Heidelberg: Uraufführung mit Bachchor in der Peterskirche
Von Christoph Wagner
Heidelberg. Wagen wir eine kühne These: Künstlern monatelang gleichsam Berufsverbot aufzuerlegen, war der katastrophalste Fehler der Politik bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Warum? Weil wir in den vergangenen 16 Monaten genau das am schmerzhaftesten vermissen mussten, was Kernkompetenz der Kunst ist: Kreativität.
Als Beleg dafür präsentierte Christian Kabitz mit dem Heidelberger Bachchor und Mitgliedern des Orchesters der Stadt Heidelberg wieder ein hoch interessantes Programm, das es ohne Corona so nie gegeben hätte. Als Uraufführung erklang das von Kabitz selbst arrangierte Pasticcio "Missa aus fünf Jahrhunderten" in dem er den traditionellen Messetext von nicht weniger als 18 verschiedene Komponisten singen ließ, der Älteste, Cristóbal de Morales, geboren 1500, und der Jüngste, James Whitbourn, Jahrgang 1963. Überraschenderweise benutze er nur sechs originale Messesätze und griff sonst auf andere Musik zurück. Dabei gelang es ihm ein harmonisches Ganzes, bei dem, wie sonst kaum, erlebbar wurde, dass Komponisten unabhängig von Zeit, Ort und Genre letztlich immer dieselbe Sprache sprechen.
Alle Chorwerke waren doppelchörig. Der Bachchor konnte so aus künstlerischer Notwendigkeit die Corona-Abstandsregeln einhalten mit getrennter Aufstellung vor dem Altar und auf der Westempore. Er zeigte Ausdrucksstärke etwa im "Qui tollis" von de Morales, über dem Kabitz ein Saxofon improvisieren ließ, und rhythmische Verve im Anfang des Credo, das dem Gospel "Ain’t no graves" unterlegt war. Mit mancher rhythmischen und intonatorischen Ungenauigkeit musste allerdings den insgesamt widrigen Probenbedingungen in Corona-Zeiten Tribut gezollt werden.
Die von der Kanzel singende russische Mezzosopranistin Zlata Khershberg, seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied des hiesigen Theaters, gefiel durch Klangschönheit, Vielseitigkeit und emotionales Engagement. Das auf ein Streichquintett mit Flöte und Oboe reduzierte Orchester begleitete präsent und lebendig. Dabei setzten Konrad Metz (Flöte), Sandra Seibold (Oboe) und Mahasti Kamdar (Violine) in den Soli der als instrumentalen Intermezzi die Glanzpunkte des Abends.