Heidelberger Schlossfestspiele: Ralph Benatzkys "Weißes Rössl" in Deutschlands schönster Ruine
Von Volker Oesterreich
Heidelberg. Seit mehr als 90 Jahren läuft das Ding wie geschnitten Brot. Mehrere Generationen großer Schauspiel- und Gesangsstars haben schon mit Ralph Benatzkys "Weißem Rössl" jede Pferdewette gewonnen. Das 1930 in Berlin uraufgeführte Singspiel nahm in London genauso die Hürden der Kritik wie am New Yorker Broadway oder bei etlichen Verfilmungen, die das Kinopublikum zum Wiehern brachten. Überall wurde erkannt: Auch großer Kitsch kann gute Kunst sein.
Nur die Nazis drückten dem Dauerbrenner das Brandeisen des Verbots auf das Fell. Zu jüdisch erschienen ihnen einige der Co-Autoren, vor allem der geniale Erik Charell, und zu sehr vom Geist der Roaring Twenties beseelt klang ihnen die eine oder andere angejazzte Nummer in den braunen Ohren. Ein Sound wie bei Kurt Weill, das wollten die Antisemiten nicht dulden zwischen all den schnurrigen Ländlern und walzerseligen Ohrwürmern des "Weißen Rössls". Wegen dieser Vorbehalte wäre das Tierchen beinahe beim Abdecker der Geschichte gelandet, aber es berappelte sich wieder und wirkt heute so lebendig wie ein munteres Fohlen.
Beweise gefällig? Im Heidelberger Schlosshof werden sie in Felix Seilers Inszenierung und unter der musikalischen Leitung Johannes Zimmermanns 110 pausenlose Minuten lang geliefert. Zusammen mit allen Mitstreitern laden sie vor und hinter der von Drako Petrovic gestalteten, wie eine XXL-Laubsägearbeit aussehenden Bühne zum Badevergnügen an den Wolfgangsee. Nüscht wie rinn ins Gewässer, an dessen Gestaden die Klischees der Berliner Kodderschnauzen so schön mit der alpenländischen G’miatlichkeit ins Gehege geraten.
Hier wird gesanglich geschmachtet und orchestraler Schlagobers auf den Kaiserschmarrn gehäuft. Regisseur Felix Seiler tischt seine Süßspeise mit aller Akkuratesse auf, nur hier und da hätte man sich einen größeren Schluck aus der Pulle der Selbstironie oder einen mutigen Zitronenspritzer des heutigen Zeitgeistes gewünscht. Trotzdem: Die Sause schnurrt nur so dahin – auch dank der Entertainment-Profis aus dem Philharmonischen Orchester. Gemeinsam machen sie aus dem "Rössl" ein wahres Eheanbahnungsinstitut. Alle elf Minuten verliebt sich ein Single bei Benatzky. So ungefähr. Dabei war das Online-Dating zu Lebzeiten des österreichischen Komponisten noch gar nicht erfunden. Sogar die gestrenge Rössl-Wirtin Josepha, kernig interpretiert von Stefanie Schaefer, öffnet happyendlich ihr Herz für den umtriebigen Zahlkellner Leopold, den Winfrid Mikus mit tenoralem Augenzwinkern gibt. Wenn er seiner Chefin mit dem Evergreen "Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden" Avancen macht, läuft das zwar zunächst ins Leere, aber Leopold hat’s faustdick zwischen den Stimmbändern und kann so seine Chefin doch noch erobern.
Vollprofis, wohin man nur sieht vor dem Bibliotheksbau des Schlosses. Die Tanztruppe schuhplattlert ganz famos, wenn sie in den Trachten der Kostümbildnerin Linda Schnabel und nach den pfiffigen Anweisungen der Choreografin Kati Farkas aufmarschiert. Der schon wiederholt am Heidelberger Theater als Gast engagierte Erzkomödiant Steffen Scheumann trumpft mit seiner berlinischen Müggelsee-Motzigkeit auf, während sein Kollege Olaf Weißenberg gekonnt geizt, weil ihm als professoralem Gutmenschen immer wieder die nötigen Kronen im Reise-Portemonnaie fehlen. Mit dem Tourismus im Salzkammergut wurde eben schon zu Benatzkys Zeiten Kasse gemacht.
Simon Rußig schmachtet als schöner Sigismund wunderbar frivol in der Badeszene dahin, wenn ihn sein Klärchen mit dem gekonnten Lispelgesang Katarina Morfas betört. Jenifer Lary, Alexander von Hugo und Romina Markmann ziehen die Zuschauersympathien ebenfalls auf ihre Seite. Und Winfried Staber macht mit seinem markig knödelnden Bass aus dem Habsburger-Kaiser Franz Joseph eine greisenhaft vertrottelte Karikatur: "Es war sehr ... schön, es hat mich sehr ... gefreut", nuschelt der Operetten-Monarch immer wieder und spricht damit dem applausfreudigen Publikum der Schlossfestspiele aus der Seele.
Gezeigt wurde diese Premiere mit einjähriger Verspätung. Corona machte im vergangenen Jahr einen Strich durch die Rechnung. Aber jetzt ist Kultur wieder möglich. Endlich! Die Erleichterung darüber mit solch einem leichten, aber effektvoll komponierten Sommerspaß auszudrücken, ist genau das Richtige. Zwar können aus Sicherheits- und Hygienegründen nur 250 statt 900 Besucher in den Schlosshof kommen, aber der Anfang ist gemacht. Weiter so!
Info: www.theaterheidelberg.de