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Eselwanderung in Baiertal: Rilke und Fontane zwischen Tango und Resi

Von Sabine Hebbelmann

Wiesloch-Baiertal. "Ich fand das eine ganz tolle Idee", sagt Wolfgang Meny, Inhaber der Wieslocher Buchhandlung Eulenspiegel. Als ihn Günter Lutz auf der Straße ansprach und ihm von seinem Plan einer lyrischen Eselwanderung erzählte, sei er sofort dabei gewesen. "Und das nicht nur, weil ich nichts machen muss", grinst er. Sogar die Gedichte habe sein Freund alleine ausgesucht.

Günter Lutz ist in der Hesselgasse "neben dem Eulenspiegel" geboren und hat sich vor acht Jahren mit der Eselfarm "El Paraiso" in Baiertal einen lange gehegten Traum erfüllt. Esel hätten ihn schon immer fasziniert, sagt er.

Während einer einwöchigen Eselwanderung in den französischen Cevennen habe ihn die Begeisterung dann endgültig gepackt. Diese vermittelt er nun bei geführten Wanderungen und Kindergeburtstagen.

Eine weitere Leidenschaft hegt der 66-Jährige für die Lyrik. In der Schule habe er Gedichte eingetrichtert bekommen. Mit seinen Kindern aber habe er sie lieben gelernt. Sein Vorbild wurde die Maus Frederick, die "Vorräte" aus Sonnenstrahlen und Wörtern für die dunkle Jahreszeit anlegt.

Vom Obsthof Gefäller läuft die Gruppe zur Koppel, wo Tango, Ebo, Resi und Fado die Ohren erwartungsvoll nach vorne recken. "Esel fordern die Führungsqualitäten", sagt Lutz und ruft: "Wer will den Tango tanzen - Freiwillige vor …"

Vier Eselführer, darunter eine junge Frau, sind schnell gefunden. Tango ist der Leitesel und zeigt als einziger Hengst gewisse Anzeichen von männlichem Dominanzverhalten. "Er hat unheimlich viel Kraft, ich bin schon durchgeschwitzt", sagt Siegfried Rohde und lacht: "Esel haben ihren eigenen Kopf, aber in dieser Beziehung bin auch ich einer."

Helen Kulakow strahlt. Entspannt und an der langen Leine trottet der vierjährige Wallach Fado neben ihr her. Wenn es sein muss, gibt sie bereitwillig seinem Willen nach.

Hier lässt sich beobachten, wie erfolgreich ein weiblicher Führungsstil sein kann - zumindest bei sturen Eseln. "Ich könnte ewig so weiterlaufen", sagt die junge Frau. Stute Resi ist 27 Jahre alt und als erfahrene Lady nicht aus der Ruhe zu bringen, während Ebo zum Trödeln neigt und sich besonders für das satte Grün am Wegesrand interessiert.

Im Schatten bleibt Günter Lutz stehen und eröffnet den Lyrikreigen mit Rainer Maria Rilkes Vers "Ich lebe mein Leben". Den habe er von seiner Yogalehrerin gelernt, verrät er.

An verschiedenen Stationen der Wanderung gibt er zu den jeweiligen Dichtern eine kurze Einführung und präsentiert so nebenbei eine Tour durch die jüngere Literaturgeschichte. Theodor Fontane steuert seinen "Glaube an die Welt" bei.

Beim ersten Bocksprung erschrecken die Teilnehmer noch. Aber nicht aus Bockigkeit oder weil sie Fontane nicht mögen - vielmehr wegen der lästigen Bremsen treten die Esel aus.

Anklang finden unter anderem Hermann Hesses Gedicht vom "Altwerden" und Hilde Domins "Ziehende Landschaften". Auch vor "schwerer Koscht" schreckt Lutz nicht zurück und liest von Hilde Domin noch das eindringliche Gedicht "Abel steh auf!" vor.

Der Ausflug endet auf der idyllischen Eselfarm "El Paraiso", wo auf die Teilnehmer gekühlter Wein aus der Region und von Ehefrau Andrea Dillingham-Lutz selbst gebackene Snacks warten. "Und jetzt kommen wir endlich zu den politischen Gedichten", sagt Lutz.

Leidenschaftlich und mit heiserer Stimme trägt er den Vers "Ich erinnere" des chilenischen Dichters und Schriftstellers Pablo Neruda vor, der sich gegen den Faschismus in seinem Heimatland und in Spanien einsetzte.

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