Skispringen bei Olympia: Bilanz von Stefan Horngacher und Heinz Kuttin
Die Skisprung-Wettbewerbe bei den Olympischen Spielen sind beendet. Das Resümee fällt bei den Frauen und Männern unterschiedlich aus. Aus Predazzo berichtet Melanie Muschong Die Hoffnungen auf deutsche Skisprungmedaillen bei den Olympischen Spielen waren bei den Frauen und Männern groß. Sechs Wettbewerbe später steht fest: Philipp Raimund hat von der Normalschanze Gold gewonnen und seinen Traum wahr gemacht. Abseits dieses Olympiasiegs liegen die deutschen Skispringerinnen und Skispringer jedoch hinter den Erwartungen zurück – und es gab zahlreiche Enttäuschungen. Im Mixed-Team hätte es fast noch mit einer Medaille geklappt. Am Ende stand dort jedoch ein vierter Platz zu Buche. Auch im Super Team am Montagabend war das deutsche Duo um Philipp Raimund und Andreas Wellinger gut dabei. Durch den Abbruch des Wettbewerbs wegen des Schneechaos verpasste das DSV-Duo die Bronzemedaille um 0,3 Punkte. Die Springer und auch die Verantwortlichen waren im Anschluss wütend. Viel Ratlosigkeit herrschte zudem bei den Frauen nach den olympischen Wettbewerben. Aufregung nach Skisprung-Abbruch: "Es kotzt mich an" Sportart vor dem Aus? Olympia-Stars kämpfen um ihre Existenz Tränen bei deutschem Ski-Ass: Die Konkurrentinnen kamen zum Trösten Nach dem bisherigen Saisonverlauf sah es danach aus, dass es mit Edelmetall bei Olympia klappen könnte. Selina Freitag wurde beim Weltcup in Zao (Japan) und in Slowenien jeweils Dritte von der Normalschanze, und auch in China war sie von der Großschanze mit einem dritten Platz auf dem Podest zu finden. Selina Freitag: "Sollte nicht sein" In Predazzo lief es für die 24-Jährige jedoch nicht rund. Freitag wurde Siebte von der Normalschanze. Den Wettbewerb von der Großschanze beendete sie auf einem abgeschlagenen 17. Platz. Im Anschluss war die WM-Silbermedaillengewinnerin von 2025 ratlos. "Ich habe wirklich gar keine Ahnung, warum es nicht so läuft", sagte sie und meinte als Fazit zu den Spielen: "Irgendwie sollte es nicht sein. Ich habe alles gegeben. Die Schanzen sind mir vielleicht nicht ganz entgegengekommen." Sie müsse jetzt versuchen, es hinzunehmen. Körperlich sei sie fit. Das bestätigte auch Bundestrainer Heinz Kuttin, der meinte: "Die Selina war eigentlich topfit." Auch Katharina Schmid sei "topfit" gewesen. Beide Springerinnen hätten "Topwerte vor der Anreise" gehabt. Profitiert haben beide davon nicht. Schmid erlebte bei ihren letzten Spielen – sie beendet am Saisonende die Karriere – ein Debakel aus ihrer Sicht. Sie weinte, nachdem sie es am Sonntag nicht in den zweiten Durchgang geschafft hatte, und sagte: "Es tut schon ziemlich weh. Ich hätte es gerne anders beendet." Frauen-Bundestrainer Kuttin: "Wir sind natürlich bitter enttäuscht" Auch Agnes Reisch kam nicht an ihr Optimum heran und bilanzierte, dass es nicht das gewesen sei, "was ich kann". Sie wurde Neunte von der Normal- und Zehnte von der Großschanze. Die 26-Jährige beklagte allerdings Rückenprobleme. "Ich kann fünf Minuten sitzen ohne Lehne, und dann muss ich mich hinlegen. Auch nach den Interviews hier muss ich mich hinlegen", so die Athletin, die auch betonte, dass ihr Rücken in der Anfahrt zwicke. Reisch meinte auch, dass man bei Olympia schnell vergesse, "wie weit man gekommen ist. Dass man es schnell in den Hintergrund stopft und nur sieht: Ich bin so weit weg von den Medaillen." Allerdings waren diese auch Ziel des Teams. Kuttin sagte deutlich: "Wir sind natürlich bitter enttäuscht. Im Vorfeld hatten wir drei Athletinnen, die auf dem Podium waren und sich zu Recht Chancen ausgerechnet haben. Der erste Wettkampf war ein Schockerlebnis." Die Athletinnen hätten sich zwischen den Wettkämpfen zwar immer wieder aufgerichtet, aber von den Medaillen seien sie weit entfernt gewesen. Zwei knapp verpasste Bronzemedaillen Eine Rolle habe laut dem Bundestrainer dann auch das Mentale gespielt: "Wenn es schwerer läuft, versucht man, noch mehr zu machen, und das geht oft nach hinten los. Leider ist es so passiert. Wir brauchen nichts schönzureden." Den Super-Team-Wettkampf der Herren am Dienstag haben die Frauen gar nicht mehr mitbekommen, da sie zu dem Zeitpunkt bereits daheim waren. Anstatt Olympia-Feeling in Mailand aufzusaugen, wollten die Springerinnen lieber zu ihren Familien in die Heimat. Bundestrainer Kuttin betonte, dass alle "viel daraus lernen" werden. Auch DSV-Sportdirektor Horst Hüttel beschönigte nichts. Er meinte, dass die Leistungen der Frauen nach dem Training auf der Normalschanze in Predazzo "entglitten" seien. Auf der Großschanze hätten sich die Damen dann allgemein schwergetan. Nicht nur die Damen hatten dort ihre Probleme – auch die Herren kamen nicht in den Flow. Felix Hoffmann berichtete sogar, dass er fast daran verzweifelt sei und nichts wirklich klappen wollte . Der 28-Jährige, der bisher eine gute Saison gesprungen ist, war sichtlich enttäuscht. Er hatte sich sowohl von der kleinen als auch von der großen Schanze mehr erhofft. Mit dem Mixed-Team schrammte er gemeinsam mit Philipp Raimund, Freitag und Reisch am Podest vorbei. Einzelne Lichtblicke wie die Steigerung von Wellinger Ähnliches passierte Raimund und Andreas Wellinger im Super-Team am Montag. Durch den Abbruch wurden die Ergebnisse nach dem zweiten Lauf gewertet. Zu dem Zeitpunkt hatte Deutschland 0,3 Punkte Rückstand auf die drittplatzierten Norweger. Der Frust war im Anschluss groß. Daher fiel es Hüttel auch schwer, eine olympische Gesamtbilanz zu ziehen. Er sagte, noch sichtlich aufgekratzt von den Ereignissen: "Das ist nicht so einfach. Wir sind fulminant reingestartet mit dem Olympiasieg von Philipp. Die Saison lief bis dahin nicht so toll, aber auch nicht total schlecht. Wir sind nicht als Goldfavorit angereist, und dann doch mit so einem Paukenschlag reinzustarten, war schon cool. Kompliment an alle Beteiligten." Der Sieg habe gezeigt, was im Team stecke. Im Anschluss "war es schwieriger" aufgrund des knappen vierten Platzes im Mixed-Team und auch im Super Team. Sein Gesamtfazit falle aber nicht negativ aus. Dazu gehört auch, dass beispielsweise Andreas Wellinger von Wettbewerb zu Wettbewerb eine steigende Form gezeigt hat. Der DSV-Adler tat sich in dieser Saison schwer und schaffte im Super Team im letzten Sprung dann 130 Meter. Bundestrainer Stefan Horngacher analysierte das auf Nachfrage von t-online so: "Andi hat sich während Olympia gesteigert. Es ist auch Arbeit, er kämpft sich hin und macht weiter, weiter, weiter. Da kannst du nur den Hut ziehen, wie er das macht." Bundestrainer Horngacher zufrieden Horngacher bilanzierte, der Olympiasieg von Raimund "überragt alles". Es sei eine "außergewöhnliche" Leistung von ihm gewesen. Zudem habe Raimund, der beim Einzelwettbewerb von der Großschanze erst mit den falschen Skiern gesprungen war, im Super Team mit seinen Weiten gezeigt, dass ihm auch die große Schanze gut lag. Horngacher meinte zudem, dass die restlichen Wettkämpfe aus der Herrensicht "gut gelaufen" seien. Unterm Strich steht ein Olympiasieg zu Buche und ein Ende im Schnee, das zu einem märchenhaften Bronze-Abschluss hätte werden können. Doch die Jury entschied anders.