Israel-Gaza-Krieg: Laut Studie mehr Tote als bisher angenommen
Es ist die erste unabhängige Studie zu den Todeszahlen während Israels Krieg in Gaza. Sie zeigt: Die Schätzungen waren bisher deutlich zu niedrig angesetzt. Eine neue Studie im Fachjournal "The Lancet" kommt zu dem Ergebnis, dass im Gazastreifen in den ersten 15 Monaten des Krieges deutlich mehr Menschen gewaltsam getötet wurden als bislang offiziell angegeben. Die Forschenden von der Royal Holloway University in London schätzen die Zahl der Todesopfer bis Anfang Januar 2025 auf rund 75.200 – etwa ein Drittel mehr als die damaligen Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza. Nach Berechnungen des Forschungsteams wurden zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 5. Januar 2025 rund 75.200 Menschen im Gazastreifen gewaltsam getötet. Das entspricht etwa 3,4 Prozent der Vorkriegsbevölkerung von rund 2,2 Millionen Menschen. Zusätzlich schätzt die Studie etwa 8.540 sogenannte indirekte Todesfälle. Dabei handelt es sich um Menschen, die nicht unmittelbar durch Kampfhandlungen starben, sondern infolge von Krankheit, mangelnder medizinischer Versorgung oder dem Zusammenbruch grundlegender Infrastruktur. Insgesamt kommen die Forschenden also auf eine Zahl von mindestens 83.740 Menschen, die in Verbindung mit Israels Krieg im Gazastreifen getötet wurden. Studie nutzt neue Methodik Die Untersuchung stützt sich nicht auf individuelle Sterberegister des von der Terrororganisation Hamas geführten Gesundheitsministeriums im Palästinensergebiet, sondern auf eine bevölkerungsbezogene Erhebung. Zwischen dem 30. Dezember 2024 und dem 5. Januar 2025 befragten die Forschenden 2.000 Haushalte im Gazastreifen. Erfasst wurden insgesamt 9.729 Personen, die am 6. Oktober 2023 in einem Haushalt in Gaza lebten, sowie Kinder, die nach Kriegsbeginn geboren wurden. Trumps Gaza-Plan: Auch die Fifa beteiligt sich Kommentar zum Friedensrat: Jetzt sabotiert Trump sich selbst Für jede Person wurde abgefragt, ob sie noch lebt, verstorben, vermisst, inhaftiert oder ausgewandert ist. Bei Verstorbenen wurde zusätzlich zwischen gewaltsamer und nicht-gewaltsamer Todesursache unterschieden. Da Teile des Gazastreifens zum Zeitpunkt der Erhebung von der israelischen Armee abgeriegelt waren – darunter Nordgaza, Gaza-Stadt und Rafah – befragten die Forschenden Haushalte, die aus diesen Gebieten geflohen waren und nun in anderen Regionen lebten. So sollten auch Erfahrungen aus besonders betroffenen Gebieten einbezogen werden. Studie nennt deutlich höhere Zahlen als Hamas Die Ergebnisse der "Lancet"-Studie zeigen eine deutliche Diskrepanz zu den Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza, das für denselben Zeitraum rund 49.000 gewaltsame Todesfälle gemeldet hatte. Somit liegen die Ergebnisse der Forschenden mehr als ein Drittel über dieser Zahl. Studienautor Michael Spagat, Professor für Volkswirtschaftslehre am Royal Holloway College der Universität London, erklärte in einer Mitteilung, die Ergebnisse deuteten auf eine erhebliche Untererfassung durch das Ministerium hin. Die Differenz sei jedoch nicht als exakte Quote zu verstehen, sondern als Hinweis auf eine systematische Unterschätzung. Das Gesundheitsministerium in Gaza beziffert die Gesamtzahl der seit dem 7. Oktober 2023 Getöteten inzwischen auf mehr als 72.000. Diese Zahl umfasst allerdings einen längeren Zeitraum als die in der Lancet-Studie untersuchten ersten 15 Monate. Israelische Regierung zweifelt Studienergebnisse an Vertreter der israelischen Regierung hatten die vom Gesundheitsministerium in Gaza veröffentlichten Zahlen wiederholt öffentlich infrage gestellt. Auch die Zahlen der "Lancet" Studie treffen auf Kritik: Ein Regierungssprecher erklärte auf Anfrage des britischen "Telegraph", die Studie sei keine verlässliche Quelle zur Bewertung der Opferzahlen in Gaza – ohne jedoch genauer zu erklären, warum. Studienautor Michael Spagat erklärte, die Erhebung habe dank der palästinensischen Umfragepartner in Gaza gut funktioniert, andernorts lasse sich die Methodik aber möglicherweise nicht anwenden. "Ich würde nicht sagen, dass sich dies in Ländern wie Sudan leicht wiederholen lässt. Das wäre weitaus anspruchsvoller", erklärte er im Gespräch mit dem "Telegraph". Spagat hofft, dass die Ergebnisse zeigen, dass "riesige Zahlen indirekter Todesfälle im Krieg nicht unvermeidlich sind." Und weiter: "Das Hilfssystem in Gaza – die Ärzte, die UN-Infrastruktur – hat wahrscheinlich weit mehr indirekte Todesfälle verhindert".