikleitung pauschal auf „intrauterine Infektionen“ zurückgeführt wurden – eine Erklärung, die viele Mütter anzweifeln.

Mehrere Frauen berichteten zudem, dass elementare Hygienevorschriften missachtet wurden: Mitarbeiter mit akuten Atemwegsinfektionen trugen weder Masken noch Handschuhe und vernachlässigten die Desinfektion der Räume. In sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Fotos, die diese Vorwürfe zu stützen scheinen.

Laut einer Quelle im Gesundheitsministerium der Region Kemerowo liegt die Säuglingssterblichkeit in dieser Entbindungsklinik zehnmal höher als im nationalen Standard vorgesehen: 3,85 Prozent gegenüber 0,35 Prozent.

Vorwürfe gegen das Klinikpersonal

Gleichzeitig gibt es auch Stimmen, die das medizinische Personal verteidigen. Eine Gruppe von Frauen, die ebenfalls in dieser Klinik entbunden haben, ruft dazu auf, die offiziellen Untersuchungsergebnisse abzuwarten, bevor Schuldzuweisungen erfolgen. In der VK-Gruppe „Nowokusnezk online“ sammeln sie Unterschriften zur Unterstützung jener Ärzte, die ihrer Ansicht nach das Leben ihrer Kinder retteten – insbesondere des Leiters der neonatologischen Intensivstation, Alexej Emich.

Sowohl Emich als auch der Klinikchef Vitali Cheraskow wurden festgenommen. Das Gericht entschied jedoch gegen eine Untersuchungshaft: Cheraskow steht unter Hausarrest, Emich erhielt Auflagen, bestimmte Handlungen zu unterlassen. Die Ermittlungsbehörde leitete ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung und Amtsvergehens ein. Die Verteidigung argumentiert dagegen, die Todesfälle seien auf schwere angeborene Fehlbildungen, extreme Frühgeburtlichkeit und Risikofaktoren seitens der Mütter zurückzuführen.

Im Gespräch mit der MDZ sagte der Jurist Alexander Jeparin, dass der Klinikleitung bei einer Verurteilung wegen Amtsvergehens eine Freiheitsstrafe von bis zu sieben Jahren droht. Für eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung müsste nachgewiesen werden, dass der jeweilige Arzt unmittelbar operativ tätig war und einen konkreten Fehler beging.

Experten sehen tieferliegende Ursachen

Was genau zum Tod der neun Neugeborenen führte, bleibt vorerst unklar. Viele Experten, die von verschiedenen Medien befragt wurden, sehen tiefere Ursachen, und zwar die „Optimierung“ des Gesundheitssystems. Früher war die Entbindungsklinik eine eigenständige medizinische Einrichtung; später wurde sie als Abteilung in ein Krankenhaus integriert. Dies führte zu Stellenstreichungen im Verwaltungsbereich und chronischem Personalmangel – eine Entwicklung, die die Klinikleitung bestreitet.

Eine weitere mögliche Ursache könnte der Mangel an lebenswichtigen Medikamenten während der Feiertage gewesen sein. Diese Version wurde jedoch von den Behörden der Region Kemerowo zurückgewiesen: Laut ihren Angaben waren alle notwendigen Arzneimittel vorhanden.

Leider wiederholt sich hier ein bekanntes Muster: Tief verwurzelte Probleme führen zu katastrophalen Folgen aber niemand sieht sie kommen. Obwohl die Klinik 2024 und 2025 mehrfach von regionalen Gesundheitsbehörden und Roszdravnadzor (der russischen Gesundheitsaufsicht) überprüft wurde, wurden damals keine gravierenden Verstöße festgestellt.

Запись Hinter dem Tod von neun Neugeborenen впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.

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