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20 Jahre "Unter anderen Umständen" im ZDF: "Die Konstellation ist ein bisschen crazy bei uns": Natalia Wörner im Interview

Stern 

Auch im Jubiläumsjahr der Krimireihe "Unter anderen Umständen" ist Schauspielerin Natalia Wörner höchst gefragt: als Kommissarin in der Folge "Ein Mädchen ohne Namen" (Montag, 23. Februar, ZDF), aber auch als Stimme für bedrohte Frauen und Kinder – vor und hinter der Kamera.

Im Gespräch mit Natalia Wörner hat man schnell das Gefühl, einer der unerschrockenen Damen gegenüberzusitzen, die sich für Frauen einsetzen und die sie mit so viel Hingabe spielt. Die Anwältin Annabelle Martinelli etwa, "Die Diplomatin" Karla Lorenz und natürlich auch Kommissarin Jana Winter in "Unter anderen Umständen". Freundlich, mit großer innerer Ruhe und Tiefgründigkeit erzählt Natalia Wörner, und sie ist dabei voller Leidenschaft für das, was sie umtreibt.

Da ist natürlich ihr Sohn Jacob, der seit 2006 ihren Filmsohn Leo spielt und zu dem sie eine enge Bindung hat. Aber auch ihre aktivistischen Engagements sind der 58-jährigen Schauspielerin enorm wichtig. Ob für die Tsunamiopfer, ihre eigene Kampagne gegen häusliche Gewalt #sicherheim oder als Schirmherrin der Kindernothilfe: Natalia Wörner ist da, wo angepackt werden muss, sie engagiert sich nach Kräften für Bedürftige, besonders für Frauen und Kinder. Dafür wurde sie 2016 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Fast nebenbei hat die gebürtige Stuttgarterin eine beeindruckende Karriere vorzuweisen: Neben zahllosen Krimis gehören auch Komödien wie "Kückückskind" oder das Corona-Drama "Die Welt steht still" dazu. Der bewegende neue Film "Das Mädchen ohne Namen" (Montag, 23. Februar, 20.15 Uhr, ZDF) aus der beliebten Reihe "Unter anderen Umständen" ist die Jubiläumsfolge: Zum 25. Mal und seit 20 Jahren spielt Natalia Wörner die Kommissarin Jana Winter.

Jacob-Lee Seeliger: Sohn vor und hinter der Kamera

teleschau: In "Das Mädchen ohne Namen" tanzt die Großmutter des Opfers zu Tony Sheridan. Wozu würden Sie tanzen?

Natalia Wörner: (lacht) Ich würde zu Aretha Franklin tanzen, "You make me feel Like a Natural Woman".

teleschau: Das große Thema des neuen "Unter anderen Umständen"-Films ist der Auszug des Sohnes Ihrer Filmfigur, der Kommissarin Jana Winter. Diese Erfahrung teilen Sie mit ihr: Ihr Sohn Jacob ist kürzlich zum Studium nach Hamburg gezogen. Wie geht es Ihnen inzwischen damit?

Natalia Wörner: Es ist beides. Grauenvoll einerseits, weil ein Lebensabschnitt vorbei ist, jemand flügge wird und sich in der bisherigen Form endgültig verabschiedet. Der schöne Part ist, es zu sehen, dass man alles richtig gemacht hat und dass da ein junger Mensch ins Leben geht, seine Wege sucht und alles, was dazu gehört. Das macht ja das Mutterherz auch glücklich. Natürlich vermisse ich ihn sehr, und wir reden auch darüber. Ich bin ihm gegenüber komplett transparent, weil ich ihm nicht das Gefühl geben will, dass er sich nicht frei bewegen kann, im Gegenteil. Ich freue mich für ihn über seinen Schritt in die Selbständigkeit. Alle Mütter und alle Väter, die das erlebt haben, wissen genau, wovon ich spreche. Das ist halt der Widerspruch, den man aushalten muss.

teleschau: Irgendwann kann man nur noch hoffen, dass man sie richtig auf die Gleise gestellt hat ...

Natalia Wörner: Voll! Und wenn sie zu Hause hocken und Blödsinn machen oder rumdaddeln oder nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, ist das nicht die bessere Alternative. Man ist ein bisschen erschüttert, weil dieser Abschied so tief geht. Wenn man nur ein Kind hat, ist es sicher noch mal anders, wirklich ein harter Cut.

teleschau: Wie war die Szene für Sie zu drehen, in dem Ihr Filmsohn, der ja auch Ihr leiblicher Sohn ist, seinen Transporter belädt und auszieht?

Natalia Wörner: In solchen Momenten, die so nah sind, versuche ich, eine Mischung zu finden zwischen das Gefühl zulassen und einen Raum dafür zu halten, und dann wird es vielleicht für alle fühlbar. Das Leben diktiert ja einen Teil unserer Geschichte mit, und genau zu der Zeit zog Jacob im realen Leben eben auch aus. Die Konstellation ist ein bisschen crazy bei uns, weil manchmal das Leben den Film abholt oder umgekehrt. Das Tolle an meinem Beruf ist, das man so was voll erleben und spüren darf und damit viele Menschen berührt, weil sie das genau kennen. Oft ist es ja im Leben so, dass man sich nicht traut, seine Gefühle ganz zu zeigen. Als Darstellerin stelle ich mir immer die Frage, wie viel ich wegdrücke oder auch zulasse. Spannend wird es, wenn man beides bedient: Gibt man sich komplett rein, wird es leicht kitschig, drückt man es ganz weg, wirkt es schnell emotional abgespalten.

2004 den Tsunami in Thailand erlebt

teleschau: Hätten Sie Ihren Sohn gern weiter als Schauspieler gesehen?

Natalia Wörner: Er ist es nicht. Ich als Mutter bin da ganz frei, ihm zuzuschauen. Er spielt bei uns mit, hat auch schon andere Angebote bekommen. Das will er gar nicht machen. Der geht in eine ganz andere Welt und zieht sein Ding durch, und ich freue mich darüber. Für Schauspieler, deren Eltern vielleicht auch bekannte Schauspieler sind, ist es manchmal doppelt und dreifach so schwer, sich kreativ durchzusetzen und nicht nur auf einem Ticket mit einem Namen zu fahren. Aber wie er sich auch entscheidet, ich würde ihn immer unterstützen. Er macht das supergut, aber ich glaube nicht, dass er sich in drei Jahren als Schauspieler neu erfinden wird.

teleschau: Bleiben Sie als Mutter-Sohn-Gespann "Unter anderen Umständen" trotzdem erhalten, auch wenn sein Weg in eine andere Richtung geht?

Natalia Wörner: Auf jeden Fall, er ist dabei, und das möchte er auch bleiben. Es wird in diesem Jahr noch einen Film geben, da spielt er zum ersten Mal richtig groß mit. Es war für ihn eine sehr heftige Rolle, für die er sich auch extrem vorbereitet hat, denn Jacob ist in seiner Rolle als Leo der Hauptverdächtige. Der Film kommt im Herbst und ist sensationell geworden! Wir haben da noch eine kleine Überraschungsbombe vorbereitet für das Jubiläumsjahr 2026.

teleschau: Ihr Engagement für die Kindernothilfe ging einher mit der Geburt Ihres Sohnes. Wie kam es dazu?

Natalia Wörner: Es geht sogar noch einen Schritt weiter nach hinten: Ich habe 2004 den Tsunami erlebt und mit Mitstreitenden den Verein Tsunami Direkthilfe e.V. gegründet. Wir machten damals sehr viel, generierten Spenden, stellten Projekte in den unterschiedlichsten asiatischen Ländern auf die Beine. Das war eine sehr intensive Aufgabe für mich. Irgendwann haben wir den Verein wieder geschlossen und das Restgeld dem Roten Kreuz gespendet. Durch diese Arbeit kamen viele NGOs auf mich zu und baten mich, mich mit ihnen zu verbinden und als Botschafterin tätig zu sein. So auch die Kindernothilfe. Und da es eine deutsche Organisation ist, die aber weltweit arbeitet, ich die Menschen sehr mag und ich damals in der Tat schwanger war, war das für mich eine sehr gelungene Mischung aus Inhalt, Mensch und Form. Das macht nach wie vor für mich Sinn, und ich bin noch heute mit der Kindernothilfe unterwegs. Es ist eine lange Tradition in meinem Leben geworden, für die ich sehr dankbar bin.

Als Schauspielerin Überzeugungen spürbar machen

teleschau: Sie setzen sich für Frauen in Not ein, und auch Ihre Rollen lassen das immer wieder durchblicken, wenn Sie etwa die "Diplomatin" spielen oder die Anwältin Martinelli. Suchen Sie sich diese Rollen gezielt aus, weil Sie eine Botschaft transportieren möchten, oder werden Sie damit besetzt, weil Sie von den Medien den Stempel "starke Frau" aufgedrückt bekommen haben?

Natalia Wörner: Das sind Mischformen. Zum einen suchen die Rollen mich aus, zum anderen war es mein ausgesprochener Wunsch, eine Anwältin zu spielen, die sich auf Sexualstrafrecht spezialisiert hat. Für mich war es wichtig, ein inhaltliches Feld aufzumachen, das so bei uns noch nicht besetzt ist. Dieser Einsatz für Frauen ist aber auch differenziert. Im letzten Fall, "Maria hat Angst", vertrete ich als Anwältin Martinelli eine Frau, deren Glaubwürdigkeit auch ich in Frage stellen muss. Es ist ja keine einfache Form von Solidarität oder Loyalität im klassischen Sinn, sondern es ist immer ein Ringen um die versteckte Wahrheit. Das ist mir ein Anliegen.

teleschau: Inwiefern sind Sie in die Entwicklung der Figuren involviert?

Natalia Wörner: Natürlich bin ich mit den Redakteuren, Autoren und Produzenten im Gespräch, und so ergibt es sich, dass diese Figuren nicht nur Kraft haben, sondern auch eine innere Moral und einen Wertekanon. Da gibt es in Berlin die wunderbare Juristin Christina Clemm als Vorbild, die sich unfassbar einsetzt für genau dieses Thema und damit auch schon eine kleine Ikone geworden ist. Ich würde meinen Beruf nicht so sehr schätzen, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, Rollen zu spielen, die mir auch wirklich etwas bedeuten.

teleschau: Damit sehen Sie sich in Ihrer Rolle als Künstlerin vornehmlich auch aktivistisch unterwegs, sowohl hinter als auch vor der Kamera?

Natalia Wörner: Absolut, und das ist ein Geschenk. Es ist gewollt und notwendig. Ich finde, wir haben alle die Möglichkeit, in unseren Berufen jeweils unsere eigene Haltung hereinzutragen, wenn wir sie denn überzeugend finden. Die Welt bewegt sich in einem sehr schwierigen Wackelkontakt mit der Realität und dem, was man sich wünscht. Umso mehr hofft man auf Menschen, die die Mittel ihres Berufes nutzen können, um das zu leben. Natürlich möchte ich meine Möglichkeiten ausschöpfen, meine Überzeugungen spürbar zu machen. Und das kommt auch an, das ist ja das Schöne daran. Es wird wahrgenommen und in der Regel geschätzt oder auch kritisiert, fine with me. Alles andere ist ja langweilig.

Mit ganzer Kraft für Frauenrechte

teleschau: Wann kommt für Sie der Schritt in die Politik?

Natalia Wörner: (lacht) Das werde ich ständig gefragt. Ich bin ja als Schauspielerin viel freier, als wenn ich mich irgendeiner Partei anschließen und mich in einem Fraktionszwang mit einer Maulschelle versehen lassen würde. Würde ich heute eine politische Karriere anstreben, wenn ich ganz jung wäre? Weiß ich nicht, finde ich schwierig. Ich glaube, dass man als Künstler mindestens genauso politisch und sogar viel freier darin sein kann, wie man sich politisch platziert. Ich fühle mich als sehr politischer Mensch. Mir mangelt es an nichts, und wenn ich mir anschaue, mit was PolitikerInnen zu kämpfen haben und wie die sich verhalten müssen, da hab ich doch viel größere Freiheit, mich zu äußern.

teleschau: Wenn Sie Entscheidungsgewalt in Deutschland hätten, was wären die Ziele, die Sie sich als allererstes auf die Fahnen schreiben würden?

Natalia Wörner: Das ist eine tolle Frage, und die Liste ist lang (lacht). Sie fängt natürlich an mit einer bestimmten Diskussion um Deutschland als Einwanderungsland. Die führen wir nicht differenziert genug, um der Realität gerecht zu werden, und zwar in jeder Form. Ich würde mich sehr einsetzen für die Pflege und Fürsorge älterer Menschen. Davon bin ich selbst betroffen. Es ist ein Loch, in das wir da rutschen, eins, das absehbar war. Das ist eine Katastrophe, und ich finde, ältere Menschen werden wirklich nicht gut behandelt in diesem Land. Dasselbe gilt für die junge Generation, die überhaupt nicht abgeholt wird, die das Gefühl hat, gerade einmal durch Corona durchgequetscht worden zu sein. Dann Wehrpflicht? Ja, nein, vielleicht. Rente bekommt ihr sowieso nicht. Die Jungen und die Älteren sind benachteiligt, nicht gesehen, nicht gehört in einer Art und Weise, die ich hochgefährlich finde. Eine Unterlassung an Stellen und in Dimensionen, die kaum verzeihlich sind.

teleschau: Was nehmen Sie in Sachen Unterstützung für Frauen wahr?

Natalia Wörner: Was das Thema Frauenrechte anbelangt: natürlich dieses Hin- und Hergezerre mit dem Gewalthilfegesetz, diese Unterfinanzierung von Frauenhausplätzen, von Personen, von Ausstattungen in den jeweiligen Institutionen. Auch das ist eine Katastrophe. Wir haben eine Istanbul-Konvention ratifiziert, die nicht eingehalten wird. Die Unterfinanzierung, was das Thema Frauenschutz anbelangt, ist eine der größten Ohrfeigen, die ein so reiches Land wie Deutschland jeden Tag nach wie vor verteilt. Und wir hören diese Ohrfeigen, wir als Aktivistinnen, die sich mit diesem Thema täglich auseinandersetzen. Es ist ein Desaster, und das würde ich wahrscheinlich als Allererstes ändern. Keine Frau, die auf Hilfe angewiesen wäre, müsste drei Monate warten – das ist unhaltbar.

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