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TSG 1899 Hoffenheim: Nagelsmann - "Etwas absolut Historisches"

Von Nikolas Beck

Sinsheim. Samstagabend, 17.22 Uhr, Rhein-Neckar-Arena: Ein Pfiff ertönt. Nadiem Amiri sinkt auf die Knie, wird übermannt von seinen Gefühlen. Oliver Baumann setzt sich auf den Rasen, schüttelt ungläubig den Kopf. Mitspieler fallen sich in die Arme. Dann gibt es kein Halten mehr. Fans stürmen den Platz, wollen ihren Helden ganz nahe sein. Um Adam Szalai bildet sich eine große Jubeltraube. "Hoffe" singt, lacht, strahlt, tanzt. "Wenn du die Leute siehst, die völlig ausrasten", sagt Szalai hinterher, "das ist heute die größte Freude." Für die TSG 1899 Hoffenheim ist der Traum Realität geworden: Durch den 3:1 (1:0)-Erfolg gegen Dortmund im Endspiel um die Königsklasse schließt der Dorfklub die Saison noch vor der Borussia auf Rang drei ab und spielt nächstes Jahr in der Champions League.

"Das ist etwas absolut Historisches", versuchte später Julian Nagelsmann seine Gefühle in Worte zu fassen: "Man muss immer mal wieder auf die Brust schauen, wie das Logo aussieht, was da steht - und dieser Klub ist Dritter in der Fußballbundesliga." Auch der TSG-Trainer hatte nach dem Abpfiff feuchte Augen. "In allererster Linie unglaublich stolz" sei Nagelsmann. Auf seine Mannschaft, auf deren Trainingsgeist jede Woche und darauf, wie sie nach dem vergebenen Matchball in der Vorwoche gegen den BVB zurückgeschlagen habe. Aber auch auf die Mitarbeiter seines Klubs, die ein gutes Klima schaffen. Zu sehr auf die 90 Minuten eingehen wollte Nagelsmann nicht. Konnte er auch gar nicht. Bei seiner Analyse auf der Pressekonferenz kam er nur bis zum 1:0 - dann wurde er jäh von seiner Mannschaft unterbrochen. Kapitän Kevin Vogt, Szalai, Amiri und Co. übernahmen im Medienraum das Kommando. Erst gab’s die obligatorische Bierdusche für den Trainer und Pressesprecher Holger Kliem, dann die einzige verbale Message, die in diesem Moment von Bedeutung war: "Euuuropapokaaal."

Dass es in der kommenden Saison nach Barcelona oder ins Bernabéu statt wie im vergangenen Herbst gegen Ludogorez und Basaksehir gehen soll, daran ließ die TSG gegen Dortmund von Beginn an keine Zweifel aufkommen. Zwar konnte Schwarz-Gelb die Führung von Andrej Kramaric (26. Minute) durch Marco Reus nach der Pause ausgleichen (58.), sodass die 1899-Fans unter den 30.150 Zuschauern in der ausverkauften Arena kurz zittern mussten. Weil Szalai und Pavel Kaderabek die richtige Antwort parat hatten (63./73.), spielte auch die zwischenzeitliche 3:0-Führung von Verfolger Leverkusen schnell keine Rolle mehr. Der verletzte Nationalspieler Kerem Demirbay war im Gegensatz zu seinen Kameraden auf dem Rasen über die Zwischenstände stets informiert. "Das war schon spannend", berichtete der 24-Jährige, "aber nach dem 1:1 habe ich zu meinem Vater gesagt: ,Heute gewinnen wir das Ding.‘ Ich habe es einfach gespürt, die Jungs waren on fire."

90 Minuten und ein bisschen mehr waren die "Nagelsmänner" ans Limit gegangen. Szalai räumte ein, in der Hitze schon früh ein "Luftproblem" gehabt zu haben, Kaderabek wurde deutlicher: "Diese Sonne in der ersten Halbzeit - ich war tot, ich war kaputt." Dennoch blieb genug Luft, um nach dem Schlusspfiff Vollgas zu geben. In der Kabine und im Stadion mit den Fans. "Boah, Welt", berichtete Amiri von den Momenten auf dem Zaun vor der Südkurve. Das 21-jährige Mittelfeldjuwel, das von RB Leipzig heftig umworben sein soll, sprach von einem Kindheitstraum, der mit der Qualifikation für die Königsklasse in Erfüllung gegangen sei. Ein Treuebekenntnis wollte er sich dennoch nicht entlocken lassen. Es sei Amiri verziehen, dass an diesem Tag, "an dem wir Geschichte geschrieben haben", nur die unmittelbare Zukunft relevant war: "Heute Abend wird erst mal richtig gefeiert und dann gucken wir weiter."

Samstagabend, kurz nach 19 Uhr, Rhein-Neckar-Arena: "Die Kabine ist leer", verkündet die Medienabteilung der TSG in der Mixed Zone, wo die Journalisten auf ihre Gesprächspartner warten. Die Mannschaft hat das Stadion verlassen - in Heidelberg geht’s freilich in die "Verlängerung." Nagelsmann: "Das wird eher eine längere Nacht."

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