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Rheinzink trotzt Baukrise: So gelingt dem Weltmarktführer der Spagat

Der Titanzink-Hersteller Rheinzink exportiert seine Produkte weltweit. Doch die Nachfrage nimmt durch die schwächelnde Baukonjunktur ab. Wie der Weltmarktführer der Krise trotzt. Es ist September 2009, Limousinen fahren vor und Medienvertreter drängen sich um den besten Platz. In der Kleinstadt Datteln, etwa 20 Kilometer nördlich von Dortmund gelegen, warten 350 Gäste aus dem In- und Ausland auf die Ankunft von US-Architekt Daniel Libeskind. Er wurde durch seine Idee für den Wiederaufbau des Ground Zero in New York City zum Architekturstar. Die Kameras klicken, als er und der damalige Rheinzink-Geschäftsführer Ulrich Grillo in Datteln vor die Presse treten. Sie enthüllen das neue Empfangsgebäude der Firma, es wirkt wie ein aus dem Boden gewachsener Kristall. Libeskind ist für seine ikonischen Gebäude bekannt, auch das Jüdische Museum in Berlin stammt aus seiner Feder. Bei seinen Bauwerken verwendet er immer wieder Titanzink von Rheinzink. Daher sprach das Unternehmen Libeskind an und fragte, ob er das Gebäude realisieren wolle. Er sagte zu, und damit war der Grundstein für die "Villa Libeskind" gelegt. Rheinzink stellt Titanzink im Premiumsegment her, ist laut eigenen Angaben Qualitätsführer in diesem Bereich. Auf 30 Prozent Marktanteil kommen die Dattelner, ähnlich viel hat der französische Konkurrent VmZinc. Im Bauwesen nutzt man Titanzink hauptsächlich als Ausgangsprodukt, um Regenrinnen, Hausfassaden und Dächer herzustellen. Erfolgsgeschichte aus der Eifel: Ihre Rohre landen in Chinas Reaktoren Sumup: Wie ein deutscher Gründer dem Bargeld Konkurrenz machte Rheinzinks Produkt steckt zum Beispiel in Museen in Südafrika , in Ferienhäusern in Japan, Flughäfen in Kanada und Universitäten in Großbritannien . Architekten schätzen das Material vor allem wegen seiner Langlebigkeit und seiner Ästhetik. Rheinzink spürt die Krise am Bau stark Doch wenn weniger gebaut wird, nutzt auch das beliebteste Material nichts: Rheinzink spürt die Krise am Bau stark. Durch die gestiegenen Zinsen und die allgemein schwache Wirtschaftslage halten sich Investoren bei Neubauprojekten zurück. Laut dem Statistischen Bundesamt wurde 2024 rund 3,5 Prozent weniger in Bauprojekte investiert als im Jahr zuvor, in ganz Deutschland kamen nur rund 252.000 Wohnungen neu dazu – 14,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders stark machte sich der Rückgang bei Ein- und Zweifamilienhäusern bemerkbar. In der Folge nahm auch die Nachfrage nach Titanzink-Produkten und der Umsatz von Rheinzink ab. Der Mutterkonzern Grillo, zu dem die Firma gehört, erlöste im Geschäftsjahr 2023/2024 einen Umsatz von 642 Millionen Euro, ein Jahr zuvor waren es noch 713 Millionen Euro. Und das, obwohl der Absatz von Rheinzink im Geschäftsjahr 2022/23 bereits um zehn Prozent zurückgegangen war. Kaum bekannter Mittelständler: Seine Sensoren stecken in Millionen Geräten Das Unternehmen baute 80 Stellen weltweit ab, überarbeitete die Kostenstruktur. Rheinzink ist in mehr als 40 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv, exportiert weltweit. 2023 hat die Firma ihren US-Standort in Boston nach über 20 Jahren geschlossen, setzt dort nun auf Partnerschaften mit großen Metallkonzernen in Chicago und Vancouver. "Wir haben jedes Land, auch jede Aktivität auf den Prüfstand gestellt, und sind dann zu dem Schluss gekommen, dass wir in den USA aufgrund des geringen Potenzials keinen eigenen Standort mehr brauchen, um den Markt zu bedienen", sagt Rheinzink-Geschäftsführer Carsten Beier. Seit Oktober 2022 ist Beier im Amt, trat damals die Nachfolge von Ulrich Grillo an, der den Grillo-Konzern in fünfter Generation leitet. Rheinzink erwartet leichtes Umsatzplus Für 2026 erwartet das Unternehmen eine Erholung im europäischen und im asiatischen Markt. Rheinzink prognostiziert ein leichtes Umsatz- und Absatzplus. Die Hälfte des Umsatzes macht Rheinzink in Deutschland, den Rest in Europa. Außerhalb des Heimatlandes ist Frankreich der wichtigste Markt. Das hat vor allem historische Gründe. "In Deutschland und in Frankreich wird Titanzink im Bauwesen traditionell stark eingesetzt, daher sind sie auch die beiden größten Titanzink-Märkte der Welt", sagt Geschäftsführer Beier. Hinzu kommt, dass Rheinzink in Datteln und im französischen Lyon fertigt – teure Standorte, vor allem, was Energiekosten betrifft. Um Titanzink herzustellen, wird Feinzink nämlich bei 500 Grad eingeschmolzen. Seit der Firmengründung im Jahr 1966 befindet sich die Hauptproduktionsstätte in Datteln. Etwa 300 der insgesamt 500 Mitarbeiter sind dort beschäftigt und produzieren bis zu 120.000 Tonnen Titanzink im Jahr. Einen Teil des fertigen Titanzinks verkauft die Firma direkt an den Fachhandel, den Rest verarbeitet sie in Lyon zu Rinnen und Rohren weiter, schickt es von dort in die Firmenlager nach Österreich , in die Schweiz, nach Polen und China . Rheinzink stärkt Standort in Datteln Um weiter zu wachsen, erschließt Rheinzink neue Märkte. Seit 2023 ist die Firma beispielsweise in Indien aktiv, durch eine Partnerschaft mit dem indischen Aluminiumplattenhersteller Eurobond, der in Mumbai sitzt. Geschäftsführer Beier erklärt, wie die Partnerschaft funktioniert: "Wir stellen unser Know-how zur Verfügung und die Marktkenntnis, um auch in Indien Projekte zu realisieren. Dabei ist es uns wichtig, erst den Markt kennenzulernen, um zu schauen, welches Potenzial es gibt", sagt Beier. Das Unternehmen Eurobond soll dann mit den Titanzink-Produkten von Rheinzink Projekte umsetzen. EU-Verhandlungen mit Indien: Neuer Handelsdeal steht vor dem Abschluss Neben der internationalen Expansion stärkt Rheinzink auch den Standort in Datteln. So investiert das Unternehmen eigenen Angaben zufolge einen siebenstelligen Betrag in die Anlagentechnik, um die Produktion energieeffizienter zu gestalten. Denn hier steht Rheinzink vor einer weiteren Herausforderung: Die Baubranche will immer nachhaltiger bauen – Ende 2024 waren rund 7.750 Bauprojekte zur Zertifizierung bei der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen gemeldet. Im Jahr 2022 waren es noch etwa 2.700. Unternehmen wie Rheinzink müssen also nicht nur aus Kostengründen nachhaltiger wirtschaften, sondern auch aus Wettbewerbssicht, um weiterhin den Zuschlag für Bauprojekte zu bekommen. Bis 2045 möchte Rheinzink klimaneutral werden So hat das Unternehmen im Jahr 2023 nach eigenen Angaben den ökologischen Fußabdruck einer Produktlinie um 50 Prozent reduziert. Die Ersparnis erzielt Rheinzink vor allem ganz vorn in der Lieferkette: Ein skandinavischer Lieferant, der für rund 20 Prozent des Materials steht, nutzt erneuerbare Energien wie Wind und Wasserkraft, um Feinzink zu produzieren. Für das Unternehmen soll das nicht das Ende der Entwicklung sein. Bis zum Jahr 2045 möchte Rheinzink klimaneutral werden, reduziert beispielsweise seinen Stromverbrauch und will verstärkt erneuerbare Energien einsetzen. Gleichzeitig setzt das Unternehmen auf Innovationen, um aus der Krise zu kommen: In den Jahren 2024 und 2025 hat Rheinzink zwei neue Produktlinien auf den Markt gebracht. Das Besondere ist die Beschichtung: Sie soll besonders korrosionsbeständig und witterungsfest sein. Dadurch, dass die Materialien den Klimabedingungen besser standhalten, minimiert sich der Wartungsaufwand, sagt Rheinzink. Seit mehr als zehn Jahren verkauft Rheinzink nicht nur Titanzink für Dächer, sondern auch Photovoltaik-Module und patentierte Befestigungsklemmen als komplettes System. Die PV-Module kauft das Unternehmen bei einem Lieferanten ein. Rheinzink berichtet, dass die Nachfrage seit 2022 zugelegt habe: Seitdem die Preise gestiegen sind, würden Verbraucher gerne unabhängig von den Strompreisen sein, sagt der Geschäftsführer. Insgesamt hat das Unternehmen mehrere Hundert Photovoltaik-Anlagen verkauft. Künftig will Rheinzink weitere Systemlösungen entwickeln, das Kerngeschäft soll aber Titanzink bleiben. Auch im Ausland nimmt das Geschäft wieder Fahrt auf. Im Juli vergangenen Jahres hat Rheinzink ein Großprojekt an Land gezogen: den Bau eines Teegartens im chinesischen Hangzhou. 220 Tonnen Titanzink aus Datteln machen sich auf den Weg nach Fernost.

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