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Grönland: Was die Insel zwischen Europa und Trump wirklich will

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, Nuuk ist mit seinen gut 19.000 Einwohnern eine kleine Hauptstadt, eine der kleinsten der Welt. Doch auch wenn alles überschaubar wirkt, spielt Grönlands politisches Zentrum gerade eine bedeutende Rolle. Einige Straßen, ein Hafen, eine rote Kirche aus Holz, bunte Häuser am Hang – und dazwischen ein Gebäude, das plötzlich mehr Bedeutung hat, als ihm guttut: das US-Konsulat. Ebenso rot wie die Kirche. Für t-online war ich in Grönland, Kalaallit Nunaat , wie die Einwohner die Insel nennen. Von Dienstag bis Freitag vergangener Woche. Ich wollte verstehen, was dieser neue Blick von außen mit der Insel macht. Was es bedeutet, wenn US-Präsident Donald Trump offen über eine Annexion der Insel spricht – und wenn Europa Grönland plötzlich entdeckt. Aus einem Ort, den Europa jahrzehntelang wie eine ferne Kulisse behandelte, ist plötzlich ein Schauplatz der Weltpolitik geworden. Über die Insel wird gesprochen, als wäre sie ein Objekt: strategisch, wirtschaftlich, militärisch. Dabei entscheidet sich alles an einer simplen Frage: Was wollen die Menschen dort eigentlich? An meinem letzten Morgen jogge ich noch einmal durch Nuuk. Will noch mal den Kopf freibekommen. Den Ausblick aufs Arktische Meer genießen. Es ist 9.45 Uhr, in Deutschland Viertel vor eins mittags. Kurz vor Sonnenaufgang. In einer halben Stunde wird die Sonne überhaupt erst über den Horizont ziehen, aber sie deutet sich schon an. Es wird langsam hell. Auch am Konsulat der USA komme ich vorbei, eingequetscht zwischen einer Werkstatt, Wohnhäusern und Fischfabriken. Dem Ort, an dem sich jüngst der Zorn der Grönländer entfaltet hatte. Hier demonstrierten Hunderte Menschen gegen eine Annexion der Insel. Für grönländische Verhältnisse bereits ein Massenspektakel. Jetzt steht wenige Schritte von dem Konsulat eine Frau: Aviaq Brandt, stellt sie sich freundlich vor. Eine grönländische Fahne hat sie oben in ihre Jacke gesteckt. Auf dem Kopf trägt sie einen Haarreif mit roten Kunstrosen: ihr Zeichen des Widerstands. Ein stiller Protest gegen eine laute Welt. Als ich näherkomme, unterhält sie sich noch mit einer französischen Touristin. Die Frau will nicht diskutieren, sie will Respekt zollen. Brandt antwortet ruhig, wechselt ein paar Sätze ins Französische, dann ins Englische. Englisch ist ihre Drittsprache, nach Grönländisch und Dänisch. Wie bei vielen hier. Französisch kann sie auch, zumindest wenige Worte. Dann verabschiedet sich die Französin, Brandt ruft ihr "Qujanaq" hinterher. Das grönländische Wort bedeutet "Danke". Und wir kommen ins Gespräch. "Wir haben unsere eigenen Geschichten zu erzählen", sagt Brandt. "Und zwar in Ruhe, in unserem Tempo, mit unserem Klang – und aus unserem Mund." Wir reden nur 15 Minuten. Aber das reicht, um zu begreifen, was in den Debatten ständig untergeht: Während draußen die Großmächte diskutieren, verteidigt Brandt etwas, das viel zerbrechlicher ist als jede Machtfantasie und Militärstrategie – das Recht, selbst zu sprechen. Donald Trump hat den Europäern – und den Grönländern – die neue Realität brutal verdeutlicht. Er drohte Grönland, als wäre die Insel eine Immobilie, die man sich eben nimmt, wenn der Preis stimmt. Erst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ruderte er zurück, sprach von einem Rahmen für eine künftige Vereinbarung zur Arktis-Sicherheit und erklärte, dass er keine gewaltsame Lösung anstrebe. Die Erleichterung war groß. Aber sie war auch trügerisch. Denn ob Donald Trump seine Meinung nicht einfach wieder ändert, weiß vermutlich nicht einmal er selbst. In Kopenhagen und Brüssel ist man deshalb weiter alarmiert. Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen spricht von "ernsten Zeiten" und einer "sehr, sehr schwierigen Zeit". Direkt nach einem EU-Sondergipfel flog sie nach Nuuk, um Unterstützung zuzusichern – und um sich auf den nächsten diplomatischen Kraftakt vorzubereiten. Gleichzeitig wird militärisch aufgerüstet: Eine große Nato-Übung in Grönland läuft an, monatelang, mit Verbündeten aus mehreren Ländern. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen räumt ein, man habe zu wenig in die Arktis investiert. Nun soll ein millionenschweres Paket folgen. Europa entdeckt die Arktis. In Nuuk ist die derzeitige Anspannung überall spürbar – auch dort, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat: im Alltag, im Tonfall, sogar im Humor. Vor dem Kulturhaus versucht der deutsche Kabarettist Maxi Schafroth für einen satirischen "Extra 3"-Film die US-Flagge zu hissen, ein kleiner Scherz über den großen Wahnsinn dieser Wochen. Doch die Pointe verpufft. Statt Lachen gibt es Ärger. Die Bürgermeisterin rügt ihn öffentlich. Nicht, weil Grönländer keinen Humor hätten – sondern weil gerade niemand mehr Lust hat, zur Kulisse fremder Geschichten zu werden. t-online hat als erstes deutsches Medium über den Vorfall berichtet. Schafroth und sein Kamerateam waren mir bereits zwei Tage zuvor am Flughafen aufgefallen, weil er sich als Amerikaner ausgegeben hatte. Wenig später griffen "Bild", "Spiegel", "Zeit" das Thema auf. Vor Ort merkte ich schnell: Das war kein Nischenthema. Ich habe mit Grönländern über die Aktion Schafroths gesprochen – kaum einer, der es nicht mitbekommen hatte. Manche hatten die Szene selbst in der Innenstadt erlebt, andere kannten sie aus der Presse, viele aus Facebook. Maxi Schafroth hat sich inzwischen entschuldigt. Das ist anständig. Auch der NDR hat schnell eingeräumt, dass es nicht um die Grönländer ging, über die man sich lustig machen wollte. Aber die Reaktion in Nuuk erzählt trotzdem mehr als die Szene selbst: Der neue Blick von außen kommt selten leise. Er kommt mit Kamerateams, mit Schlagzeilen, mit großen Worten. Und oft schwingt darin etwas mit, das hier sofort auffällt: diese selbstverständliche Haltung, als müsse man den Menschen auf der Insel jetzt erklären, was ihr Zuhause wert ist. Irgendwann kippt das. Dann wird selbst ein Witz zu viel. Einer sagte mir: Wenn Satire, dann bitte dort, wo sie hingehört. Meine Idee – halb im Spaß, halb im Ernst – war: lieber nach Washington gehen, eine Grönland-Flagge vor dem Kapitol hissen und schauen, was passiert. Das fanden die Passanten lustig, mit denen ich darüber sprach. Gelacht wird noch. Besonders über die, die glauben, hier mitspielen zu dürfen. Man hört es in der Stadt: ein Spruch, ein Augenrollen, ein Witz über Trump, sobald sein Name fällt. Andere tragen die Botschaft sichtbar auf der Brust: Pullover mit "Greenland is not for sale", die von einer grönländischen Designerin entworfen wurden. Es ist dieser grönländische Trotz, der nicht laut sein muss, um unüberhörbar zu wirken. Viele wissen sehr genau, wie sich Fremdbestimmung anfühlt – auch wegen der dänischen Kolonialisierung, die sich tief in die Seele eingebrannt hat. Der Medienrummel ist deshalb nicht einfach nervig. Er ist ein Signal: Jetzt schauen alle hin. Und das verändert etwas. Wer verstehen will, warum diese Wochen so heikel sind, muss weg von den Schlagzeilen. Und hin zu den Geschichten, die sonst kaum jemand hört. Eine davon erzählt mir Liina, eine Grönländerin, die heute in Dänemark lebt. Ich habe sie zufällig am Grönländischen Haus in Kopenhagen getroffen, als ich auf dem Weg nach Nuuk dort gestrandet war. Erst sprechen wir, als sie sich eine Zigarette vor dem Gebäude ansteckt. Dann lädt sie mich spontan zu sich nach Hause ein, in ein winziges Appartement in einem Hostel. Zwei Stunden lang spricht sie über ihr Leben und über das Gefühl, nie ganz dazuzugehören. Liina sagt, sie gebe nur selten Interviews . Nicht, weil sie nichts zu sagen hätte. Sondern weil sie erlebt habe, wie schnell in einem Gespräch nur noch ein Bild reproduziert werde, das längst feststehe. In Dänemark, sagt sie, werde Grönland oft behandelt wie ein Thema, das man erklärt – nicht wie ein Land, dem man zuhört. Eine ihrer besten Erfahrungen habe sie mit einem Team japanischer Journalisten gemacht: respektvoll, neugierig, ohne dieses reflexhafte Herabblicken. "Ich wurde als Mensch gesehen", sagt sie. Dann erzählt Liina von dem, was in geopolitischen Debatten nie vorkommt: vom Alltag, der kippt, wenn man am falschen Ort die falsche Herkunft hat. Wegen psychischer Probleme wurde sie Anfang des Jahrtausends medikamentös behandelt, bevor sie überhaupt psychische Hilfe erhalten habe. Gegen ihren Willen, beteuert sie. Sie berichtet von einer Wohnung mit massiven Mängeln, von Schimmel, von Behörden, die ihr aufgrund ihrer Herkunft aus Grönland nicht geholfen oder sie von vornherein als Problemfall abgestempelt hätten. Sie zeigt mir ein Gutachten, das die Schäden belegen soll. Am Ende habe sie all ihre Erinnerungen wegwerfen müssen. Bis auf wenige Fotos, die sie als kleines Mädchen zeigen, habe sie nichts mehr aus Grönland. Danach sei sie vier Jahre obdachlos gewesen. Noch bitterer sei gewesen, was dänische Behörden in ihre Akten schrieben: Behauptungen über Alkohol, über Drogen, über Unzuverlässigkeit und Faulheit. Zuschreibungen, sagt Liina, die Grönländern in Dänemark schnell gemacht würden. Einmal notiert werde daraus ein Stempel – und der hafte an einem, egal wie sehr man sich bemühe. Und das obwohl ihre einzige Sucht die Zigaretten seien, sagt sie und lächelt. Liina beschreibt Dänemark nicht als Feind, aber auch nicht als Zuhause. Und das, obwohl sie bereits seit 30 Jahren hier lebt, ursprünglich für eine Schneiderlehre hierherkam. Für sie sei es eher ein Ort, an dem sie immer wieder merke, dass ihre Identität für andere eine Fußnote sei: exotisch, manchmal freundlich beäugt – und doch nicht wirklich ernst genommen. Oder schlimmer: angefeindet. Liina ist für die Unabhängigkeit Grönlands vom dänischen Königreich. Nicht aus verklärter Romantik, nicht aus Trotz, sondern weil die 56-Jährige es satt hat, dass über die Insel oft entschieden wird, ohne dass sie wirklich gemeint ist. Ihre Wut richtet sich nicht nur gegen Trump, nicht nur gegen Washington – sondern auch gegen Kopenhagen. Gegen das alte Muster, dass Grönland in Krisen plötzlich wichtig ist, im Alltag aber wieder verschwindet. "Für zwei Wochen", sagt sie und seufzt, "hat die dänische Regierung die Grönländer auf Augenhöhe behandelt. Jetzt ist das wieder vorbei." Unabhängigkeit ist bei Liina kein einfacher Slogan, sondern eine offene Rechnung. Viele wünschen sich mehr Selbstbestimmung. Aber kaum jemand tut so, als gäbe es dafür einen schnellen Knopf. Wirtschaftlich ist das Land eng an Dänemark gebunden, vieles hängt am Geld. Gleichzeitig geht es um etwas, das sich nicht in Haushaltszahlen ausdrücken lässt: Würde, Geschichte. Und dann kommt Trump – und macht aus dieser komplizierten Frage plötzlich eine brutale, einfache: Wem gehört ihr? Als hätte die Insel einen Besitzer. In Nuuk spürt man, wie sehr diese Zuspitzung schmerzt. Zurück vor dem US-Konsulat steht Aviaq Brandt immer noch da. Still, fast stoisch. Sie wirkt nicht wie jemand, der um Aufmerksamkeit bittet – eher wie jemand, der sie abwehrt. "Grönland ist nicht schwarz und weiß", sagt sie. Und in diesem Satz steckt mehr Realität als in vielen geopolitischen Analysen: Hier geht es nicht nur um Militär und Verträge. Hier geht es darum, ob eine kleine Gesellschaft im Sturm der Großmächte ihre eigene Sprache behält. Ich frage sie noch, was ihr Name bedeutet. "Aviaq", sagt sie, "hat je nach Region Grönlands eine etwas andere Bedeutung. Da, wo ich herkomme, meint er so was wie 'die Familie zusammenhalten'". Zugehörigkeit, Nähe, die eigenen Leute. Passend, denke ich. Europa kann diesen Sturm nicht wegreden. Aber es kann entscheiden, wie es sich darin verhält: nicht nur im Panikmodus – sondern mit Respekt. Die Grönländer beginnen zu lernen, wer sie wirklich sind, was sie wollen, sagt mir Aviaq Brandt. Und die gerade erleben, wie schnell ihnen das abgesprochen wird. Wer Grönland wirklich ernst nimmt, muss weniger über die Insel reden. Sondern endlich anfangen, zuzuhören. Epstein Der Epstein-Schatten fällt auf Trump – erneut In den am Freitag veröffentlichten Akten zum Fall Jeffrey Epstein wird auch US-Präsident Donald Trump schwer belastet. Im Fokus steht besonders eine interne FBI-Mail aus dem August 2025, die Aussagen mutmaßlicher Opfer dokumentiert. Die Glaubwürdigkeit dieser Aussagen lässt sich nicht unabhängig überprüfen – einige der Frauen stuft das FBI selbst als unglaubwürdig ein. Eine Person, deren Name geschwärzt wurde, berichtete in ihrer Aussage "von einer Freundin, die gezwungen wurde, an Präsident Trump Oralverkehr zu vollziehen". Die neuen Epstein-Dokumente könnten Donald Trump gefährlich werden – zumindest theoretisch. Sie bringen seinen Namen erneut in die Nähe eines Komplexes, der politisch und moralisch hochtoxisch ist: Ausbeutung, Missbrauch, Macht, Geld. Für fast jeden anderen Politiker wäre schon die bloße Verbindung dazu ein Risiko, das sich nicht mehr wegmoderieren lässt. Bei Trump ist das anders. Er hat über Jahre gezeigt, dass Skandale ihn nicht automatisch schwächen – solange es ihm gelingt, die Debatte zu drehen: weg vom Inhalt, hin zum Angriff. Er wird das als "Hexenjagd" brandmarken, Medien und Gegner beschuldigen. Bislang war Trump zuverlässig: Wenn es eng wird, macht er die nächste Schlagzeile – und entkommt der alten. Gerade weil in Trumps Amerika oft die Lautstärke gewinnt, braucht es Journalismus, der dranbleibt. Ich bin jedenfalls froh, dass mein Kollege David Schafbuch seit Februar für Sie aus New York berichten wird. Damit ergänzt er die t-online-Berichterstattung aus Washington und Los Angeles. Viel Erfolg, lieber David! Handball Gratulation! Jetzt kann die Heim-WM kommen Mit gesenkten Köpfen und enttäuschten Mienen sahen Deutschlands Handballer ihren übermächtigen Rivalen aus Dänemark beim Jubeln zu. Trotz eines kämpferischen Auftritts hat das Team von Bundestrainer Alfred Gíslason das lange, dramatische EM-Finale gegen Weltmeister und Olympiasieger Dänemark mit 27:34 (16:18) verloren und den dritten Triumph nach 2004 und 2016 verpasst. Vor 15.000 Zuschauern in der "Hölle von Herning" waren Johannes Golla, Juri Knorr und Marko Grgić mit jeweils fünf Toren beste Werfer für die deutsche Mannschaft , die sich nicht für die deutliche 26:39-Niederlage im Olympia-Finale 2024 revanchieren konnte. "Wir wollen auf jeden Fall wiederkommen", versprach Kapitän Golla. Das EM-Silber ist der beste Beweis für den deutschen Handball-Aufschwung – und macht die Heim-WM 2027 endgültig zum Hype-Thema. Was lesen? Rita Süssmuth ist tot. Als Ministerin war sie eine Außenseiterin in der Männerwelt Helmut Kohls, wurde aber zu einem Vorbild für Frauen ihrer Generation, schreibt Gerhard Spörl in seinem Nachruf. Artikel lesen Trumps Geisterflüge. Jeden Tag zählt Nick Benson, was die Trump-Regierung unsichtbar machen will: die geheimen Abschiebeflüge, berichtet Weißes-Haus-Korrespondent Bastian Brauns . Artikel lesen Energiekrise in Deutschland? Erst seit Oktober ist Martin Endress im Eon-Vorstand, meine Kollegen Amy Walker und Jakob Hartung baten ihn zum Antrittsinterview. Artikel lesen Dubioser Millionendeal: Kurz vor Donald Trumps Amtsantritt verkaufte seine Familie fast die Hälfte eines neuen Krypto-Unternehmens an einen mächtigen Investor aus Abu Dhabi. Artikel lesen Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen Tag mit kühlem Kopf und warmem Herzen. Morgen schreibt wieder Florian Harms für Sie. Herzliche Grüße Ihr Mauritius Kloft Ressortleiter Politik und Wirtschaft Mit Material von dpa.

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