Iran-Krieg: Zivilisten unter Beschuss – "Apokalypse" in Teheran
Die USA und Israel melden militärische Erfolge im Iran. Doch unter den Rauchschwaden wächst das Leid unter Zivilisten ins Unermessliche. Ein Blick in die Hauptstadt Teheran. Es sind apokalyptische Szenen, die sich in diesen Tagen in der iranischen Hauptstadt Teheran abspielen: Gewaltige Explosionen erschüttern die Stadt, Rauchschwaden verschlucken ganze Viertel – indes steigt die Anzahl ziviler Todesopfer auf über tausend und Vorräte an Lebensmitteln sowie Medikamenten werden knapp. Seit sechs Tagen überziehen die USA und Israel den Iran mit Angriffen. Am Samstag hatten sie den Krieg mit Luftschlägen begonnen, bei denen der oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei und weitere Mitglieder der iranischen Führung getötet wurden. Der Iran reagierte mit Gegenangriffen auf Israel, mehrere Golfstaaten und US-Einrichtungen in der Golfregion. Nun bombardieren Israel und die USA den Iran weiter – und die Attacken weiten sich zunehmend auch auf zivile Gebiete aus. Newsblog: Alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg im Nahen Osten "Unglaublich dumm, diese Länder anzugreifen": John Bolton spricht über Trumps Iranpolitik Erst am Donnerstagmorgen erklärte Israels Militär erneut, die israelische Armee habe eine "großangelegte Angriffswelle" auf die Infrastruktur des iranischen Regimes in ganz Teheran begonnen. Iranische Medien meldeten daraufhin mehrere Explosionen. Ja, die Freude in der iranischen Bevölkerung war spürbar, als sich die Nachricht über den Tod des obersten Führers Chamenei verbreitete. Videos zeigten Menschen, die vor Freude aus ihren Fenstern schrien. Auf den Straßen waren Hupkonzerte zu hören. Doch je mehr Angriffe die iranische Hauptstadt erschüttern, umso mehr weicht diese Freude nun Leid, Angst und Frustration. Explosionen in Teheran: "Es ist ihnen egal, wo sie einschlagen" "Sie bombardieren uns heute ununterbrochen, und der Lärm der Explosionen hört einfach nicht auf", sagte Kamran, ein Einwohner Teherans, der britischen Zeitung "Telegraph" am Dienstag. Er fügte hinzu: "Es ist ihnen egal, wo sie einschlagen." Er habe die Druckwellen schon mehrmals gespürt. "Sie treffen Gebäude, in denen Familien leben", zitiert ihn das Medium weiter. "Nach jeder Explosion eilen die Menschen herbei, um zu helfen – und dann schlägt die nächste Bombe im selben Gebiet ein." Dass die US-israelischen Angriffe zahlreiche Todesopfer in der Zivilbevölkerung fordern, zeigen auch die Erhebungen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA). Die Organisation meldete am Dienstag, dass seit Beginn der Angriffe am Samstag 1.097 Zivilisten im Iran getötet wurden, darunter 181 Kinder unter zehn Jahren. Weitere 880 gemeldete Todesfälle müssten noch überprüft werden. Die Zahl der Verletzten stieg indes auf 5.402, unter ihnen 100 Kinder. Augenzeugenberichten aus Teheran zufolge, auf die sich "Telegraph" beruft, dürften die tatsächlichen Opferzahlen jedoch noch deutlich höher liegen. Rettungskräfte kommen demnach nur schwer zu den unter Trümmern verschütteten Opfern durch. "Viele Menschen sind unter den Trümmern eingeschlossen", sagte Kamran dem britischen Medium weiter. "Die Krankenhäuser sind mit Verletzten überfüllt, und das Personal ist überfordert. Sie greifen sogar Krankenhäuser an, in denen die Verwundeten behandelt werden." Angriff auf Staatsfernsehsender traf Krankenhaus in Teheran Beispielsweise meldete die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim, dass die USA und Israel am Sonntag ein Gebäude des Staatsfernsehsenders IRIB (Islamic Republic of Iran Broadcasting) angegriffen haben. Später meldeten iranische Medien übereinstimmend, dass am späten Sonntagabend auch das Gandhi-Krankenhaus in Teheran von einer Rakete getroffen wurde. Das Krankenhaus befindet sich nur wenige Meter von dem IRIB-Gebäude entfernt. "Meine Kollegen sind gerade dabei, das Krankenhaus zu evakuieren", schrieb der Sprecher des iranischen Gesundheitsministeriums, Hossein Kermanpur, auf X. Er veröffentlichte ein Video, das einen beschädigten Eingangsbereich zeigte. Landesweit seien seit Kriegsbeginn sieben medizinische Einrichtungen attackiert worden, berichtete der staatliche Rundfunk. In Teheran seien neben der Gandhi-Klinik zwei weitere Krankenhäuser getroffen worden. Die Folge: Nach Raketenangriffen fehlt Verletzten eine Anlaufstelle für die medizinisch nötige Behandlung. Zudem berichtet der "Telegraph" unter Berufung auf Augenzeugen von Opfern mit Brandwunden, die in den Kliniken der Stadt am Boden liegen, weil alle Betten belegt seien, und Chirurgen, die im Taschenlampenlicht operieren. Indes würden Krankenschwestern Frühgeborene durch verrauchte Gänge tragen, während Bomben auf die Entbindungsstationen fallen. Teherans Polizeistationen als Ziel der USA und Israels Weitere Berichte, dass US-israelische Angriffe in der iranischen Hauptstadt auch Zivilisten treffen, gibt es mit Blick auf den Niloofar Square im Stadtteil Abbas Abad. Die iranische Nachrichtenagentur Mehr teilte mit, dass dort am Sonntagabend 20 Menschen ums Leben kamen. Ziel des Angriffs war offenbar die Polizeistation 104 – mehrere Medien, darunter das Exilmedium "Iran International", verbreiteten in den folgenden Stunden Bilder von dem zerstörten Gebäude. Inzwischen dringen auch einzelne Berichte durch, was dieser Angriff für Zivilisten bedeutete, die sich in der Nähe der Polizeistation aufhielten. Wie das Investigativteam des Portals "Drop Site News" berichtet, habe sich der Angriff Augenzeugen zufolge zwischen 20 und 20.30 Uhr ereignet, während etwa im gegenüberliegenden Café Ahla Menschen zusammenkamen, um – wie jeden Abend nach Sonnenuntergang während des Fastenmonats Ramadan – das Fasten zu brechen. Den Berichten zufolge zerstörte der Angriff auch das Café, der Boden sei mit Blut und Trümmern bedeckt gewesen. Mehrere Gäste hätten tot am Boden gelegen, Überlebende seien übersät mit Schnittwunden gewesen. Augenzeugen schildern apokalyptische Zustände in Teheran "Hier spielt sich eine Apokalypse ab", sagte Ashkan, ein anderer Einwohner Teherans, dem "Telegraph". "Diejenigen, die ein Auto hatten, sind geflohen. Wir, die kein Auto haben, sind hier unter den Bomben zurückgeblieben." Allein in den ersten beiden Tagen des US-israelischen Kriegs gegen den Iran sind nach UN-Angaben rund 100.000 Menschen aus Teheran geflohen. Das teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Mittwoch mit. Ferner "deuten die jüngsten Informationen auf keine Zunahme der grenzüberschreitenden Bewegungen im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen hin", erklärte UNHCR. Die Behörden des Iran hatten die Bewohner Teherans bereits am Samstag per SMS zum Verlassen der Hauptstadt aufgerufen. Im Gegensatz zu anderen Warnungen dürfte diese die Bevölkerung noch erreicht haben. Denn zwar veröffentlicht auch die israelische Armee – etwa auf der Plattform X – auf Persisch "dringende Warnungen" an Menschen im Iran. Sie zeigen auf einer Karte markierte Gebiete, die Zivilisten unverzüglich verlassen sollten, weil in den darauffolgenden Stunden Angriffe folgen würden. Allerdings dürfte die Warnung nicht bei den betroffenen Zivilisten ankommen, da die iranischen Behörden das Internet seit Samstag gesperrt haben. Teherans Bevölkerung leidet unter Lärm und Stille zugleich Die Organisation Netblocks warnte unterdessen vor schweren Folgen dieser aktuellen Internetblockade. In einer Erklärung auf X heißt es, Menschen seien von der Welt abgeschnitten. Sie hätten keinen Zugang zu Informationen, die für ihre Sicherheit notwendig seien. Außerdem könnten sie bei einer Eskalation kaum Kontakt mit ihren Angehörigen im Ausland aufnehmen. Ein User schrieb auf X laut Übersetzung: "Eines der schlimmsten Dinge ist die Ungewissheit. Das Internet ist komplett abgeschaltet. Satellitenempfang wird gestört. Wenn man die staatlichen Sender schaut, hat man das Gefühl, man sei nicht in diesem Land und auf diesem Boden. Wir leiden wirklich unter dem Mangel an verlässlichen Informationen und unter völliger Stille – und ich weiß nicht mehr, was richtig ist und was falsch. Seid unsere Stimme, Freunde im Ausland."