Fußball-EM: "Viel besser kann man nicht spielen"
Von Eric Schmidt
Bad Rappenau. Es war richtig gute Samstagabend-Unterhaltung: Der 4:2-Sieg, den die deutsche Nationalmannschaft im EM-Spiel gegen Portugal feierte, hat die Fußball-Fans im In- und Ausland begeistert – auch Bodo Jopp. "Das hat Spaß gemacht", sagt der ehemalige Torwart. Jopp, 68, bestritt für den VfB Stuttgart 1970 und 1971 zwei Bundesliga-Partien und glänzte als Schlussmann des SV Neckargerach, mit dem er 1981 in der zweiten Runde des DFB-Pokals gegen den FC Bayern München kickte. Heute spielt Jopp leidenschaftlich gerne Golf und ist Mitglied beim GC Bad Rappenau.
Herr Jopp, sind Sie jetzt beruhigt nach dem 4:2-Sieg gegen Portugal?
Ja, mit Sicherheit. Aber mir war auch klar, dass die deutsche Mannschaft sich noch wesentlich steigern kann. Es waren halt die typischen Anfangsschwierigkeiten, die wir gegen Frankreich hatten. Wobei: So dramatisch schlecht war das Spiel gegen die Franzosen nicht. Wenn das Eigentor nicht fällt, geht es 0:0 aus.
Was hat Ihnen gefallen am Spiel gegen Portugal?
Die ganze Bereitschaft von jedem Einzelnen. Fußball ist nun mal ein Mannschaftssport, und wenn es harmoniert untereinander, kann eigentlich nichts schiefgehen – außer der Gegner ist eine Klasse besser. Ich war richtig happy. Das war ein gelungenes Spiel, da darf man ruhig mal zufrieden sein.
Wobei es nach dem 0:1 ja nicht so gut aussah …
Da muss man sich erst mal aufrappeln nach so einem Tor. Da haben sich bestimmt einige gedacht: Hoppla: Geht es jetzt so weiter wie beim letzten Mal? Doch die Deutschen haben dieses Mal ihr wahres Gesicht gezeigt. Sie sind halt doch eine Turniermannschaft.
Was auffällt bei dieser EM: die vielen Eigentore nach scharfen Hereingaben in den Strafraum. Portugal ist es am Samstag gleich zwei Mal passiert.
Früher, bei der WM ’74 oder so, hat man über die Flanken noch gesagt, dass der Schnee von oben mit runter kommt. Heute haben wir die scharfen Flanken, und die werden ja auch trainiert. Bei weichen Bällen kannst du als Abwehrspieler noch reagieren, aber die Flanken jetzt, das sind ja fast Schüsse, die da reinkommen. Da passiert dann halt was hinten drin, das sind dann so die erzwungenen Tore.
Robin Gosens gefällt nicht nur mit seinen Flanken, oder?
Das ist schon toll, was er da auf Linksaußen macht. Er ist frisch und unbekümmert. Das merkt man auch an den Interviews, die er gibt. Da kommt auch mal ein lockerer Spruch, er sagt, was er denkt. Ich find’ das gut. Viele von uns hatten ihn ja erst auf dem Schirm, als es mit Corona angefangen hat, weil er für Bergamo spielt. Gut, dass er bei der Nationalmannschaft schon eine Weile dabei ist.
Waren Sie überrascht, dass Bundestrainer Jogi Löw mit exakt derselben Aufstellung angefangen hat wie gegen Frankreich?
Da geht der Jogi seinen eigenen Weg. Er lässt sich weder von der Presse noch von den Experten oder sonst jemandem unter Druck setzen. Er wird wissen, was er tut. Er ist mit den Jungs seit Wochen zusammen und kann einschätzen, was die Mannschaft kann – dass sie zu mehr imstande ist als gegen Frankreich. Er hat gesagt: "Die lassen wir jetzt nochmals los." Das hat funktioniert. Viel besser kann man nicht spielen, finde ich. Die Portugiesen sind keine Pappnasenmannschaft, das ist der amtierende Europameister. Das ist schon brandgefährlich, wenn die den Ball am Fuß haben. Und Ronaldo ist immer für ein "Zauberstückle" gut.
Wie denkt der ehemalige Torwart Bodo Jopp über die Torwartleistungen bei der EM?
Mir ist da noch nichts Gravierendes aufgefallen. Grundsätzlich ist das Torwartspiel natürlich ganz anders als zu meiner Zeit. Die Freistöße, die Eckbälle – ich will nicht sagen, dass sie jetzt doppelt so schnell sind. Aber da ist schon mehr Wucht dahinter, da muss der Torwart wie ein Luchs aufpassen. Auch das Mitspielen von hinten raus – das hat es in der Art so nicht gegeben bei uns. Als Torwart hattest du den Ball, du hast ihn vorgekickt oder mal abgeworfen. Die Torhüter heute sind sehr ballsicher, sie bekommen ja manchmal richtig komische Bälle zurückgespielt. Die meisten könnten auch im Feld spielen.
Ist Manuel Neuer wirklich der beste Torhüter der Welt, für den ihn einige halten?
Manu hatte mal einen Hänger. Einen guten Torwart zeichnet es aus, dass er sich wieder fängt. Das hat er. Er hat seine Leistung sogar getoppt und teilweise überragend gehalten. Wobei: Es gibt viele Torhüter, die knapp dahinter sind. Lichtjahre entfernt ist Manuel Neuer nicht, das ist nicht der Fall. Der Courtois von Belgien, der Lloris von Frankreich – das sind alles Weltklassetorhüter.
Wer war Ihr Vorbild damals?
Sepp Maier. Er war derjenige, der den Strafraum beherrscht hat. Das war faszinierend. Dann gab es vielleicht ein paar, die auf der Linie stärker waren – Gerd Heinze zum Beispiel, mit dem ich beim VfB Stuttgart gespielt habe. Zu ihm haben sie immer "Flieger" gesagt. Er hatte Paraden, die waren sensationell. Aber bei der Strafraumbeherrschung, da war Sepp Maier weit voraus. Es gab auch damals Weltklassetorhüter so wie ihn oder Dino Zoff.
Wie verfolgen Sie die EM?
Ich schaue mir die Spiele am liebsten zu Hause an. Alleine, auf der Coach, mit einem Bier. Meine Frau fragt ab und zu, wie es steht. Sie schaut sich die Spiele nicht ganz an. Jetzt fiebern wir aufs Endspiel mit der deutschen Mannschaft hin.
Um ein bisschen Wasser in den Wein zu gießen: Vieles dieser EM erinnert an die verkorkste WM 2018 in Russland: Deutschland spielt wieder in Gruppe F, Deutschland verliert wieder das erste und gewinnt wieder das zweite Spiel. Und im letzten Gruppenspiel kommt der vermeintlich leichteste Gegner. In Russland war es Südkorea, jetzt geht es am Mittwoch gegen Ungarn.
Ich habe keine Angst, dass es noch schiefgeht. Das Spiel gegen Portugal hat mich wirklich überzeugt. Man muss aber trotzdem aufpassen gegen Ungarn. Die Ungarn haben immer schon gute Fußballer rausgebracht, ein paar spielen bei uns in der Bundesliga. Die muss man ernst nehmen. Sonst wären die nicht dabei, die haben nicht ohne Grund jetzt 1:1 gegen Frankreich gespielt. Aber Thomas Müller wird den Spielern schon sagen, dass sie sich den Arsch aufreißen müssen. Er ist der Motivator. Gut, dass Jogi Löw über seinen Schatten gesprungen ist und ihn mitgenommen hat zu dieser EM.