Heidelberg: "Der Zugang zu Alkohol sollte erschwert werden"
Von Anica Edinger
Heidelberg. Mehr als etwa 2900 Menschen brauchten im letzten Jahr in Heidelberg Hilfe - weil sie suchtkrank sind. 1600 davon waren Heidelberger. Und sie alle wandten sich an eine der drei anerkannten Suchtberatungsstellen in der Stadt. Ob Medikamente, Alkohol, Glücksspiel, Cannabis oder auch härtere Drogen: Die drei Beratungsstellen beschäftigen Experten für jedes Thema und haben jeweils verschiedene Schwerpunkte. Die Stadt fördert sie mit rund 400.000 Euro im Jahr. Überhaupt: Das Thema liegt ihr am Herzen. Auch deshalb gibt es schon seit 1997 einen Kommunalen Suchtbeauftragten. Vor zwei Jahren wurde die Stelle geteilt: Seit gut einem Jahr ist Eva Leichman (33) für die Koordination und Planung der Suchthilfe zuständig, ihren Sitz hat sie im Amt für Soziales und Senioren. Ihr Schwerpunkt: Erwachsene.
Um den Nachwuchs kümmert sich Corinna Götz. Die 52-Jährige steuert die Präventionsarbeit in Schulen - und ist oftmals auch vor Ort. Im RNZ-Gespräch erklären beide, weshalb auch beim Thema Sucht die Digitalisierung eine Rolle spielt und weshalb Cannabis eben nicht so "cool" ist, wie manche Jugendliche denken.
Frau Götz, Frau Leichman, verglichen mit vielen anderen größeren Städten wähnt man sich in Heidelberg oft wie auf der Insel der Glückseligen, wo Verkehr das einzige große Problem ist. Braucht man hier wirklich Suchthilfe und -beratung?
Götz: Wenn es das nicht gäbe, würde es auch hier vielleicht ganz anders laufen. Wir sind frühzeitig präventiv, schon ab den fünften Klassen - und leisten offenbar eine gute Arbeit.
Leichman: Tatsächlich gibt es hier keine Brennpunkte oder gar eine sichtbare Drogenszene, wie man sie aus anderen Städten kennt. Aber dennoch leben auch in Heidelberg Menschen, die abhängig sind und Hilfe brauchen. Da dieses Thema aber sehr schambehaftet ist, bekommt man es oft nicht mit. Überhaupt ist es wichtig, sich von dem Gedanken zu entfernen, dass man es jemandem ansieht, dass er süchtig ist. Junkies, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, sind die absolute Ausnahme. Die viel größere Masse der Menschen ist süchtig, ohne dass es über viele Jahre oder überhaupt je jemand bemerkt.
Gibt es eine Sucht, die in Heidelberg besonders häufig vorkommt?
Leichman: Es gibt hier keine auffälligen Zahlen - sie spiegeln vielmehr den Bundesdurchschnitt wider. Demnach überwiegt die Alkoholabhängigkeit. Aber auch extensiver Cannabisgebrauch nimmt zu. Jedenfalls gibt es mehr Menschen, die aufgrund von Cannabis die Beratungsstellen aufsuchen.
Götz: Aber auch die Internet- und Onlinesucht wird vermehrt als problematisch wahrgenommen.
Insbesondere bei Jugendlichen?
Götz: Genau. Das zeigt sich vor allem bei der präventiven Arbeit. Wir haben das Thema in den letzten Jahren daher vermehrt in unser Programm aufgenommen - auch das ist eine der Folgen der Digitalisierung.
Wie merke ich denn, dass ich internet- oder onlinesüchtig bin?
Leichman: Für jede Abhängigkeit gibt es sechs Kriterien, von denen drei innerhalb des zurückliegenden Jahres erfüllt sein müssen, um von einer Sucht als Krankheit sprechen zu können.
Götz: Das ist zum einen der Kontrollverlust, wenn man also sein Verhalten nicht mehr kontrollieren kann und etwa auch sein soziales Umfeld vernachlässigt. Zum anderen findet eine Toleranzentwicklung statt, die Dosis wird also immer weiter erhöht. Dann kommt die körperliche Abhängigkeit noch hinzu und ein gewisser Suchtdruck.
Und kann man das ohne Weiteres auf Internetsucht übertragen?
Leichman: Tatsächlich diskutiert die Fachwelt genau darüber gerade. Es gibt das international anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen ICD. Mediensucht wurde dort noch nicht aufgenommen.
Sie sollte es aber?
Götz: Auf jeden Fall. Denn nur dann werden auch Therapien zum Beispiel finanziell unterstützt und Beratungsstellen eingerichtet. Und die müsste es dringend geben.
Leichman: Ich bin der Meinung, man sollte mit den Begrifflichkeiten aufpassen und nicht jedes Verhalten sollte als eine Krankheit definiert werden. Insbesondere bei Internet- oder Mediensucht sollte man genau hinschauen, ob man eine pathologische Diagnose stellen kann. Schließlich muss es nicht gleich abhängiges Verhalten sein, wenn man ständig am Smartphone hängt.
Reflektieren die Jugendlichen in den Präventionsprojekten tatsächlich über Mediensucht - oder ist das für sie gar kein Thema, weil sie eben damit aufgewachsen sind?
Götz: Bei unseren Projekten in den siebten Klassen ist das durchaus Thema, zumal Jugendliche mit klassischen Suchtmitteln eher weniger Erfahrung haben. Dafür aber natürlich mit Computern und Smartphones. Viele sind selbst unsicher, wenn es um eine Abhängigkeit geht. Dann sage ich immer, sie sollen mal eine Woche verzichten und schauen, was das mit ihnen macht. Da werden viele nervös.
Leichman: Grundsätzlich spielen die Eltern eine große Rolle. Denn was sie vorleben, übernehmen oftmals auch die Kinder. Wenn man etwa Alkohol zur Entspannung trinkt, wird sich das als Verhaltensmuster bei Kindern sehr früh einprägen. Das gilt natürlich auch für den Medienkonsum.
Welche Themen interessieren die Jugendlichen bei den Präventions-Projekten denn besonders?
Götz: Beim Thema Cannabis sind sie immer sehr neugierig. Da wollen sie wissen, weshalb das nicht legal ist wie in Holland. Das sei doch cool und werde außerdem auch als Medikament benutzt. Da muss man dann viel Aufklärungsarbeit leisten.
Was sagen Sie den Jugendlichen?
Götz: Was es auslösen kann. Dass man Wahrnehmungsstörungen bekommen kann, sogar Halluzinationen, dass man den Antrieb bei übermäßigem Konsum verliert und deshalb etwa in den Niederlanden die Schulabbrecherquoten hoch sind.
Dennoch: Weit mehr Leute sind süchtig nach Alkohol als nach Cannabis - nämlich rund 1,8 Millionen Menschen. Ist das kein Alarmsignal?
Leichman: Dazu muss man auch sehen: Der weit größere Teil der Menschen entwickelt keine Alkoholabhängigkeit. Der Fokus sollte daher auf dem Jugendschutz liegen.
Götz: Man sollte den Zugang zu Alkohol erschweren. Die Hauptstelle für Sucht schlägt immer wieder vor, Alkohol erst ab 21 Jahren zu verkaufen - und keinen Unterschied mehr zwischen Bier, Wein und Härterem zu machen. In vielen europäischen Ländern ist das auch so, etwa in Island oder Dänemark.
Leichman: Von Fachleuten wird auch immer wieder gesagt, dass Tabak- und Alkoholwerbung nicht im Sinne des Jugendschutzes sind. Für mich ist es völlig unverständlich, weshalb das nicht längst verboten wurde. Auch, dass das Alkoholverkaufsverbot nach 22 Uhr in Baden-Württemberg wieder abgeschafft wurde, ist aus fachlicher Sicht nicht nachvollziehbar. Das hatte einen guten Effekt.
Und welchen?
Leichman: Wenn der Zugang zu Alkohol erschwert wird, kann in der "kritischen Phase" nicht "nachgetankt" werden, sprich: Hat man bereits die ersten paar Drinks intus, steigt oftmals auch die Lust, mehr zu trinken. Wenn dann kein Alkohol mehr gekauft werden kann, bleibt es bei einem leichten Rausch und endet nicht in einem gefährlichen Vollrausch.