Epstein-Files: Kanzler Merz muss die Affäre zur Chefsache machen
In der Epstein-Affäre geht es nicht mehr nur um sexuellen Missbrauch in den USA. Der Fall ist eine Gefahr für Europas Sicherheit – der Kanzler muss handeln. Aus europäischer Perspektive war die Epstein-Affäre lange Zeit vor allem ein Lehrstück über die moralische Verkommenheit in Teilen der US-Oberschicht. Ein einflussreicher Banker, der reichen und mächtigen Männern gewerbsmäßig minderjährige Mädchen zur Verfügung stellte. Abstoßend und womöglich strafrechtlich relevant, vielleicht sogar für den Präsidenten, der lange mit Epstein befreundet war. Doch mit dem angeekelten Blick über den Atlantik ist es nicht mehr getan. Newsblog zur US-Politik : Alle Entwicklungen im Überblick Neue Akten : "Epstein brachte die Mädchen herein und Trump versteigerte sie" Längst ist klar, dass Epsteins Netzwerk bis weit nach Europa reichte und dass seine Kontaktleute hier nicht nur Prominente wie der frühere Prinz Andrew oder Norwegens Prinzessin Mette-Marit waren, sondern auch politisch einflussreiche Menschen, führende Politiker, Wirtschaftsleute, Diplomaten. Immer deutlicher zeichnet sich nun ab, dass der Epstein-Komplex nicht mehr nur strafrechtlich relevant ist, sondern auch für die nationale Sicherheit Europas. Epstein-Netzwerk Teil einer russischen Operation? In Großbritannien steht der frühere Wirtschaftsminister Peter Mandelson im Verdacht, Staatsgeheimnisse an Epstein verraten zu haben. Und der frühere norwegische Ministerpräsident Thorbjörn Jagland diente Epstein offenbar als Kontaktmann in den Kreml, wie der E-Mail-Verkehr zwischen den beiden nahelegt. Als Generalsekretär des Europarates sprach sich Jagland nach der russischen Annexion der Krim 2014 regelmäßig gegen Sanktionen gegen Russland aus. Schon diese zwei Fälle nähren Spekulationen, dass Epsteins Netzwerk Teil einer größeren russischen Geheimdienstoperation gewesen sein könnte. Zumal eine Quelle, die das FBI für glaubwürdig hält, den 2019 in US-Haft gestorbenen Epstein gar als "Putins Vermögensverwalter" bezeichnete. Diente der sexuelle Missbrauch womöglich dazu, belastendes Material über westliche Amtsträger zu sammeln, um sie erpressbar und damit gefügig zu machen? "Kompromat" heißt solches Material im Kremlsprech. Ein britischer Geheimdienstler nannte das Epstein-Netzwerk gar die "größte Honigfallen-Operation der Welt" . Europa muss in der Epstein-Affäre selbst ermitteln Es ist richtig, dass eine Erwähnung in den Epstein-Akten nichts heißen muss und dass selbst in den Fällen, in denen das Material Belastendes offenbart, dies selbst noch keine Beweise sind. Aber gerade deshalb ist es notwendig, sich die Dokumente systematisch anzuschauen und bei Verdacht weitergehend zu ermitteln. Genau das müssen nun auch europäische Ermittler im Epstein-Fall endlich tun. Mit Blick auf die Fälle Mandelson und Jagland kann niemand garantieren, dass es nicht noch weitere europäische Amtsträger oder andere Mächtige gibt, die durch ihren Umgang mit Epstein kompromittiert und womöglich erpressbar sind. Es kann nicht sein, dass die Auswertung von Millionen von Dokumenten Medien und Privatleuten überlassen bleibt. Zumal es nicht zuletzt auch darum geht, Opfer und Missbrauchstäter zu ermitteln. Die US-Regierung ist kein Vorbild Bekannt ist inzwischen, dass auch Deutsche mit Epstein eng verbunden waren . Die Bundesregierung sollte daher dafür sorgen, dass deutsche Nachrichtendienste und Sicherheitsbehörden die umfangreichen Dokumente auswerten, und sie sollte sich in Washington um eine vollständige Einsicht in die ungeschwärzten Epstein-Dokumente bemühen. Zur Not muss Kanzler Merz seinen Draht zum US-Präsidenten nutzen, um das Material zu bekommen. Ein Beispiel können sich europäische Regierungen an Polen nehmen. Nachdem es dort erste Hinweise auf Geschädigte gab, hat Ministerpräsident Donald Tusk eine eigene Ermittlungskommission eingesetzt, um Epsteins Opfer ausfindig zu machen und zu unterstützen. In den USA regiert ein Präsident, der einst Epsteins bester Freund war und offensichtlich kein Interesse an einer Aufklärung des Komplexes hat. Um der Opfer, aber auch um ihrer selbst willen sollten Europa und Deutschland diesem Beispiel auf keinen Fall folgen.