Iran-Proteste: Davon wird sich das Mullah-Regime nicht erholen
Das Mullah-Regime schlägt die Proteste im Iran mit extremer Gewalt nieder, eine Revolution scheint kaum noch möglich. Eine Zukunft haben die Islamisten dennoch nicht. Es wäre der größte weltpolitische Umbruch seit dem Zerfall der Sowjetunion: der Sturz des Mullah-Regimes im Iran . Seit 47 Jahren beherrschen die Islamisten das Land mit seinen rund 90 Millionen Einwohnern, die bis zur sogenannten Islamischen Revolution 1979 in einer säkularen Gesellschaft lebten. Doch ein Regimewechsel hätte Folgen, die weit über die Landesgrenzen hinausgingen. Alles zu den jüngsten Entwicklungen im Iran finden Sie in unserem Newsblog . Im Nahen und Mittleren Osten unterstützt der Iran seit Jahrzehnten Terrorgruppen wie die Hisbollah im Libanon , die Hamas im Gazastreifen und die Houthis im Jemen . Immer wieder droht das Regime mit der Vernichtung Israels und arbeitet an der Entwicklung von Atomwaffen. Darüber hinaus gilt Teheran als enger Verbündeter Russlands und Chinas. Eine Demokratisierung des Landes könnte die internationalen Machtverhältnisse daher nachhaltig verändern. Wohl auch deshalb liebäugeln die USA und Israel mit einem Militärschlag gegen das strauchelnde Mullah-Regime. Revolution im Iran? "Die stille Erosion ist bereits im Gange" US-Angriff auf den Iran? Trump holt zum Schlag aus Kritiker befürchten, dass ein Eingreifen ausländischer Mächte den Iran in Chaos und Bürgerkrieg stürzen könnte, ähnlich wie nach der US-Invasion im Irak 2003. Doch im Falle des Iran deutet derzeit wenig auf die Möglichkeit des Staatszerfalls hin. Trotz der vielen unterschiedlichen Ethnien im Land stellt niemand die nationale Einheit des Iran infrage. Und trotz jahrzehntelanger islamistisch-theokratischer Herrschaft gibt es in der iranischen Gesellschaft bis heute eine gebildete Mittelschicht, nicht zuletzt wegen der vielen Universitäten im Land. Auch das ist ein wichtiger Unterschied zu den arabischen Nachbarländern des Iran. Aber wie könnte sich die Lage im Iran nun weiterentwickeln? t-online zeigt vier mögliche Szenarien auf. Friedliche Revolution Die Möglichkeit eines friedlichen Übergangs im Iran, wie in Ost- und Mitteleuropa 1989/90, ist mit der Gewalteskalation durch das Regime hinfällig. Mit den Schüssen auf die Demonstranten hat die Regierung in Teheran gezeigt, dass sie bereit ist, ihre Macht auch mit äußerster Brutalität zu verteidigen – ähnlich wie die chinesische Führung mit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989. Nach der Massengewalt der vergangenen Tage hat die Zahl der Proteste im Iran offenbar schon stark nachgelassen. Bisher gibt es auch keine Hinweise darauf, dass Teile des islamistischen Sicherheitsapparates zu den Demonstranten überlaufen. Vielmehr deutet die hohe Opferzahl und die Gewalt in allen Landesteilen darauf hin, dass sich die Führung in Teheran weiterhin auf ihre Schergen in der Revolutionsgarde und den ihr unterstellten Basidsch-Milizen verlassen kann. Angesichts der desolaten wirtschaftlichen Situation und des massiven Wertverfalls der Landeswährung Rial lässt sich aber nicht ausschließen, dass Sicherheitskräfte im weiteren Verlauf der Ereignisse doch noch die Seiten wechseln. Intervention aus dem Ausland US-Präsident Donald Trump hat mehrfach klargestellt, dass er zu einem Militärschlag gegen das Mullah-Regime bereit ist . Am Dienstag rief Trump die Menschen im Iran zu weiteren Demonstrationen auf und drohte dem Regime mit Intervention, wenn dieses anfange, Demonstranten hinzurichten. Auch Israels Armee hält sich nach Angaben aus Jerusalem bereit für Einsätze gegen den Iran unter US-Führung. Zuletzt erklärten zwei europäische Regierungsvertreter, ein Eingreifen der USA könne innerhalb der nächsten 24 Stunden erfolgen. Auch ein israelischer Offizieller sagte, es sehe so aus, als habe US-Präsident Donald Trump eine Entscheidung zur Intervention getroffen – Details zu Umfang und Zeitpunkt seien jedoch offen. Immerhin gäbe es verschiedene Möglichkeiten, den Repressionsapparat des Regimes zu treffen. Denkbar wären zum Beispiel Luftschläge gegen Kasernen und Kommandozentralen der Revolutionsgarden, aber auch gegen Regierungsgebäude bis hin zu einzelnen Fahrzeugen in Diensten des Regimes. Die iranische Luftverteidigung haben Israel und die USA während ihres Einsatzes gegen das iranische Atomprogramm im Juni 2024 praktisch vernichtet. Viel Gegenwehr wäre bei einem erneuten Luftschlag also nicht zu erwarten. Allerdings haben die USA derzeit keinen Flugzeugträger in der Golfregion und müssten daher mit Langstreckenbombern und schiffsbasierten Marschflugkörpern angreifen. Subtiler als Luftschläge wären Cyberattacken und gezielte Sabotageakte gegen das Regime. Auch dazu sollten die USA und Israel fähig sein. Mit Zöllen gegen Irans Handelspartner will der US-Präsident obendrein den wirtschaftlichen Druck auf Teheran erhöhen . Ob sich die Unterdrückung der Opposition mit diesen Mitteln stoppen lässt, erscheint allerdings fraglich. Ein Regimewechsel wäre aber auch im Zuge einer breiter angelegten Militärintervention nicht garantiert, zumal das revolutionäre Momentum bereits verflogen sein könnte. Auftakt eines Bürgerkriegs Sollte es dem Regime nicht schnell gelingen, die Proteste im Land niederzuschlagen, könnte sich die Situation auch zu einem Bürgerkrieg entwickeln. Unbestätigten Berichten zufolge sollen in den vergangenen Tagen auch Hunderte Angehörige des Regimes getötet worden sein. Dies könnte darauf hindeuten, dass es Regimegegnern vereinzelt gelungen ist, Polizeistationen zu überrennen und Waffen zu erbeuten. Nach Ansicht der US-Analysten vom Institute for the Study of War (ISW) geht die größte Gefahr für das Regime aber von kurdischen Milizen im Nordwesten des Landes aus. Demnach haben dort verschiedene kurdische Gruppen in den vergangenen Tagen Stützpunkte und Positionen der Revolutionsgarden angegriffen und eine unbekannte Zahl an Gardisten getötet. Unterstützung sollen die iranischen Kurden von kurdischen Milizen im Nachbarland Irak erhalten haben. Ob die Kurden das Regime in Teheran dauerhaft herausfordern können, ist allerdings ungewiss. Vor allem die Türkei hat kein Interesse an einer Stärkung der Kurden im Iran und warnte Teheran dem ISW zufolge vor dem Eindringen irakisch-kurdischer Kämpfer in den Iran. Nach Einschätzung des ISW könnte der bewaffnete Widerstand der Kurden im Nordwesten das iranische Regime allerdings zwingen, dauerhaft mehr Kräfte in die Region zu verlegen. Das wiederum könnte den Repressionsapparat des Regimes soweit strapazieren, dass auch in anderen Landesteilen Widerstand und Proteste wieder möglich werden. Bisher scheint aber völlig offen, ob sich die Opposition im Land organisieren und ohne Hilfe aus dem Ausland bewaffnen und das Regime in eine dauerhaft Auseinandersetzung zwingen kann. Das Regime schlägt die Proteste nieder – einmal mehr Angesichts der massiven Gewalt gegen die Demonstranten erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Islamisten in Teheran einmal mehr gegen ihre Bevölkerung durchsetzen – wie schon bei den Aufständen 2009/10, 2019 und 2022/23. Mittelfristig dürften die jüngsten Proteste das Regime dennoch schwächen. Die Islamische Republik hat einmal mehr bewiesen, dass sie die Probleme des Landes – wirtschaftliche Misere, Korruption, Wassermangel – nicht lösen kann, sondern sich nur mit blanker Gewalt an der Macht hält. Außenpolitisch wurde das Regime schon durch die US-israelischen Angriffe voriges Jahr massiv geschwächt: Sein Atomprogramm ist zurückgeworfen, sein Raketenarsenal dezimiert und seine Verbündeten wie die Hisbollah weitgehend entmachtet. Die Schwäche des Regimes dürfte die jüngsten Proteste mit ermöglicht haben. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, wann sich die Menschen im Iran erneut gegen die Diktatur erheben. Auch wenn sich eine Mehrheit der Bevölkerung nun aus Angst vor Repressionen ins Private zurückzieht, hat das Regime mit seiner Brutalität dennoch den letzten Anschein von Legitimität verloren. Neue Proteste könnten sich in Zukunft schon an geringfügigen Anlässen entzünden und das Regime erneut in die Krise stürzen.