John Bolton kritisiert Trumps Iran-Plan: "Öffentlichkeit nicht vorbereitet"
Trumps früherer Nationaler Sicherheitsberater John Bolton hält den Angriff auf den Iran für richtig. Trotzdem rechnet er mit dem US-Präsidenten ab. Im t-online-Interview beklagt er mangelhafte Vorbereitung und eine fehlende Strategie. Bastian Brauns und David Schafbuch berichten aus Washington und New York John Bolton diente schon unter vier US-Präsidenten, zuletzt in der ersten Trump-Regierung, als Nationaler Sicherheitsberater. Seit Jahrzehnten sprach er sich für einen Regimewechsel im Iran aus. Doch erst jetzt handelt Donald Trump zumindest scheinbar in seinem Sinn. Statt später Anerkennung hat Bolton hauptsächlich Kritik für den US-Präsidenten übrig. Im Gespräch mit t-online beschreibt er, warum er die politische Vorbereitung vor dem Angriff fehlerhaft hält, wo Trump diplomatische Fehler gegenüber Europa begeht und warum die US-Regierung die Öffentlichkeit täuscht. Seine Erklärung: Es gibt große Unsicherheiten in Trumps eigenem Machtapparat. t-online: Wann haben Sie erfahren, dass die USA den Iran angreifen würden, und was war ihre erste Reaktion? John Bolton: Ich bin Frühaufsteher. Am Samstag bin ich schon um drei Uhr morgens aufgewacht und habe meinen Computer und den Fernseher eingeschaltet. Trump hatte erst eine halbe Stunde zuvor seine Videoansprache veröffentlicht. Meine erste Reaktion war, dass dieser Angriff auf einen Sturz des iranischen Regimes abzielte. Sie halten einen Sturz für die richtige Entscheidung? Dafür spreche ich mich seit mehr als 20 Jahren aus. Der Iran ist ein Terrorstaat. Sein Atomprogramm in Kombination mit seinen ballistischen Raketen ist eine Bedrohung für die USA und deren Partnerstaaten. Aus meiner Sicht war schon lange klar, dass das Regime nicht aufhören wird, sich um Nuklearwaffen zu bemühen. Wer verhindern will, dass der Iran Atomwaffen besitzt, muss die Führung stürzen. Ich dachte am Samstag nur: Schade, dass ich Trump in seiner ersten Amtszeit davon nicht überzeugen konnte. Ich habe es versucht, aber hatte keinen Erfolg. Newsblog zum Krieg in Nahost: Die aktuellen Entwicklungen Sie waren damals Trumps Nationaler Sicherheitsberater. Wie hat er Präsident denn seinerzeit auf ihre Vorschläge reagiert? Trump sagte mir mehrfach, dass er den Sturz von Saddam Hussein im Irak unter George W. Bush für einen Fehler hielt. Ich hatte ihm erklärt, dass man die Situationen im Irak nicht mit dem Iran vergleichen sollte. Dass man jeden Fall einzeln für sich betrachten muss. Aber er wollte keinen Regimewechsel im Iran. Er war durchaus dafür, dass Israel Schritte unternimmt, um das iranische Atomwaffenprogramm zu zerstören. Aber die Israelis wollten, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten. Trump wollte das damals nicht. US-Außenminister Marco Rubio sagte zuletzt, die USA hätten den Iran nur angegriffen, weil Israel ohnehin einen solchen Schlag geplant hatte. Das ist lächerlich, vollkommen lächerlich. Diese Operation wurde von Israel und den USA so eng abgestimmt wie kaum eine andere Militäroperation der jüngeren Geschichte. Wir wissen genau, was die Israelis machen, und sie wissen, was wir tun. Alles ist perfekt koordiniert. Dass dieser Angriff kommen wird, war schon seit Längerem erwartet worden. Wurde er aus Ihrer Sicht ausreichend vorbereitet? Trump hat es versäumt, seine Argumente im Vorfeld ausreichend zu vermitteln. Er hat die amerikanische Öffentlichkeit nicht darauf vorbereitet und nicht den Kongress einbezogen, genauso wenig wie unsere Partnerländer. Auch mit der iranischen Opposition stand er offenbar nicht ausreichend in Kontakt. Es wurden also in den ersten Tagen nachweislich viele Fehler gemacht. Aber es bleibt trotzdem richtig, dieses Regime zu stürzen – und diese Fehler können korrigiert werden. Jetzt läuft der Krieg und es bleibt unklar, wie er enden wird. Müssten die USA Bodentruppen entsenden, um die iranische Führung zu stürzen? Der Plan ist, die Machtinstrumente des Regimes zu zerstören: Dazu gehören etwa die Revolutionsgarden, die Quds-Einheiten und die Basij-Miliz. Wenn man diese Einheiten schwächt, kann das Regime immer schlechter regieren. Ohne sie kann der Iran auch nicht mehr die Straße von Hormus schließen oder andere Staaten angreifen. Krieg gegen den Iran: Marschiert Trump mit Bodentruppen ein? Aktuell werden nicht nur die iranischen Nachbarstaaten attackiert. Zuletzt wurde auch eine Rakete Richtung Türkei abgewehrt, eine andere ist auf Zypern eingeschlagen. Es ist unglaublich dumm, diese ganzen Länder anzugreifen. Das wird den Iran weiter isolieren, falls diese Länder in den Krieg eingreifen sollten. Außerdem schwächt das Land damit auch die eigenen militärischen Kapazitäten. Viele Generäle aus dem regulären Militär, aber vielleicht auch von den Revolutionsgarden, könnten deshalb den Eindruck gewinnen, dass das Regime selbst nicht mehr an seinen Erhalt glaubt und zur Opposition überlaufen. Ein Regimewechsel kommt letztlich durch interne Spaltungen an der Spitze zustande. So zerfällt das System. Welche Probleme sehen Sie aktuell? Ich denke, Trump macht weiterhin Fehler. Beim Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz hat er am Dienstag den britischen Premierminister Keir Starmer dafür kritisiert, dass er die britischen Militärbasen nicht sofort geöffnet hat. Starmer hat es inzwischen getan und hätte es von Anfang an tun sollen. Trump hat auch Spanien attackiert, weil es nicht bereit ist, seine Verteidigungsausgaben zu erhöhen, wie es innerhalb der Nato vereinbart wurde. Bei Merz-Besuch: Dann spricht Trump von einer "dummen Insel" So weit, so nachvollziehbar aus Trumps Perspektive? Das Problem ist: Dieser Angriff müsste eigentlich ein gemeinsames Projekt der USA mit europäischen Staaten sein. Auch Europa wird vom Iran bedroht. Aber daran arbeitet Trump nicht, weil es ihn nicht interessiert. Ich halte das für einen Fehler. Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth sagt nun, der Krieg verfolge nicht mehr das Ziel, die iranische Führung zu stürzen. Woher kommt dieser Sinneswandel? Die Regierung befürchtet, dass der isolationistische Flügel von Trumps politischer Basis von seinem Vorgehen schockiert sein könnte. Ich glaube aber: Ein Großteil der Republikaner unterstützt Trumps Kurs. Sie glauben, die Mehrheit der Republikaner steht in dieser Frage hinter dem Vorgehen? Ohne Zweifel. Das war bis 2016 die klassische republikanische Linie. Aber die Partei ist heute eine andere. Ist es politisch nicht riskant für Trump, zu dem zu werden, was Ihnen immer vorgeworfen wurde: ein neokonservativer Falke und Kriegstreiber? Viele in der MAGA-Basis unterstützen Trump, weil sie alles unterstützen, was er tut. Das ist einer der Gründe, warum er ein gefährlicher Präsident ist. Die Menschen folgen der Person, und nicht einer bestimmten Philosophie. Das gilt selbst für manche, die sich sonst als Isolationisten verstehen würden. Aber es gibt ja die Republikaner, die sich aktuell klar gegen diesen Krieg aussprechen. Ja, und darum dürften echte Isolationisten wie Vizepräsident JD Vance aktuell sehr beunruhigt sein. Es wirkt so, als würde er Trumps Bemühungen untergraben, Unterstützung zu mobilisieren. Normalerweise würde ein Vizepräsident an vorderster Front stehen und für den Kurs des Präsidenten werben. Vance hat sich jetzt aber erst nach mehreren Tagen erstmals unterstützend geäußert. Dieses Schweigen war schon sehr auffällig. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt. Präsident Trump spricht von vier bis fünf Wochen, schließt aber eine längere Dauer des Krieges nicht aus. Womit rechnen Sie? Man sollte keinen Zeitplan festlegen. Das ist ein Fehler. Denn vieles, was derzeit geschieht, liegt außerhalb unserer Kontrolle. Während des Afghanistan-Krieges sagten die Taliban über die Amerikaner und die Nato: "Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit." Das ist eine tiefgründige Einsicht. Es ist an der Zeit, die Uhren wegzulegen und zu sagen: Wir werden unsere Ziele erreichen. Und wenn es länger als vier oder fünf Wochen dauert, dann ist das eben so. Mit welchen Persönlichkeiten in der iranischen Opposition sollte die Trump-Regierung Ihrer Meinung nach sprechen, um doch noch einen Regimewechsel nach Ihrer Vorstellung zu erreichen? Mit allen – und das hätte schon lange vor Beginn der militärischen Angriffe geschehen sollen. Im Januar wurden laut Presseberichten rund 6.000 Starlink-Terminals geliefert, um die Internet-Kommunikation im Iran zu unterstützen. Das bedeutet, dass man ja mit jemandem vor Ort in Kontakt stehen muss. Es gibt auch Berichte, dass Trump mit kurdisch en Anführern im Irak über die Lage im Iran gesprochen hat. Ich bin sicher, dass diese in Kontakt mit Kurden im Iran stehen und möglicherweise Vorbereitungen treffen. Aber Sie sagen, das ist zu wenig und hätte früher geschehen sollen? Ja, die Opposition ist zwar landesweit verbreitet, aber nicht gut organisiert. Man hätte darum frühzeitig mit Personen in den Eliten sprechen sollen. Mit Generälen der regulären Armee, mit einigen Ajatollahs und sogar mit Mitgliedern der Revolutionsgarden. Die Botschaft hätte sein müssen: “Dieses Schiff sinkt. Ihr könnt jetzt abspringen oder mit untergehen." Und was werden wir nun sehen? Es scheint, dass bald ein neuer Oberster Führer ernannt werden könnte. Die Angriffe haben die ohnehin bevorstehende Nachfolgekrise beschleunigt. Gerüchten zufolge könnte Chameneis Sohn Mojtaba sein Nachfolger werden. Er will dieses Amt seit Langem, ist aber sehr unpopulär. Sollte er es bekommen, werden sich die Menschen nicht automatisch hinter ihm versammeln, das kann ich garantieren. Die Trump-Regierung droht auch vielen anderen Ländern. Was könnte nach Venezuela und dem Iran als Nächstes kommen? Kuba ? Haiti? Nach dem Iran ist zunächst die Aufgabe in Venezuela noch nicht erledigt. Maduro zu entfernen ist ein guter Schritt, aber andere Schlüsselfiguren des Regimes wie Delcy Rodríguez, der Verteidigungsminister Vladimir Padrino, Diosdado Cabello, Jorge Rodríguez, müssten ebenfalls gehen. Die Macht sollte der Opposition übergeben werden, die schließlich auch die Wahl 2024 gewonnen hat. Das ist für mich unerledigte Arbeit. Also können Kubas Anführer aufatmen? Es ist gut möglich, dass Kuba als Nächstes dran ist. Die aktuelle Ölblockade wird die ohnehin angeschlagene Wirtschaft schwer treffen. Ich glaube, das kubanische Volk ist bereit, das Post-Castro-Regime zu beenden. Trump spricht von einer "freundlichen Übernahme". Was soll man sich darunter vorstellen? Ich glaube nicht, dass das freundlich ablaufen wird. Die kubanisch-amerikanische Gemeinschaft im Exil wartet auf diesen Moment seit 1959. Auch sie haben viele Rechnungen zu begleichen. Darum erwarte ich keine freundliche Übernahme. Das Beste, worauf das derzeitige Regime in Kuba hoffen kann, ist es, selbst ins Exil zu gehen – vielleicht nach Moskau , wenn sie das wollen. Aber freundlich wird das ganz sicher nicht.