Bodø/Glimt: Champions-League-Außenseiter besiegt Inter Mailand
Der FK Bodø/Glimt ist die Überraschung der Champions-League-Saison. Jetzt hat der Klub vom Polarkreis für die nächste Sensation gesorgt. Mittendrin: ein ehemaliger Frankfurter. Wirklich viel gibt es in der norwegischen Stadt Bodø eigentlich nicht zu sehen. Ein paar Museen, ein Rathaus und die 2014 eröffnete Bibliothek gehören zu den größten Sehenswürdigkeiten der rund 43.000-Seelen-Gemeinde. In den Schlagzeilen steht Bodø derzeit aber ohnehin nicht aufgrund der hohen Anziehungskraft für Touristen. Vielmehr erregt der ortsansässige Fußballverein FK Bodø/Glimt in diesen Tagen über die Landesgrenzen hinweg große Aufmerksamkeit. Das Team von Trainer Kjetil Knutsen hat in der Champions League nämlich den größten Coup der Vereinsgeschichte gelandet. Nach dem überraschenden 3:1 Hinspielsieg im heimischen Aspmyra-Stadion konnte Bodø auch im Rückspiel der Zwischenrunde den dreifachen Titelträger Inter Mailand niederringen. Im San Siro gewann die Mannschaft am Dienstagabend mit 2:1 – und machte damit die Sensation endgültig perfekt: den Einzug ins Achtelfinale. "Es gab für uns alles zu gewinnen" Im Anschluss an den historischen Erfolg in Mailand kam selbst Bodøs Trainer aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Könnt ihr das glauben? Ein Team aus einer kleinen Stadt im Norden. Das ist unglaublich", sagte Knutsen. Und weiter: "Wir sind im Achtelfinale. Ich kann es eigentlich nicht glauben." Über seine Mannschaft geriet der Coach regelrecht ins Schwärmen. "Die Spieler sind fantastisch. Sie gehen die Schritte, sie glauben daran, sie arbeiten hart. Ich bin so stolz." Schon nach dem ersten Spiel hatten sie bei Bodø/Glimt kaum fassen können, welche historische Chance sich ihnen in Mailand bieten würde. "Das ist unwirklich, um ehrlich zu sein", hatte Linksaußen Jens Petter Hauge in der vergangenen Woche bei Prime Video zu Protokoll gegeben. Über den 3:1-Heimsieg sagte er: "Wir haben hier zuvor schon einige fantastische Spiele gespielt. Heute war es aber was anderes, es war in der K.-o.-Phase. Es gab für uns alles zu gewinnen und wir haben ein gutes Spiel gemacht." Genauso, wie eine Woche später im San Siro. Eine Sensation ist Bodøs Erreichen der Runde der letzten 16 Teams gleich aus mehreren Gründen. Im Vorfeld der Duelle mit Inter galt das Team trotz des letztjährigen Erreichens des Halbfinals der Europa League nämlich als krasser Außenseiter. So beläuft sich der Kaderwert des in der diesjährigen Champions-League-Saison am nördlichsten lokalisierten Klubs auf knapp 57 Millionen Euro, der der Südeuropäer jedoch auf über 666 Millionen Euro. Zwischen den beiden Vereinen liegen also nicht nur geografisch, sondern auch finanziell Welten. Bodø war in der aktuell laufenden Spielzeit zudem das erste Mal überhaupt in der Gruppenphase der Champions League vertreten. Inter wiederum stand im vergangenen Jahr noch im Finale. Der Achtelfinaleinzug von Bodø kommt auch deshalb einem kleinen Wunder gleich. In der ersten Königsklassen-Vorrunde der Klubgeschichte bekamen es die Norweger übrigens mit einigen prominenten Gegnern zu tun. Doch davon ließ man sich am Vestfjord nicht beeindrucken. Am zweiten Spieltag rang Bodø zu Hause dem Europa-League-Sieger Tottenham Hotspur ein 2:2-Remis ab. Dasselbe Ergebnis erzielte die Knutsen-Elf trotz zweifachen Rückstands auch am sechsten Spieltag auswärts bei Borussia Dortmund . Ausschlaggebend für den letztlich völlig überraschenden Sprung in die K.-o.-Phase waren aber vor allem die letzten beiden Partien der Vorrunde. Im Januar wies Bodø Englands Spitzenklub Manchester City , trainiert von Ex-Bayern-Coach Pep Guardiola, mit 3:1 in die Schranken. Kurz darauf feierten die Skandinavier dann auch noch einen überraschenden 2:1-Erfolg beim spanischen Topverein Atlético Madrid und rutschten mit zwei Siegen aus acht Partien tatsächlich noch in die Zwischenrunde. Ex-Frankfurter Hauge blüht auf Doch wie gelingt es Bodø überhaupt, sportlich mit Europas Spitzenmannschaften mitzuhalten? Klar ist: Der Verein setzt auf Kontinuität und heimische Spieler. Trainer Knutsen ist bereits seit 2018 im Amt und hat seiner Mannschaft einen attraktiven Offensivstil eingeimpft. Bodøs Profis agieren oft mit One- oder Two-Touch-Fußball. Aus den wenigen Ballkontakten generiert das Team den maximalen Ertrag. Seit Knutsens Amtsantritt hat Bodø vier Meistertitel in Norwegen eingefahren. Zuvor hatte der Verein die Eliteserie in den mehr als hundert Jahren seit seiner Gründung kein einziges Mal gewonnen. Von den jeweils 15 Spielern, die im Hin- und Rückspiel gegen Inter zum Einsatz kamen, sind derweil nur Torhüter Nikita Haikin (Russland/England) und Stürmer Kasper Høgh (Dänemark) keine Norweger. Kapitän Patrick Berg wurde sogar in Bodø geboren und ausgebildet. Genauso wie der frühere Herthaner Fredrik André Bjørkan oder aber auch der eingangs erwähnte Jens Petter Hauge. Der Offensivakteur blüht bei Bodø in dieser Champions-League-Saison besonders auf. Hauge, der sich bei seinen Stationen bei der AC Mailand und Eintracht Frankfurt nie wirklich zurechtfand, war vor rund einem Jahr zu seinem Jugendklub zurückgekehrt. In zehn Partien in der Königsklasse traf er nun bereits sechsmal, unter anderem gegen den BVB und Manchester City – und jetzt auch in beiden Spielen gegen Inter. Der 26-Jährige hat an alter Wirkungsstätte zurück in die Spur gefunden. Eisige Temperaturen spielen Bodø in die Karten Dass Bodø gerade auf internationalem Parkett regelmäßig Top-Teams ärgert, hat aber nicht nur mit dem langjährigen Trainer und der hohen Dichte an sich in ihrer Heimat nachweislich wohlfühlenden Profis zu tun. In die Karten spielen dem Team wohl auch das lokale Wetter und die eigene Heimspielstätte. Die Stadt Bodø liegt nördlich des Polarkreises. Minusgrade sind bei den Partien im Aspmyra-Stadion also keine Seltenheit. Beim ersten Duell mit Inter zeigte das Thermometer zwischenzeitlich minus sechs Grad an. Und mit dieser Kälte schienen die an solche Temperaturen angepassten Norweger deutlich besser zurechtzukommen als ihre wärmeres Klima gewohnten Gegner. Hinzu kommt: Im Aspmyra-Stadion ist aufgrund der speziellen Wetterverhältnisse vor Ort zudem kein Natur-, sondern Kunstrasen ausgelegt. Auf diesem rollt der Ball tendenziell schneller, besonders bei Nässe. Bodøs Profis kennen sich mit dem Belag bestens aus. Zwar ist das nicht der einzige Grund für die Heimstärke des Teams, aber durchaus ein unterstützendes Element. "Bin mir sicher, dass wir uns behaupten können" Beim Gastspiel Mailand konnte Bodø auf diesen Vorteil aber natürlich nicht zurückgreifen. Im San Siro musste die Mannschaft bei frühlingshaften zehn Grad auf einem Hybridrasen bestehen – und meisterte die Aufgabe mit Bravour. Hinten stand Bodø sicher, vorne zeigten sich Hauge und Rechtsaußen Haakon Evjen eiskalt und schossen ihr Team zum Sieg. Angst, auf dem Mailänder Hybridrasen mit Inter Probleme zu bekommen, hatten die Spieler im Vorfeld aber offenbar ohnehin nicht. "Ich bin mir sicher, dass wir dahinfahren und uns behaupten können", sagte Hauge in der vergangenen Woche. "Wir haben das gegen Atlético und Dortmund gezeigt." Bei beiden Spitzenklubs punktete Bodø zuvor jeweils auswärts. "Wir wissen jetzt, dass wir gegen die besten Teams der Welt konkurrenzfähig sind", betonte Hauge zudem. Er sollte auch in Mailand recht behalten.