World News

Abschied von Nikolaj Jacobsen: Großes Gefühlskino bei den Rhein-Neckar Löwen

Von Daniel Hund

Mannheim. Zunächst war eigentlich alles wie immer. Wie die vergangenen fünf Jahre. Er dirigierte, er gestikulierte, er kommandierte. Die letzten 60 Handball-Minuten in seinem XXL-Wohnzimmer durchlebte Nikolaj Jacobsen, 47, gewohnt professionell. Ein guter Abschluss, ein Sieg im Derby gegen die Eulen aus Ludwigshafen war das Ziel. Doch das Happy End blieb ihm verwehrt. Mutige Eulen flatterten müden Löwen davon.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wäre der Däne nach so einem Ergebnis mit hochrotem Kopf und schäumend vor Wut in die Katakomben abgedampft. Diesmal ging das aber nicht, diesmal hatte Jacobsen einen Termin. Ein Date vor rund 9000 Zuschauern, auf das er sicher gerne verzichtet hätte. Doch da musste er durch. Der eigene Abschied stand an. Also ein Moment, den selbst ein Perfektionist wie er nicht planen, kontrollieren kann.

Und wie inszeniert man so etwas am besten? Natürlich mit einem Video-Mitschnitt. Über den gigantischen Videowürfel nahmen die Löwen das Publikum nochmals mit auf eine kleine Zeitreise. Ein Best-of-Jacobsen wurde unters Hallendach gezaubert. Mit all seinen Gefühlsausbrüchen, seinen Jubelposen, seinen Streitgesprächen mit den Schiedsrichtern. Eben Jacobsen wie er leibt und lebt: ein Handball-Besessener mit großem Herz.

Untermalt wurden die Bilder mit Aussagen von alten Weggefährten, von Helden, die auch ihn zum Held machten. Oliver Roggisch, Andy Schmid, Patrick Groetzki und Mads Mensah Larsen. Vier, die von Anfang an dabei waren. Mit ihm feierten und trauerten.

Jacobsen verfolgte all das gedankenversunken, völlig regungslos. Viele Erinnerungen kamen da sicher in ihm hoch. An eine Zeit, die ihn geprägt, die einen ganzen Verein geprägt hat. Jacobsen machte aus den Titellosen den Titelhamster. Geschäftsführerin Jennifer Kettemann, die schon vor dem Spiel mit den Tränen kämpfte, brachte es auf den Punkt: "Niko, du hast uns auf ein komplett anderes Level gehoben."

Und dann stand er da auf dem Podium mitten in der Arena, Arm in Arm mit seinem Sohn Linus. Nikolaj der Große, der Weltmeister-Macher, der zweifache Meister-Trainer der Löwen, der Pokalfluch-Bändiger. Ganz klein wirkte er da unten. Irgendwie auch ein Stückweit hilflos, doch das änderte sich rasch. Denn das Mikro ist sein Freund. Reden kann er nämlich auch, lustige Dinge sagen. Sachen wie: "Ich werde hier so oft herkommen, dass ihr weiter denken werdet, dass ich nach wie vor in Leimen wohne." Oder: "Einige meiner Spieler werden sicher schon Ohrenschmerzen wegen all meiner Ausbrüche haben." Und: "Eigentlich hatte ich meiner Frau ja versprochen, dass ich diesmal nicht so viel reden werde. Aber zu spät."

So viel zu Jacobsen, dem Spaßvogel, zu dem, der abseits der Platte fast immer lacht. Am Mittwochabend fiel das aber schwer. Denn spätestens als ein riesiges Banner mit seinem Namen darauf unters Hallendach gezogen wurde und dort auch hängen bleiben wird, schossen ihm die Tränen in die Augen. "Dort oben zu hängen", sagte es und wischte sich die Tränen aus den Augen, "dort oben, das ist eine Riesen-Ehre für mich."

Bedankt hat er sich danach bei vielen. Den Spielern, den Physios, bei Betreuer Conny Hoffmann, beim Sportlichen Leiter Oliver Roggisch, der für ihn längst ein Freund fürs Leben sei, bei Jennifer Kettemann und natürlich auch bei Lars Lamadé, dem Ex-Geschäftsführer, der mittlerweile im Hintergrund mit die Fäden zieht.

Lamadé war quasi sein erster großer Verbündeter. Einer, der da war, als Ex-Manager Thorsten Storm nicht mehr da war, überstürzt zum THW Kiel abgewandert ist. Das Ergebnis ist bekannt. Jacobsen und Lamadé legten den Grundstein für das erste echte Löwen-Märchen. "Diesen Tag werde ich nie in meinem Leben vergessen", lächelte Jacobsen.

Welchen er meinte? Natürlich den 5. Juni 2016. Diesen Sonntag, an dem sich die Löwen die erste deutsche Meisterschaft krallten. Das Auswärtsspiel in Lübbecke war ein Heimspiel: 3000 Löwen-Fans hatten die rund 450 Kilometer lange Reise mit angetreten. Feierten und feierten. "Ich habe noch nie so viele Männer gesehen, die gleichzeitig geweint haben", schwärmt der Meistercoach noch heute von diesem Gänsehaut-Moment.

Oder wie es Oliver Roggisch formulierte: "Fünf Jahre Nikolaj Jacobsen, das war schon eine geile Zeit."

Читайте на сайте