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„Moskau – Karakum – Moskau“: über die Wüste und die Wege

Der GAZ-A-Pkw mit Superballon-Reifen (Foto: Max Prechner)

In der Geschichte der sowjetischen Automobilisierung gibt es Seiten, die heute fast mythisch erscheinen. Eine davon ist die großartige Autofahrt von 1933 „Moskau – Karakum – Moskau“. Es war nicht nur eine bloße Vorführung neuer Fahrzeuge, sondern eine komplexe Expedition, in der politische Propaganda, wissenschaftliche Forschung, journalistischer Eifer und echter menschlicher Mut verschmolzen. Dank des kürzlich veröffentlichten Buches „Erzählungen über die Wüste und die Wege. Autorennen Moskau-Karakum-Moskau“ von Michail Loskutow mit Fotografien von Max Prechner hat diese Geschichte einen neuen Klang erhalten.

Eine Bewährungsprobe für Land und Technik

„Wir hatten keine Automobilindustrie. Jetzt haben wir sie“, sagte Stalin im Januar 1933 auf der gemeinsamen Plenartagung des Zentralkomitees und der Zentralen Kontrollkommission der WKP(b). Das war in der Tat wahr: Am 1. Januar 1932 nahm das nach Molotow benannte Gorki-Automobilwerk seinen Betrieb auf, das mit Hilfe von Henry Ford in nur drei Jahren aus dem Nichts errichtet worden war, und das nach Stalin benannte Moskauer Automobilwerk befand sich im Stadium einer grundlegenden Rekonstruktion. Während man in den zwanziger Jahren die Zahl der im Land produzierten Autos an den Fingern abzählen konnte, ging mit der Inbetriebnahme dieser beiden Werke die Zahl der Lastwagen in die Zehntausende und Hunderttausende.

Die beste Erholung ist ein Gespräch unter Freunden (Foto: Max Prechner)

Fast unmittelbar nach Beginn der Massenproduktion sowjetischer Fahrzeuge wurde beschlossen, eine Testfahrt zu organisieren, um die eigene Produktion auf ihre Robustheit zu prüfen und sie gleichzeitig „in der Praxis“ mit ausländischen Gegenstücken zu vergleichen. Um die zukünftigen Leistungen überzeugend und groß dimensioniert wirken zu lassen – denn die Überwindung von Schwierigkeiten sieht immer weit heroischer aus! – wurde die Strecke der Fahrt durch die Sande Zentralasiens gelegt. Der Name der endlosen Wüste gab der Fahrt ihren Titel – „Karakum“.

Später erweiterten sich die Aufgaben der Fahrt und traten sogar auf die internationale geopolitischen Bühne: „Die Fahrt ist nicht nur eine umfassende Untersuchung und Erprobung sowjetischer Automobile, sondern auch ein Vorstoß in die Wüste, ein ernsthafter Vorstoß, der für die kapitalistischen Länder, für das von scharfen Widersprüchen zerrissene kapitalistische System unmöglich ist.“ So schrieb die Zeitung „Rabochaja Moskwa“. Im Schatten der lauten Propaganda verbarg sich eine weitere Aufgabe der Fahrt – die wissenschaftliche: Unter ihren Teilnehmern befanden sich Bodenkundler, Geologen und Botaniker, die entsandt wurden, um die wenig erforschten sowjetischen Gebiete zu untersuchen.

Die Wüste als Hauptakteur

Um die sowjetische Industrie zu preisen, wurden 23 Fahrzeuge entsandt: sechs serienmäßige Personenkraftwagen GAZ-A, einer davon mit „Superballon“-Reifen ausgestattet, fünf anderthalbtonnige Lastwagen GAZ-AA, zwei ihrer ausländischen Gegenstücke Ford-AA, drei dreiachsige Lastwagen Ford-AAA, zwei Prototypen des GAZ-AAA, ein experimenteller Ford-NATI-30 und vier Moskauer AMO-3. Und um auf keinen Fall Ergebnisse zu erhalten, die den erwarteten entgegengesetzt wären, schickte man neue sowjetische Fahrzeuge und gebrauchte amerikanische auf die Fahrt.
Am 7. Juli 1933 stellten sich die 96 Teilnehmer der Fahrt – Fahrer, Techniker, Ingenieure, Wissenschaftler, Fotografen, Kameraleute und Journalisten – in grauen Overalls mit Abzeichen des Moskauer Automobilklubs gemeinsam mit ihren Fahrzeugen im Gorki-Park auf. Nach einer feierlichen Fahrt durch die Straßen der Hauptstadt brachen sie zu ihrer langen und unbekannten Reise auf.

Ein Mädchen empfängt die Teilnehmer des Autorennens. (Foto: Max Prechner)

Wenn die Kolonne die Straßen Russlands noch mühsam überwand, so wurde die wahre Bewährungsprobe die Karakum-Wüste. „Schwarzer Sand“ – so lautet die Übersetzung ihres Namens – empfing die Teilnehmer mit sengender Hitze, treibenden Sanddünen und Sandstaub, der die Motoren verstopfte. Die Temperaturen in den Fahrerkabinen erreichten bis zu 70 Grad, die Fahrzeuge versanken bis zu den Radnaben im Sand, und die Geschwindigkeit fiel manchmal auf 1 km/h.

Nachdem sie Samarkand erreicht hatten, kehrten die Autofahrernach Moskau zurück.. Die Rückfahrt der Fahrzeuge führte über Buchara, Krasnowodsk und Baku – das Kaspische Meer wurde auf Schiffen überquert – und weiter entlang der Grusinischen Heerstraße nach Tiflis, Armawir und Woronesch.

Alle Teilnehmer und alle Fahrzeuge kehrten unversehrt und heil nach Hause zurück, nachdem sie die zahlreichen Schwierigkeiten der russischen Straßen und der zentralasiatischen Wüste überwunden hatten. Die Fahrt endete am 30. September 1933.

Das Buch

Die Veröffentlichung des Buches „Autorennen Moskau-Karakum-Moskau“ ist dem 120. Geburtstag von Michail Loskutow gewidmet. Seit 2018 arbeiten Mitarbeiter des Museums für die Geschichte des GULAG an der Herausgabe dieses Buches.

In den 1930er Jahren entdeckten viele sowjetische Schriftsteller Zentralasien neu für sich. Journalist Michail Loskutow war so fasziniert von den jahrhundertealten Legenden dieses alten Landes und seiner neuen Geschichte, die sich vor seinen Augen abspielte, dass er nach Zentralasien zog, sich in Taschkent niederließ, im Rundfunkzentrum arbeitete und sogar Usbekisch und Turkmenisch lernte und viel in Archiven forschte. Als Korrespondent des Rundfunkzentrums und der Zeitschrift „Unsere Errungenschaften“ beschloss er 1933, an dem berühmten Autorennen „Moskau – Karakum – Moskau“ teilzunehmen.

Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil die Teilnahme an diesen Autorennen für den Schriftsteller keine rein journalistische Arbeit nach Redaktionsvorgaben war. Im Gegensatz zu seinen Kollegen beschränkte er sich nicht nur auf die bloße Dokumentation der Ereignisse, sondern erlaubte sich umfangreiche historische Exkurse. Er erzählte detailliert, mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Humor und eröffnete den Lesern eine bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wenig erforschte Region Zentralasiens. Dabei steckte er sie als Forscher und Reisender mit seiner Liebe zu diesem alten, schönen Land an.

„Nachdem ich Michail Loskutows Erzählungen von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hatte, griff ich zum enzyklopädischen Wörterbuch. Auf fast jeder Seite stieß ich auf Wörter, Fachbegriffe, geografische Bezeichnungen und Namen historischer Persönlichkeiten, die Erläuterungen und Kommentare erforderten“, berichtet der wissenschaftliche Redakteur Alexej Mironow.

Loskutows Artikel über diese Autoreise wurden in der gesamten Sowjetunion bekannt. Leider bewahrte ihn dies nicht vor einem tragischen Schicksal. Michail Loskutow wurde 1940 wegen angeblicher konterrevolutionärer Aktivitäten verhaftet und 1941 erschossen. Zwei Monate nach seiner Verhaftung wurde seine Tochter geboren, die ihren Vater niemals zu Gesicht bekam. 1956 wurde Loskutow auf Antrag der Familie rehabilitiert. Das nun erschienene Buch holt den Autor gewissermaßen aus der Vergessenheit zurück.

Ljubawa Winokurowa


Chronik jener Zeit

Das Buch „Autorennen Moskau – Karakum – Moskau“ erschien im Boslen-Verlag in einer Auflage von 1000 Exemplaren. Das Buch veröffentlicht nicht nur Michail Loskutows Eindrücke vom Autorennen und aus Zentralasien, sondern auch eine große Anzahl von Fotografien der beschriebenen Ereignisse. Die Aufnahmen stammen von Max Prechner. Es wurde umfangreiche Arbeit geleistet, um diese Fotos auszuwählen und zu identifizieren. Ihre Veröffentlichung wurde durch den Mardschani-Fonds ermöglicht.

Запись „Moskau – Karakum – Moskau“: über die Wüste und die Wege впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.

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