Theater Heidelberg: Schillers "Don Karlos" ist auch heute noch aktuell
Von Heribert Vogt
Heidelberg. "Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter", sagt König Philipp II. von Spanien, der Herrscher über ein Weltreich. Aber dennoch liegt Europa in dieser finsteren Zeit des 16. Jahrhunderts im Dunkeln. Mit Tyrannei und brutaler Inquisition überzieht Philipp nicht nur Spanien, sondern auch die Spanischen Niederlande. Das Licht von Freiheit und Menschenrechten ist bei der bluttriefenden Verfolgung von Protestanten und Andersdenkenden nirgends zu sehen.
Das ist ein Dunkeleuropa, wie man es sich selbst in der gegenwärtigen EU-Krise kaum vorstellen kann - dessen Friedhofsatmosphäre aber vielleicht doch durch die diktatorischen Tendenzen rundum irgendwann eintreten kann. Friedrich Schiller - ein Experte der Tragödie - hat mit "Don Karlos" dem Freiheitskampf gegen ein Terrorregime ein einzigartiges, sprachmächtiges Denkmal gesetzt. Und das Heidelberger Theater hat den Bühnenklassiker von 1787 in der Inszenierung von Isabel Osthues so packend wie ergreifend dargeboten. Gerade auch mit Blick auf das Europa der Gegenwart.
Schwarzweiß, wie Philipp die Welt sieht, geht es zumeist auch auf der Bühne zu. Aber als die Prinzessin Eboli mit einem sattorangefarbenen Kleid in helles Licht tritt, ist es, als würde selbst im geknechteten Spanien die Sonne aufgehen (Kostüme: Mascha Schubert) - ein absolut starker Effekt. Überhaupt stechen die intensivfarbigen Auftritte der Frauen, auch von Königin Elisabeth, aus der umgebenden Tristesse der sehr heutig gekleideten Männerwelt stark heraus. Obwohl auch Rivalinnen, scheint in den beiden hohen Damen das Licht von Humanität und Selbstbestimmung noch am stärksten zu leuchten.
Die eigentliche Sensation des Abends aber ist das absolut phantastische Bühnenbild von Jeremias Böttcher, und zwar insbesondere vor der Pause. Auf finsterer Spielfläche werden von oben Transparentflächen herabgelassen, die sowohl vertikal als auch horizontal höchst beweglich sind und durch den Einsatz raffinierter Videotechnik (Martin Eidenberger) unterschiedlichste Räume konturieren können. Gerade in ihrer labyrinthischen Variabilität transportieren diese die dunkle Macht in Philipps Tyrannei. Während der zweiten Hälfte des Abends rücken die Herrschaftsstrukturen dann selbst ins Zentrum: als verhangenes Machtkarussell, das um das Auge willkürlicher staatlicher Gewalt rotiert.
In dieser so unberechenbaren wie bedrohlichen Gesellschaftsmaschinerie werden alle Menschen gebrochen, selbst und gerade auch Philipp II. als die politische Zentralfigur. Schauspieler Michael Benthin, der mit dieser Rolle sein Heidelberg-Debüt im Marguerre-Saal gibt, stellt einen zwischen absoluter Machtausübung und Selbstzweifeln hin- und hergerissenen König da.
Dieser alternde Terrorherrscher legt schon mal eine heiße Sohle aufs Parkett, begräbt jedoch seine Sehnsucht nach Nähe und Liebe unter der vermeintlichen Staatsräson. Aber zur finalen Opferung seines Sohnes Karlos ist er dann doch nicht fähig. Die überlässt Philipp dem Großinquisitor (Andreas Seifert) als dem Repräsentanten der Kirche, die damit das spanische Dunkelreich an Finsternis noch fatal überstrahlt.
Rückblickend vom Schreckensende wird klar, dass die Rebellenfraktion aus Don Karlos, Marquis Posa und Königin Elisabeth von Anfang an keine Chance hat. Das liegt jedoch auch daran, dass diese Drei ebenfalls gemischte Charaktere sind. Raphael Gehrmann gibt einen schlaksigen und aufrührerischen Infanten Karlos, der zugleich einem ß´ wahren Dilemma nicht entkommen kann: Er liebt immer noch seine frühere Verlobte Elisabeth, die jedoch von seinem Vater geheiratet wurde und nun seine Stiefmutter ist. Dagegen ist der von Benedict Fellmer gegebene Marquis Posa geradezu ein Ausbund an Aufgeklärtheit. Aber so strategisch konsequent er auch einen Aufstand entfachen will, sein kühles politisches Kalkül geht doch in die Hose.
Und natürlich ist auch die von Sophie Melbinger dargestellte Königin Elisabeth von Valois heillosen Verstrickungen ausgeliefert - der Zwickmühle zwischen ihrem Ex-Verlobten Karlos und dem Jetzt-Gatten Philipp sowie der Zerreißprobe zwischen staatstragender Rolle und Sympathien für die Freiheit in den Spanischen Niederlanden: "wenn der Freiheit endlich noch diese Zuflucht in Europa bliebe!"
Mit emotionalen Höhen und Tiefen ist die von Lisa Förster gezeichnete Prinzessin Eboli in ihrer Widersprüchlichkeit doch glaubhaft und groß. Solches Menschenformat erreichen Philipps Hofschranzen in keiner Weise: weder Domingo, Beichtvater des Königs (Hans Fleischmann), noch General Herzog von Alba (Friedrich Witte) oder Leibwachen-Chef Graf von Lerma (Hendrik Richter).
Aber wenngleich Schillers Historiendrama mit seinen existenziellen Konflikten in den höchsten politischen Sphären angesiedelt ist, so betrifft es doch zugleich auch den heutigen Zeitgenossen. Denn in der Demokratie ist praktisch auch der Einzelne ein kleiner König, der zumindest ein Stück weit souverän entscheiden und gestalten kann. Irgendwie hat doch jeder etwas von Philipp, Karlos oder der Eboli in sich. Nicht zuletzt deshalb ist dieser großartige Theaterabend (empfohlen ab 14 Jahren) mit seinen tollen Schauspielerleistungen über drei Stunden so fesselnd.
Man spürt, dass man auch heute um die Freiheit in einem hellen Europa kämpfen muss. - Begeisterter Applaus.
Info: www.theaterheidelberg.de; Termine: 27. Oktober., 3. November, 1., 17. Dezember.