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Weinheim: Auf ein Bierchen mit dem Pfarrer

Von Günther Grosch

Weinheim. Ein Witz vorneweg: Zwei Männer unterhalten sich über den neuen Pfarrer. Der eine meckert: "Ich habe ihn gefragt, ob ich beim Beten Bier trinken darf. Der Pfarrer hat es mir verboten." Der andere: "Mir hat er es erlaubt. Ich habe ihm nur die richtige Frage gestellt: Darf ich auch beim Biertrinken beten?" Fröhliche und gelöste Stimmung kennzeichnete die Atmosphäre in der "Woinemer Hausbrauerei", wohin die Evangelische Kirchengemeinde Weinheim, ihr seit gut einem Jahr in der Gemeinde in der Weststadt amtierender Pfarrer Lasse Collmann sowie Lehrvikarin Lisa Rudzik zum fünften Kneipen-Gottesdienst bei Bier, Brezeln und Pommes eingeladen hatten.

"Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen", sagt Jesus. Das gilt nicht nur für Kirchen. Am Freitagabend hatten sich wesentlich mehr Menschen als nur zwei oder drei, sondern fast 60 Frauen und Männer zum etwas anderen Gottesdienst im Brauereikeller eingefunden. Eingerahmt von geistlichen Impulsen, Lesung, Fürbitten, Predigt und Livemusik mit Rolf Luchtenberg, Monika Preiß (beide Gitarre und Gesang), Lenz Diesbach (Cajón) und Juliane Jungk am Keyboard.

Man komme zu Gott aus der Hektik der Woche, von der Arbeit, wo manches liegen geblieben ist, aus den Familien, wo man gefordert wird, und mit alledem, was jeden persönlich beschäftigt, führte Collmann "in medias res". Auch die Kirche sehe sich angesichts der Verluste an Mitgliedern gefordert. Bis 2060 würden evangelische wie katholische Kirche jeweils die Hälfte ihrer Angehörigen verlieren, zitierte er aus einer aktuellen Studie.

"Die Kirche scheitert an ihrer Sprache"

Allerdings nicht nur aus demografischen Gründen, sondern aus der freiwilligen Entscheidung ihrer bisherigen Kirchenangehörigen heraus. "Aber warum?", betrieb Collmann Ursachenforschung: "Jeder Austritt tut mir weh." "Die Kirchensteuer kostet viel Geld", so eine der Antworten. "Der Glaube verschwindet, weil man weniger darüber redet", mutmaßten zwei der anwesenden Konfirmanden. Und: "Es passieren so viele schreckliche Dinge auf der Welt, sodass Menschen den Glauben verlieren."

Collmann glaubt, um noch einen anderen Grund zu wissen. 90 Prozent der Gläubigen erreiche die Kirche wegen ihrer Sprache nicht. Politikberater Erik Flügge habe mit seinem Buch "Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt" den Finger in die Wunde gelegt. Letztlich laufe es ein Stück weit auf die Anwendung der Management-Grundregel "Kiss" heraus: "Keep it simple and stupid", frei übersetzt: "Mach es einfach und idiotensicher." Der dahinter wurzelnde Gedanke: Je komplizierter eine Kommunikation oder Struktur, desto mehr Fehler treten auf. Ob dieses Prinzip "unevangelisch" sei?, wollte Collmann wissen. Eher nicht: Schon Martin Luther habe gefordert, "dem Volk aufs Maul zu schauen". Das Lutherdeutsch war seinerzeit revolutionär, ebenso der Buchdruck. Die Reformatoren seien hervorragende Kommunikatoren gewesen, die die neuesten Medien ihrer Zeit nutzten.

Vor Jahren hatte der CDU-Politiker Friedrich Merz gefordert, die Steuererklärung so zu vereinfachen, dass sie auf einen Bierdeckel passt. Ob dies auch mit dem Inhalt der Bibel, mit ihren mehr als 750.000 Wörtern und 30.442 Versen möglich wäre? "Unmöglich!". Es gehe indes um "die Botschaft, aber nicht die Bibel": Auch hier waren die Meinungen erwartungsgemäß geteilt. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau wagte das Experiment und druckte zum 500. Reformationsjubiläum vor zwei Jahren eine Viertelmillion Bierdeckel. Einige der Pfarrer gingen heraus, besuchten Kneipen, um beim Bier über Gott zu reden. "Es entstanden wertvolle Begegnungen."

Und was stand auf den Bierdeckeln? Als Jesus gefragt wurde, worauf es ankommt, habe er dies laut Markusevangelium mit nur drei Versen auf den Punkt gebracht: "Liebe Gott - und lerne ihn vielleicht erst einmal kennen." "Liebe dich selbst - egal, was dein Spiegel heute sagt." Und: "Liebe die Anderen - koste es, was es wolle." In dem Brauereigewölbe schloss der Pfarrer nicht mit dem Kanzelgruß, sondern mit einem "Prost Gemeinde: Es sei zuträglich! Es nütze! Also von unserem Amen nicht weit entfernt."

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