Festakt zu 500 Jahre Heidelberger Disputation: Der kleine Bruder von Luthers Thesenanschlag
Von Micha Hörnle
Heidelberg. Es ist ja schon einmal ein gutes Zeichen, wenn der katholische Unirektor Bernhard Eitel und der evangelische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh gemeinsam Luther feiern. Am Donnerstagabend gedachte man in einem Festakt des 500. Jubiläums der Heidelberger Disputation - sozusagen der kleine Bruder des Thesenanschlags 1517, dem immerhin das ganze letzte Lutherjahr gewidmet war.
Dabei, darauf wies der Dekan der Theologischen Fakultät, Christoph Strohm, hin, war der Luther-Auftritt am 26. April 1518 wahrscheinlich theologisch bedeutender. Bei den 95 Thesen in Wittenberg ging es dem späteren Reformator eher um eine Nebensache - die Abrechnung mit dem Ablasshandel. Sein viel größeres Anliegen, welches er vor allem in Heidelberg in 28 Thesen vertrat, war die Erneuerung der Kirche: Das Seelenheil kann man sich nicht selbst erarbeiten oder erkaufen - das liegt allein in der Gnade Gottes.
Die Heidelberger Disputation hatte vor allem in Süddeutschland Folgen: Viele der jüngeren Zuhörer wie der Elsässer Martin Bucer oder die Schwaben Johannes Brenz und Erhard Schnepf gehörten zu den Wegbereitern der Reformation - im damaligen Hörsaal der Artistenfakultät fand er "viele offene Ohren und jede Menge Multiplikatoren", so der Festredner, der Mannheimer Germanist Jochen Hörisch. Das waren junge begeisterte Studenten, während die älteren Professoren eher reserviert reagierten.
Dass Luther ausgerechnet in Heidelberg den Anstoß zur Reformation der Region gab, war eher einem Zufall zu verdanken: Er gehörte zum Augustiner-Orden, der an sich schon eine innerkirchliche Reformbewegung war. 1518 sollte der sich in seinem Kloster am heutigen Universitätsplatz zu seiner Vollversammlung treffen. Luther, damals noch Mitglied der Augustiner und Theologieprofessor in Wittenberg, reiste dienstlich an - und sollte auch gleich seine Thesen vertreten. Er brach am 9. April 1518 auf und ging meist zu Fuß, erst das letzte Stück von Würzburg legte er in einem Wagen zurück, wie Harald Pfeifer in seinem Buch über Luthers Reise schrieb. Am 21. April kam er über das Neckartal an - und damit ist auch die alte Legende, Luther habe im Neuenheimer Mönchhof übernachtet, widerlegt. Stattdessen ging er direkt zu seinem Gastgeber aufs Schloss, den Kurfürstenbruder Wolfgang, der 1515 in Wittenberg Unirektor gewesen war und Luther bestens kannte.
Inzwischen war die Generalversammlung der Augustiner in den nahegelegenen Hörsaal der Artistenfakultät, also der Philosophischen Fakultät, verlegt werden. Noch heute gibt es darüber eine Art Protokollnotiz vom 24. April 1518, die beim Festakt in einem Schaukasten gezeigt wurde: Die Augustiner baten die Artistenfakultät um finanzielle Hilfe, die man auch gewährte. Zudem erklärte man sich bereit, den Hörsaal zur Verfügung zu stellen, dabei war auch der Pedell, der Universitätsdiener, mit dem Zepter und den Universitätsinsignien anwesend. Und damit bekam, so Strohm, auch die ganze Veranstaltung einen offiziellen Anstrich.
Nun hätte sich bei jenem Festakt eine neuerliche Disputation, also Erörterung, angeboten. Diese unternahm der Mannheimer Germanist Hörisch, auf den dann die Heidelberger Theologin Friederike Nüssel antwortete. Da hätten sich fast die beiden Balkone der Alten Aula angeboten, die aber niemand betreten wollte. Nur schade, dass Rede - trotz fulminanter Rhetorik - und Gegenrede für theologische Laien weitgehend unerschließbar blieben. Da wünschte man sich nach über einer Stunde Referaten die klaren Worte des Luther-Vortrags vor 500 Jahren.