Eiskunstläufer Ilia Malinin: Der Absturz des „Vierfach-Gottes“: „Ich habe es vermasselt“
Ilia Malinins Olympia-Desaster bewegt die Sportwelt. Eine Goldmedaille galt für den Eiskunstläufer als reserviert. Doch der „Vierfach-Gott“ stürzt unerklärlich ab.
Bei der Transformation seines Sohnes Ilia Malinin von einem „Vierfach-Gott“ in einen zerbrechlichen, zutiefst ratlosen jungen Eiskunstläufer konnte Roman Skornyakov irgendwann nicht mehr hinsehen. Der Vater und Trainer in Personalunion verzweifelte, drehte sich weg von der Eisfläche und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Die Welt schaute dafür gebannt, verwundert und irgendwann nur noch mitleidvoll zu, wie dem begnadetsten Eiskunstläufer der Gegenwart das sicher geglaubte Olympia-Gold durch die Finger glitt.
Alle – wirklich alle – hatten von dem zweimaligen Weltmeister und Dominator der Eiskunstlaufszene eine Goldmedaille beim wichtigsten Wettbewerb seiner Karriere erwartet. Malinin galt als einer der sichersten Olympiasieger dieser Winterspiele. Immerhin war er seit mehr als zwei Jahren ungeschlagen. Er galt als unbesiegbar, nun bleibt er vorerst unvollendet. Am Ende reichte es an einem denkwürdigen Abend aber nicht mal für eine Medaille.
Statt Sprung für die Geschichtsbücher historischer Einbruch
Das Unheil deutete sich schon in den Sekunden vor dem Einsetzen der Musik an. „Mein Leben war von vielen Höhen und Tiefen geprägt. Kurz bevor ich meine Ausgangsposition einnahm, überfluteten mich all diese Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken mit voller Wucht, und es war einfach überwältigend“, sagte Malinin nach der vierminütigen Kür, die sein Leben veränderte – nur eben nicht so, wie alle Welt es erwartet hatte.
Denn in diesem hochsensiblen Moment wusste der 21-Jährige nicht, wie er mit der Reizüberflutung umgehen sollte, alles sei „zu schnell“ gegangen: „Es war fast so, als ob ich gar nicht wusste, wo ich im Programm stand.“ Und so lief er auch. Der einzige Mensch, der jemals sieben Vierfachsprünge in einer Kür gezeigt hat, bei dem es nicht um die Farbe der Medaille zu gehen schien, sondern eher darum, ob er den Weltrekord von Nathan Chen würde verbessern können, kollabierte regelrecht.
„Ich habe all die Jahre darauf hingearbeitet – und dann ging alles so schnell vorbei. Ich hatte keine Zeit zu begreifen, was ich tun soll, oder irgendetwas zu verarbeiten. Es passierte alles so rasend schnell“, sagte Malinin mehreren Dutzend Reportern.
Doch statt eines geplanten vierfachen Axels – es wäre der erste in der Olympia-Geschichte gewesen – sprang er diesen nur einfach. Zwei Stürze, den Rittberger zweifach, jegliche Leichtigkeit ging ihm ebenso verloren wie der Mut und die Puste. „Das gibt es nicht“, rief ARD-Kommentator Daniel Weiß ungläubig. Nicht mal eine Medaille blieb Malinin, der Führende nach dem Kurzprogramm, stürzte auf Rang acht ab. „Es ist wirklich nicht leicht, aber ich bin trotzdem stolz, dass ich es bis zum Ende durchgezogen habe“, sagte Malinin, der am Ende seiner Darbietung auch körperlich am Ende zu sein schien.
Zahlreiche US-Medien gingen nach diesem Freitag, dem 13., jedoch hart mit Malinin ins Gericht. So, als hätte dieser nicht nur sich selbst um eine Medaille gebracht. „USA Today“ sprach von der „schockierendsten und vernichtendsten Darbietung eines Favoriten in der Geschichte des olympischen Eiskunstlaufs“, die „Los Angeles Times“ schrieb: „Er stolperte über das Eis. Er versuchte, seinen schmerzerfüllten Gesichtsausdruck zu verbergen.“ Nach Ansicht der New York Times hat Malinin seine große Chance auf Einzelgold „verschwendet“.
Sein persönliches olympisches Desaster konnte der 21-Jährige kurz nach dem Wettkampf noch nicht ganz realisieren. „Offen gesagt, ich kann jetzt nicht genau sagen, was es war“, antwortete Malinin auf die Frage, warum er in der Kür der Männer so kolossal eingebrochen und nach der Führung im Kurzprogramm noch auf den achten Rang abgerutscht sei. „Ich habe es vermasselt“, wurde Malinin vom US-Sender NBC zitiert.
Malinin, neben der auf andere Weise dramatisch gescheiterten Ski-Königin Lindsey Vonn die Attraktion dieser 25. Winterspiele, hatte zu dieser immensen Fallhöhe allerdings auch selbst beigetragen. „I broke physics“, sagte er einmal. Ja, tatsächlich hatte er, der noch bei seinen Eltern in Fairfax/Virginia wohnt, die Grenzen des Möglichen verschoben.
Ilia Malinin: „Der Druck ist enorm“
Doch auch ihn beeinflussten die Gesetze der größten Sportbühne. „Man sagt, es gebe einen Olympiafluch. Dass der Goldfavorit bei Olympia immer schlecht läuft. Und genau das ist passiert“, analysierte Malinin in den Katakomben der Arena im Süden Mailands: „Der Druck war enorm.“
„Es sind die Olympischen Spiele. Ich glaube, die Leute erkennen nur selten den Druck und die Nervosität, die wirklich von innen kommen“, fügte Malinin hinzu.
Einige Kollegen zeigten Verständnis und Mitgefühl. Der Japaner Yuma Kagiyama, der hinter dem völlig baffen Olympiasieger Michail Schaidorow (Kasachstan) Silber gewann, fand einen Erklärungsansatz, den er nicht exklusiv hatte: „Ich bin ziemlich überrascht von seiner Leistung heute Abend. Er hatte eine perfekte Saison“, sagte Sato über den zweimaligen Weltmeister Malinin, der seit über zwei Jahren ungeschlagen war. Der Zeitplan allerdings sei „extrem anstrengend“ für ihn gewesen. Auf dem Weg zu Team-Gold für die USA hatte Malinin bereits das Kurzprogramm und die Kür bestritten – auch dies übrigens nicht fehlerfrei.
Letztlich sah sich Ilia Malinin in einem weiteren Ausspruch bestätigt, den er jüngst tätigte: „Die Leute sehen uns zu und denken, wir sind übermenschlich. Aber wir sind alle auch nur Menschen.“