Schwetzingen: Lehrer werden neben dem Unterricht zu Coaches
Von Marion Gottlob
Schwetzingen. Die Corona-Krise hat Kinder und Jugendliche schwer getroffen. Es fehlten oft wochen- und monatelang der Präsenz-Unterricht und das soziale Miteinander. Hilfsangebote waren und sind in der Krise nur eingeschränkt oder gar nicht möglich gewesen. Nun möchte die Bundesregierung Nachhilfe finanziell fördern, unter anderem auch in den Sommerferien. Die RNZ hat daher bei zwei Schulen nachgefragt: Was kann man tun?
Am Hebel-Gymnasium hat sich ein Team um Enrico Malz, Mitglied der Schulleitung, und Beratungslehrerin Henrike Landgraf schon vor Corona Gedanken gemacht, wie man Schülern passgenaue Angebote bei Schulproblemen machen kann. Ziel war es, dass Schüler trotz unterschiedlichem Bildungshintergrund und Lerntypus für sich geeignete Lernstrategien entwickeln. Die Corona-Krise wirkte wie ein Beschleuniger für das neue Projekt "Lern-Coaching": Lehrer werden zu Coachs und Lernbegleitern für Schüler.
Das Pilotprojekt richtet sich an Schüler der achten Klassen und ihre Nöte: Unzufriedenheit der Schüler mit den eigenen Leistungen, Enttäuschungen nach schlechten Noten, Probleme mit neuen Lernstrategien und Fächern. Speziell in der Corona-Zeit spielt die Motivation eine Rolle. "Manchen Schülern fehlte beim Homeschooling die präsente Klassengemeinschaft, in der man automatisch mit den anderen mit lernt", so Malz. Es fehlte der tägliche Vergleich mit Mitschülern, sodass Schüler die eigenen Leistungen und Möglichkeiten nicht immer einschätzen konnten. Ein Schüler war zum Beispiel der ehrlichen Überzeugung, dass er über gute Englisch-Kenntnisse verfüge, weil er Vokabeln gelernt hatte. Er täuschte sich, denn er hatte nicht den lebendigen Vergleich mit Mitschülern, die schon Dialoge einübten. In Nicht-Corona-Zeiten würde so ein guter Schüler sich automatisch den nächsten Lern-Schritten zuwenden, weil er in seinen Mitschülern lebendige Vorbilder hat.
Das Coaching-Projekt startete mit dem präsenten Wechselunterricht. "Die Schüler sollten direkten Kontakt mit den Coach-Lehrern haben und das Projekt mit ihren Mitschülern sofort besprechen können", so Lehrerin Landgraf. In den nächsten Wochen können sich Schüler aus eigenem Antrieb für ein Coaching melden.
Wer mitmacht, trifft seinen Coach außerhalb der normalen Unterrichtszeiten. Coach und Schüler analysieren die Lage. Mit Hilfe von Motivationskarten überlegen sie beispielsweise, warum ein Schüler im Moment keine Lust auf Schule und Lernen hat. Das Coaching-Tandem sucht nach Lösungen, die zum Schüler passen. So hat ein Schüler in der Vergangenheit eigene Lernpläne mit Pausen und Belohnungen entwickelt. Zur Belohnung für gutes Lernen wünschte er sich ein kurzes Fußball-Spiel mit seinem Vater.
Auch an der Karl-Friedrich-Schimper-Gemeinschaftsschule (KFS) haben die Lehrer auf die Corona-Krise reagiert. "Der digitale Onlineunterricht lief im ersten Lockdown im April 2020 stabil an, und es konnte weiter an den im Bildungsplan ausgewiesenen Kompetenzen gearbeitet werden. Da die Schule bis auf die Abschlussklassen keine Noten, sondern Lernentwicklungsberichte ausweist, ist den Schülern der Notendruck genommen. Darüber hinaus wird der Unterricht in drei verschiedenen Leistungsniveaus angeboten, sodass individuell auf Lernlücken eingegangen werden kann und jeder Schüler die passende Förderung erhält," so Lehrerin Regine Bertram. Sie fährt fort: "Werden bei einem Kind Lernlücken festgestellt, fragen wir nach den Gründen: Lag es am Unterricht und den Aufgaben? Gibt es familiäre Probleme? Wie ist die seelische Verfassung des Kindes?".
Das Lerncoaching sei Teil des Konzepts der Schule. Dabei gehe es auch darum, das eigene Lernen zu verstehen und zu verbessern. Auch dieses Konzept betrachtet den Schüler als Ganzes und ist stärken- und ressourcenorientiert. Jeder Lehrer ist zusätzlich zu seinem Deputat Lerncoach für eine Anzahl von Schülern, die er in regelmäßigen Abständen trifft, aber auch darüber hinaus jederzeit ansprechbar ist. Jeder Schüler der KFS wird ab Klasse fünf regelmäßig gecoacht. Zweimal im Jahr gibt es ein Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräch.
Nun wünscht sich Bertram ein Hilfskonzept, das sich an die Schulen und ihren Alltag anpassen lässt: "Man sollte daran denken, dass Kinder und Jugendliche seit Monaten auf Kontakte und Freizeitaktivitäten verzichtet haben." Der Schwerpunkt sollte ihrer Meinung nach nicht allein auf Nachhilfe in den Ferien liegen. "Es geht nicht darum, dass Kinder nur funktionieren, sondern Selbstwirksamkeits-Erfahrungen sammeln dürfen. In den Ferien ist erst einmal das Miteinander der Kinder und das soziale Lernen wichtig. Dass Kinder wieder mit anderen Kindern zusammen sein dürfen. Ein ausgeruhtes Kind voller Freude kann dann auch wieder Stoff aufnehmen."