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ARD und ZDF bauen um: Der neue Sender soll eine deutsche BBC werden

Er prägte über Jahrzehnte das Nachrichtenprogramm der ARD: Ulrich Deppendorf. Im Interview bewertet er die Neuausrichtung der Öffentlich-Rechtlichen und fordert eine neue Fehlerkultur. Als langjähriger Chefredakteur der "Tagesschau" und der "Tagesthemen" steht er wie kaum ein anderer für den Nachrichtenjournalismus der ARD . Ulrich Deppendorf, 76 Jahre alt und seit mehr als zehn Jahren pensioniert, verteidigt seinen alten Arbeitgeber auch heute noch vehement. Im Interview mit t-online ordnet er die am Mittwoch von ARD und ZDF gemeinsam verkündeten Zukunftspläne ein und sieht darin eine richtungsweisende Veränderung. Besonders das Nachrichtenangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werde gestärkt – trotz der Abschaltung von Tagesschau24. t-online: Herr Deppendorf, Sie waren von 1991 bis 1998 Chefredakteur von "Tagesschau" und "Tagesthemen". Wie geht es Ihnen mit der Entscheidung, dass Tagesschau24 eingestellt wird? Ulrich Deppendorf: Ich habe in dieser Zeit "Tagesschau.de" ins Netz gebracht. Tagesschau24 habe ich entstehen sehen, als ich WDR-Fernsehdirektor in Köln war. Tagesschau24 hat der Kollege Kai Gniffke entwickelt. Die Gründung von Phoenix habe ich noch als Chefredakteur der "Tagesschau" und "Tagesthemen" 1997 erlebt und unterstützt. Die Idee stammte von Fritz Pleitgen. Diese beiden Sender nun zu einem großen deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal zusammenzuführen, halte ich für eine sehr gute Entscheidung. Die Entscheidung fällt in eine Zeit, in der der öffentlich-rechtliche Journalismus in die Kritik geraten ist. Es gab Debatten um "Brennpunkt"-Sendungen, die Zuschauer vermisst haben. Um Meldungen, die angeblich ausgespart wurden. Tagesschau24 zu schließen, klingt zunächst mal nicht nach "mehr Nachrichten". Doch, denn die Entscheidung verstärkt das öffentlich-rechtliche Nachrichtenangebot. Phoenix hat einen exzellenten Ruf. Die Kolleginnen und Kollegen sind die besten ihres Fachs. Tagesschau24 hat gerade in den letzten Tagen exzellente Arbeit gemacht. Phoenix zusammenzuführen mit der Mannschaft von Tagesschau24 birgt immenses Potenzial. Daran kann sich eigentlich keine Kritik entzünden. Vielleicht aber an der Umsetzung. Wie kann man diese beiden Sender verbinden, die derzeit noch völlig voneinander getrennt arbeiten und konzeptionell unterschiedlich funktionieren? Das wird sicherlich am Anfang schwierig sein. Aber es ist machbar und eine Riesenchance. Einen solch großen, öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal habe ich schon vor vielen Jahren gefordert. Tagesschau24 liefert die Nachrichten zu, Phoenix seine politische Expertise, und gemeinsam mit den ZDF-Kollegen verfügt man über ein Riesenpotenzial an exzellenten Korrespondenten und Mitarbeitern, um vielleicht sogar den besten deutschen Nachrichtenkanal aufzustellen. Befürchten Sie nicht, dass die Glaubwürdigkeit der öffentlich-rechtlichen Redaktionen inzwischen so sehr gelitten hat, dass sich ein solches Projekt beim deutschen Fernsehzuschauer nicht mehr durchsetzen lässt? Diese Debatte finde ich eigenartig. Noch einmal: Nein, das ist eine Stärkung des öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebotes. Zudem war es eine Vorgabe des Reformstaatsvertrages, Doppelstrukturen abzubauen. Es stärkt auch die Zusammenarbeit zwischen ARD und ZDF . Ich hoffe, dass die Gremien der Sender sie jetzt entschlossen umsetzen – die sind ja nicht ganz unwichtig – und die Vorteile erkennen. ARD- und ZDF-Pläne: Deppendorfs Vorstellung kollidiert mit der Wirklichkeit Phoenix wird seine Struktur, sein Tempo anpassen müssen. Bei aller Expertise: Wenn das Ziel ein schneller, aktueller Nachrichtenkanal ist, dann wirkt Phoenix doch in Relation zu diesem Anspruch etwas entschleunigt, um nicht "behäbig" zu sagen. Phoenix war und ist nicht behäbig. Es muss natürlich Überlegungen geben, wie man eine neue Sendestruktur hinbekommt. Eins ist klar: Das Markenzeichen des neuen Kanals kann und muss Liveberichterstattung sein. Große Strecken, Debatten aus dem Bundestag, dem Bundesrat , vielleicht auch mal aus den Länderparlamenten, vielleicht mal einen hochinteressanten Kongress. Dazwischen Nachrichteneinschübe, wie wir sie von Tagesschau24 kennen, und nötigenfalls auch ein durchgehendes Flächenangebot bei Ereignissen wie dem, das sich derzeit im Iran abspielt. Kollegen von ARD und ZDF sind stets vor Ort und gefragt, wenn es darum geht, solche Strecken zu füllen. Unter wessen Leitung eigentlich? Es wird interessant zu sehen, wer das Sagen haben wird. Die Federführung des Nachrichtenprojekts liegt beim Westdeutschen Rundfunk. Auch ist eine gute Entscheidung, dass es keine Doppelspitzen mehr gibt. So verstehe ich das zumindest. Auf denjenigen, der diesen News-Sender leitet, kommt eine Menge Arbeit zu. Es muss ein hocherfahrener Kandidat oder eine hocherfahrene Kandidatin sein. Da würde ich gerne nachhaken. Was muss diese Person mitbringen, was muss sie auszeichnen? Haben Sie einen Wunschkandidaten? Nein, einen Wunschkandidaten habe ich nicht. Er oder sie muss ein exzellenter journalistischer Kopf sein, eine echte Autorität und über Managementerfahrung verfügen. Die Suche wird nicht einfach. Der Markt für Nachrichtensender ist begrenzt. Viele Player konkurrieren, national wie international, linear wie digital, und die Kuchenstücke werden nicht größer. Social Media setzt alle Konkurrenten zusätzlich unter Druck. Wie soll sich dieser neue Sender behaupten können? Er MUSS sich behaupten. Wenn Sie im Ausland im Hotel übernachten und nach Nachrichtensendern suchen, dann finden Sie CNN , die BBC, die Spanier, France 2, Al Jazeera, sogar Polen und Italien haben Nachrichtensender. Nur Deutschland hat keinen. Ich habe immer gesagt, dass das ein Manko ist. Nun ist die Chance da, vielleicht auch international mitzuspielen. Zunächst aber muss der Sender in Deutschland etabliert werden – als Nachrichtenkanal mit einer öffentlich-rechtlichen Grundstruktur. Gibt es einen Sender, der für Sie die Blaupause für das neue Projekt und seine Stoßrichtung sein könnte? Ich weiß, auch sie hat in den vergangenen Jahren Fehler gemacht, etwa die sinnentstellend zusammengeschnittene Rede von US-Präsident Donald Trump , für die sie großen Ärger bekommen hat, aber von der Grundstruktur her muss das Vorbild für den neuen Sender die BBC sein. Wo wir bei Fehlern sind: Es gab zuletzt Aufregung um Fehler, die in öffentlich-rechtlichen Sendungen gemacht wurden. Etwa die KI-Bilder in einem "heute journal"-Beitrag. Ein paar Tage später rissen die "Tagesthemen" Bilder der applaudierenden Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag aus dem Kontext. Verstehen Sie nicht, wenn sich Menschen um die Qualität dieses neuen Nachrichtenangebotes Sorgen machen? Diese Fehler sind passiert. Kein Sender der Welt, keine Zeitung arbeitet fehlerfrei. Zur KI-Geschichte hat das ZDF alles gesagt. Ich will mich dazu nicht weiter äußern. Sicherlich war das, ohne jede Frage, ein Fehler. Ein ähnlicher Fehler passierte dann im ARD-Hauptstadtstudio beim "Bericht aus Berlin". Das darf nicht passieren, aber ich glaube, alle haben daraus gelernt. Die Abnahmen müssen schärfer werden. Es muss auch in der Vorbereitung und bei Überspielungen strenger auf solche Dinge geachtet werden. Sorge macht mir allerdings in der Tat, wie viel KI-generiertes Material im Umlauf ist. Wir müssen noch genauer hinschauen. Aber vielleicht zu spät, um das Renommee zu retten. Nein! Ich mache mir keine großen Sorgen um den langfristigen Ruf unserer Sendungen. Die Kollegen werden alles daransetzen, weiter exzellent, glaubwürdig und vertrauenswürdig zu berichten. Und man muss auch einmal öffentlich sagen können: Einige Medien und auch einige politische Strömungen haben diese Vorgänge zu einer Kampagne gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk benutzt. Die "Tagesschau" ist die mit Abstand meistgesehene Nachrichtensendung in Deutschland, auf allen Ausspielwegen. Die Zuschauer vertrauen uns. Wie haben Sie diese Kampagne wahrgenommen? Schon Pegida schrie "Lügenpresse", im Corona-Kontext war von "Systemmedien" die Rede. Ich hatte mal eine Pegida-Demonstration vor meinem Studio. Ungefähr 200 Leute riefen "Lügenpresse" und "Deppendorf muss weg". Ich war damals unterwegs auf einem Dreh, und man rief mich dann an, ich solle erst einmal nicht ins Studio kommen. Das trifft einen schon und macht wütend. Weil man weiß, wer dahintersteckt. Die AfD benutzt einige zweifelhafte Mediendienste, die dann da hineinhauen. Ableger, die früher mal bei einem großen Verlag waren. Das besorgt mich, weil leider viele, sehr viele Medien oder Social-Media-Angebote auf solche Propaganda hereinfallen. Die Fehler sind aber passiert. Wir haben Fehler gemacht. Wir waren nicht gerade exzellent in der Kommunikation nach diesen Fehlern. Das muss besser werden. Und wir müssen jeden Tag wachsam sein in Bezug auf das, was wir berichten und wie wir es berichten. Wir müssen auf unsere Quellen achten, das ist das A und O. Lieber mal eine Meldung zurückhalten, wenn wir eigentlich nicht wissen, was los ist. Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sahen sich zuletzt nicht nur handwerklicher Kritik ausgesetzt, sondern auch fundamentaler. Der Vorwurf lautete, es gehe in manchen Sendungen zu wenig um Information und zu sehr um Haltung, um Ideologie. Um die Meinung der Sendungsmacher und weniger um die Meinungsbildung der Zuschauer. Wo stehen Sie in dieser Debatte? Auch dieser Vorwurf kommt ja aus einer ganz bestimmten Ecke. Unsere politischen Magazine haben immer schon politisch unterschiedliche Haltungen gezeigt. Nachrichtensendungen dagegen müssen neutral sein. Hier sollten wir uns keine Fehler erlauben. Das gilt für Beiträge wie für Nachrichtentexte und die Gestaltung von Nachrichtensendungen. Die "Tagesschau" war da immer ein Vorbild und sollte es bleiben. Sie haben am eigenen Leib erlebt, dass man manchmal sein Gesicht hinhalten muss für Fehler, die anderswo passiert sind. So wie es jetzt ZDF-Moderatorin Dunja Hayali zum wiederholten Mal passiert ist. Haben Sie das Gefühl, dass sich die Sender als Institutionen genügend vor die Moderatoren stellen? Soweit ich das sehe, hat sich beim ZDF zügig die Chefredaktion eingeschaltet. Welche Konsequenzen gezogen wurden, da möchte ich mich nicht einmischen. Das ist Sache der ZDF-Verantwortlichen. Da Sie die Krisenkommunikation ansprechen: Was genau muss sich da verbessern, wenn ein Fehler begangen wurde? Ganz einfach: sagen, was passiert ist. Möglicherweise war es im einen oder anderen aktuellen Fall schwierig, alles aufzuarbeiten. Aber: Man muss sofort mit der Wahrheit herauskommen: "Das und das ist passiert, wir haben Fehler gemacht, wir untersuchen das". Wir dürfen nicht irgendwelche technischen Ausreden anführen, die angeblich zu dem Fehler geführt haben. Aber ich bin sicher, auch daraus haben die Kollegen gelernt und lernen weiter dazu. Im Journalismus lernt man jeden Tag hinzu. Ein Leben lang.

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