Karenztag: Lohn erst ab zweitem Krankheitstag? "Ich finde das widerlich"
Angesichts des hohen Krankenstands in Deutschland schlägt Arbeitgeberpräsident Dulger die Einführung eines Karenztages vor, an dem Beschäftigte keinen Lohn erhalten sollen. In der Politik erntet er dafür scharfe Kritik. Sollten Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag keinen Lohn bekommen? Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger hält das im t-online-Interview für eine gute Idee , um etwas gegen missbräuchliche Krankmeldungen zu tun. In der Politik jedoch reagieren viele empört auf Dulgers Vorstoß. "Ich kann dem Dulger nur sagen, geh doch nach drüben", sagte Linken-Chef Jan van Aken t-online. "Wir sind hier nicht in den USA : Wer krank ist, soll zu Hause bleiben – ohne Lohnkürzung. Das gilt für Schnösel wie den Arbeitgeberpräsidenten genauso wie für die hart arbeitende Mehrheit hier im Land. Ich finde das widerlich, ihm fällt nichts ein, außer ständig auf die hart arbeitenden Menschen einzudreschen." Die Zahl der Krankheitstage, so van Aken, steige vor allem durch schlechte Arbeitsbedingungen. Auch bei der regierenden SPD hält man wenig von Dulgers Idee. "Es zeugt von einem verqueren Bild von den Beschäftigten, wenn ihnen pro forma missbräuchlich Krankmeldungen unterstellt werden", sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Sebastian Roloff, t-online. Es helfe niemandem, wenn sich Beschäftigte krank zur Arbeit schleppten und dort Kollegen ansteckten. "Und den 'verlorenen' Tag am Ende anzufügen, ist Augenwischerei, denn zum Glück sind nur die wenigsten Menschen so lange krank, dass sie ins Krankengeld rutschen." Spanien, Schweden, England kennen ähnliche Regelungen Dulger hatte im Interview mit t-online die hohen Krankenstände in Deutschland beklagt. Diese seien "ein echtes Problem". "Alles, was Missbrauch erschwert, ist deshalb hilfreich", sagte er. "Eine Idee wäre die Einführung eines Karenztages, sodass der Arbeitgeber den Lohn im Krankheitsfall erst ab dem zweiten Krankheitstag zahlt. Der so am Anfang 'verlorene' Tag könnte dann hinten drangehängt werden." Der Vorteil eines solchen Systems, wie es auch in anderen europäischen Ländern existiert: "Diejenigen, die wirklich krank sind und die lange ausfallen, bekämen dieselben Leistungen wie jetzt", so Dulger. Ein solches Modell würde dazu beitragen, die Zahl "sehr kurzfristiger Fehlzeiten" weiter zu reduzieren. Der Fokus würde dadurch stärker auf tatsächlich notwendige Ausfallzeiten gelenkt. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Ländern mit ähnlichen Regeln. In Schweden etwa gibt es am ersten Krankheitstag keinen Lohn, ab dem zweiten zahlt der Arbeitgeber etwa 80 Prozent des Lohns weiter. In Spanien und Großbritannien gibt es sogar die ersten drei Krankheitstage lang keinen Lohn. "Menschen sind keine Maschinen" Überzeugen kann Dulger in der Politik mit seinem Vorschlag trotzdem kaum. Auch von den Oppositionsfraktionen AfD und Grüne kommt scharfe Kritik. Arbeitsmarktpolitiker René Springer (AfD) hält die Idee für "wenig durchdacht". "Wenn der erste Krankheitstag unbezahlt wäre, könnten Krankschreibungen eher länger ausgestellt werden", sagte er t-online. "Damit wäre der Schaden für Betriebe und Sozialkassen am Ende größer als heute." Auch Grünen-Politiker Armin Grau kritisiert Dulger scharf. "Menschen sind keine Maschinen, sie werden eben ab und an krank", sagte er t-online. Die meisten Erkrankungen dauerten glücklicherweise nicht lange an, oft reiche bereits ein Tag Erholung. "Herr Dulger möchte all diese Menschen finanziell schlechterstellen", so Grau. "Damit wir alle möglichst lange gesund arbeiten können, brauchen wir viel mehr Prävention. Dazu gehört auch, dass Menschen auf sich achten und Krankheiten nicht verschleppen. Denn verschleppte Erkrankungen sind am Ende viel teurer." DGB: "Es ist und bleibt eine Schnapsidee" Nicht nur in der Politik, auch in den Gewerkschaften stößt Dulgers Vorstoß auf Kritik. Sein Vorschlag zeuge "von einem tiefen Misstrauen gegenüber den Beschäftigten und stellt sie alle unter Generalverdacht", sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel t-online. "Es ist und bleibt eine Schnapsidee, kranke Beschäftigte unter Androhung finanzieller Einbußen erkältet oder humpelnd an den Arbeitsplatz zu zwingen." Piel weist darauf hin, dass ein Tag ohne Lohn im Schnitt eine Einbuße von fünf Prozent des Bruttogehaltes bedeute. "Wer krank und arbeitsunfähig ist, gehört weder an die Werkbank noch ins Büro – das darf keine Frage des Geldbeutels sein." Wer wirklich wolle, dass die Krankenstände sinken, müsse für besseren Arbeits- und Gesundheitsschutz sorgen. Zahl der Krankheitstage zuletzt stark gestiegen Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet – ein Anstieg um 3,6 Krankheitstage im Vergleich zu 2021. Union und Arbeitgeberverbände fordern deshalb schon länger, zum Beispiel telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen. Die Vermutung, die dahintersteht: Nicht jeder, der sich krankmeldet, ist tatsächlich krank. Immer wieder berichten Arbeitgeber und Unternehmer davon, dass etwa am Freitag oder am Montag die Zahl der krankgemeldeten Mitarbeiter steige – ohne dabei jedoch beweisen zu können, dass der einzelne Angestellte tatsächlich blaumacht. Diesem Eindruck stehen auch frühere Angaben der Krankenkasse AOK entgegen. Demnach führt etwa die telefonische Krankschreibung nicht dazu, dass sich Menschen häufiger krankschreiben lassen. Einen Einfluss auf die steigenden Zahlen kann der Kasse zufolge dagegen die Einführung der elektronischen Krankmeldung 2022 haben. Sie führe zu einer vollständigeren Erfassung der Fehlzeiten.