Brillen für Sri Lanka: Rund 1000 Mal "Sehen" gespendet"
Von Wolf H. Goldschmitt
Ketsch/Weinheim. Eine Brille besitzt hierzulande fast jeder. Zum Lesen, Autofahren oder als Schutz gegen die Sonne sind Brillen unverzichtbar. Wenn sie aussortiert werden, landen über 90 Prozent der Gläser und Gestelle im Müll oder verstauben im Schrank.
Genau diesem Umgang mit Ressourcen halten Heike Steinbach und Andreas Müller aus Ketsch für sehr kurzsichtig. Die beiden sammeln seit vielen Jahren für Menschen in Sri Lanka getreu der Devise: Brillen spenden und Sehen schenken. Wenn eine neue Sammlung nicht zuletzt dank der Hilfe des Weinheimer Optikstudios von Ingrid Haug-Kramer zusammengekommen ist, werden die Teile gesäubert und grundüberholt. Gut und gern 1000 Augengläser mit Gestellen haben sie bislang bruchsicher verpackt. Einmal im Jahr machen sich die Ketscher dann auf den zwölfstündigen Flug nach Asien.
"In meinem Handgepäck habe ich dann die Kleidung, und unsere Koffer werden randvoll mit Brillen am Schalter aufgegeben", erzählt Heike Steinbach. Der Weg führt sie schnurstracks nach Ahangama. Der Ort liegt abseits der Touristen-Pfade im Süden von Sri Lanka. Es ist der Heimatort ihres langjährigen Freundes Praneeth. Er und ein anderer Bekannter namens Rasika organisieren dort und nahe der Tempelanlage von Aloka Viharaya die Verteilung der weit gereisten Sehhilfen.
"Leider können vor Ort die Sehstärke der Augen und die Dioptrienwerte der Brillen nicht gemessen werden. Daher muss eine Leseprobe ausreichen", sagt Andreas Müller der RNZ. Möglicherweise finde nicht jeder das Gesuchte. Aber alle würden darauf hingewiesen, lieber keine als eine falsche Brille mitzunehmen.
Die Sehhilfen werden unentgeltlich verschenkt oder in Tempeln an Mönche verteilt. Sie stehen mit den Dorfbewohnern in den fernab gelegenen Ortschaften in Kontakt und geben die Geschenke ebenso unentgeltlich weiter. Wie notwendig die Hilfe ist, belegt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation. Die Hälfte der Menschen in Sri Lanka hat das Handicap Sehschwäche - nicht zuletzt wegen der intensiven Sonnenstrahlen in diesen Breiten. Aber weil die meisten weniger als zehn Dollar im Monat erhalten und eine Brille das Zehnfache eines Lohnes kostet, kann sich nur die Oberschicht Brillen leisten.
Die Brillen aus der Kurpfalz sind für Singhalesen deshalb auch lebenswichtig. Denn nur mit ihnen können die Bürger des 21-Millionen-Staates im Alltag erkennen, ob das Trinken oder Essen verdorben ist, oder es werden Verwechslungen bei Medikamenten vermieden.
Das Zeitunglesen kommt als ein positiver Nebeneffekt hinzu. Eines aber schließt Andreas Müller trotz aller Hilfsbereitschaft aus: "Die gebrauchten Brillen werden nicht an Augenkliniken im Land abgeben. Denn die könnten sie weiterverkaufen." Eitelkeit spiele deshalb bei den Vor-Ort-Aktionstagen überhaupt keine Rolle. "So kommt es sogar vor, dass sich Männer für Frauenbrillen entscheiden und umgekehrt", erzählt Müller voller Enthusiasmus. Der Zuhörer bemerkt rasch, dass der Mann aus Ketsch sein Herz an die Mentalität und die Würde der Menschen von Sri Lanka verloren hat. Noch drei Monate muss er sich gedulden, dann geht es wieder los. Dorthin, wo er eine zweite Heimat gefunden hat.