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Ruth Moschner: "Ich habe mich wahnsinnig einsam gefühlt"

Seit mehr als 20 Jahren gehört sie fest zur deutschen TV-Branche. In dieser langen Zeit hat Ruth Moschner auch schwierige Phasen erlebt. Darüber zu schweigen, kommt für sie aber nicht infrage. Ihre letzte Buchveröffentlichung ist acht Jahre her, jetzt hat Ruth Moschner ein neues Werk herausgebracht: "Die Fuck-it-List-Challenge". Sie listet also eine Reihe an Dingen auf, auf die man besser verzichten möchte. Mit t-online spricht die 50-Jährige über ihre dunkelsten Kapitel: über Morddrohungen, Vergewaltigung und Machtmissbrauch. t-online: Frau Moschner, Sie schreiben offensiv über das Thema weibliche Lust. Warum war das Ihnen ein Anliegen? Ruth Moschner: Die aktuelle Forderung nach einer Gesetzesänderung auf "Ja heißt Ja" halte ich nicht nur für strafrechtlich dringend nötig, sie kann auch Frauen mehr Selbstbewusstsein verschaffen, was die eigene Sexualität angeht. Inwiefern? Egal, ob eine Frau will oder nicht, aktuell ist ja nichts davon richtig. Wir werden so erzogen, dass wir, was unsere Körper angeht, in ständiger Abwehr sind. Wir sollen kokettieren, reagieren und am Ende bestimmen andere. Frauen haben null Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper. Alles wird verurteilt. Von A wie Abtreibung, über K wie kinderlos und kinderreich bis hin zu W wie weiblicher Lust. Außerdem beschreiben Sie, wie Frauen gleichzeitig stark, sexy, entspannt und erfolgreich sein sollen. Wann haben Sie angefangen, diese Spielregeln nicht mehr ernst zu nehmen? Niemand ist multitaskingfähig, aber insbesondere Frauen wird die mentale Überlastung wie selbstverständlich untergejubelt. Max Raabe besingt das ja so schön: "Für Frauen ist das kein Problem...". Doch. Ist es! Kein Wunder, dass wir immer noch tief im Gender-Pay-Gap herumkriechen und den Ausgang nicht finden. Von klein auf wird uns beigebracht, dass es selbstverständlich ist, sich ohne extra Lohn um alles zu kümmern. Als sei unsere Existenz daran geknüpft, erst durchzuatmen, wenn es allen gut geht. Haben Sie ein Beispiel? Mir hat mal ein Produzent gesagt, er würde mich so gerne buchen, weil ich "schwierige Männer" so gut aushalten könne. Da ist mir erst so richtig klar geworden, wie oft ich Emotionen ausgeglichen oder mich entschuldigt habe, obwohl nichts davon in meiner Verantwortung lag. Es ging stets um die Harmonie am Set, für die ich automatisch die Verantwortung übernommen habe. Hat sich der Druck auf Frauen verändert oder nur modernisiert? Die Frauen meiner Generation und früher kommen aus Familien mit vielen Nachkriegstraumata. Ein Symptom ist tatsächlich die sogenannte Parentifizierung (eine Rollenumkehr innerhalb der Familie, bei der Kinder die Verantwortlichkeiten der Eltern übernehmen, Anm. d. Red). Ich glaube aber auch, dass meine Generation die Erste ist, die in der Lage sein wird, diese dicke fiese Filzdecke abzustreifen. Warum? Wir sind mutig genug, genau hinzusehen und das sichtbar zu machen, was lange im Dunkeln lag. Ich liebe es, überall die lauten Stimmen zu hören, weil ich davon überzeugt bin, dass nur die Anerkennung von dem, was war, auch wirklich eine Veränderung vorantreiben kann. Dennoch ist der Druck meines Erachtens sogar stärker geworden, kommt aber mit einem Beautyfilter daher, sodass man ihn nicht gleich als Gefahr erkennt, sondern geblendet ist vor lauter Schönheit. Welche Rolle spielen soziale Medien dabei? Wir wissen, dass die Anzahl der Schönheits-OPs parallel zu Social Media gewachsen ist. Früher war das vielleicht was für Hollywood . Heute machen Influencerinnen wie Bianca Heinicke Videos über ihre Brust- und Nasen-OPs und Menschen schauen dabei zu, wenn Twenty4Tim sich äußerlich "optimiert". Je öfter wir etwas sehen, desto normaler kommt es uns vor. Deswegen wäre es einerseits toll, wenn wir eine größere Diversität in den Medien hätten, andererseits sehen wir gerade im Reality-TV immer weniger Diversität, was Körper angeht. Sie berichten auch von einer Vergewaltigung, die Sie erlebt haben, und von Machtmissbrauch von Männern im Beruf. Was haben solche Erlebnisse rückblickend mit Ihnen gemacht? Gewalterfahrungen und Machtlosigkeit sind schlimm, die vergisst man einfach nicht. Mir ist aber auch klar geworden, wie wahnsinnig dankbar ich für mein Umfeld bin: Ich hatte immer tolle Freund:innen an meiner Seite, die für mich da waren. Das ist das wahrscheinlich Wertvollste in meinem Leben. Klar muss man seine Hausaufgaben selbst machen, aber ein liebevoller Austausch, Verständnis oder einfach eine Person, die zuhört, ohne zu werten, ist doch das Schönste. Diese Handvoll Leute, die ich nachts um drei anrufen kann, ist echt stabil. Dass ich über meine Erfahrungen im Buch schreibe, wird hoffentlich nicht als Einladung für die Yellowpress interpretiert, Grenzen des guten Benehmens zu überschreiten. Ich möchte sensibilisieren und darauf aufmerksam machen, wie viele Frauen diese Erfahrung machen mussten. Es gibt ein weiteres dunkles Kapitel in Ihrem Leben: Ab 2010 haben Sie über drei Jahre lang vor jeder Livesendung eine Morddrohung erhalten. Sie standen mit schlotternden Knien vor der Kamera. Inwiefern war Ihr Leben damals eingeschränkt? Ich habe mich irgendwann nicht mehr getraut, im Zug auf die Toilette zu gehen, weil ich Angst hatte, man würde mir auflauern. Als ich mich dann auf offener Straße immer wieder umsah, packte mich die Wut, und ich konnte sie, dank einer tollen Therapeutin, in Furchtlosigkeit umwandeln. Was genau war der Wendepunkt für Sie? Ich habe beschlossen, mir durch eine einzige Person meine Freiheit nicht nehmen zu lassen. Ich habe mir dann eine Anwältin genommen, die auch für den Weißen Ring arbeitet. Sie hat mir Fragen beantwortet und vor allem den Druck rausgenommen. Es gab schließlich eine Hausdurchsuchung bei einer Frau meines Alters. Danach war erst mal Ruhe. Damals durfte man solche Sachen nicht öffentlich machen, aus Angst vor Trittbrettfahrer:innen. Deswegen habe ich mich wahnsinnig einsam gefühlt, wenn ich am Set war und feiere es umso mehr, dass durch Social Media solche Themen öffentlich werden. Was haben Sie aus dieser Zeit für sich mitgenommen? Ich denke, alle machen Erfahrungen im Leben, auf die man wahrscheinlich gern verzichtet hätte. Andererseits bin ich inzwischen sehr gut geschult und kann mit der teilweise großen Wucht an Shitstorms besser umgehen. Und ich weiß, dass ich selbst in einer Ausnahmesituation nicht zum Arschloch mutiere. Irgendwie beruhigend. Heute kritisieren Sie auf Social Media die Politik und zeigen gesellschaftliche Probleme auf. Wann haben sie gemerkt, es nutzt etwas, laut zu sein? In erster Linie bringt es sehr viel Gegenwind, wenn man als Frau Raum einnimmt für Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Frauen müssen immer noch um Erlaubnis bitten, laut zu sein. Das Gute ist jedoch, dass man durch Sichtbarkeit auch Sicherheit erreichen kann. Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem sich durch Ihre Stimme etwas verändert hat? Ein Paradebeispiel ist mein Umgang mit Direktnachrichten auf Social Media. Ich bin ja ein Gewächs des "alten Fernsehens". Schon damals kam es vor, dass ich Oben-ohne-Bilder von Männern erhalten habe, Sexangebote oder Kontoauszüge und Heiratsanträge. Was mich jedoch bei Social Media erreichte, darauf war ich in dem Ausmaß nicht vorbereitet. Voicemails mit Gestöhne, Vergewaltigungsfantasien und Dickpics bis hin zu wüsten Beschimpfungen. Mein erster Impuls war – weil gesellschaftlich so gelernt – erst mal zu überprüfen, was ich falsch gemacht haben könnte. Zu welchem Ergebnis kamen Sie? Zum Glück habe ich schnell verstanden, dass ich völlig in Ordnung bin und diejenigen, die mir den Schmodder schicken, ein gewaltiges Problem haben. Mein zweiter Impuls war: laut sein. Grenzen setzen, Nein sagen! Und die Reaktionen waren sowohl heilsam als auch grausam, denn es zeigte sich, dass einfach alle Frauen und leider auch junge Mädchen solch "klebrige Post" im digitalen Postfach haben und unsere Politiker:innen bis heute verschlafen haben, das Internet sicherzumachen. Inzwischen tobt der Mob völlig ungeniert und es wird nicht mehr nur heimlich belästigt und bedroht, sondern ganz offiziell und mit Klarnamen. "Ja?": Collien Fernandes mit Statement auf rotem Teppich "Komplett würdelos": Collien Fernandes zu Ulmens Rückzieher Wird man da nicht irgendwann müde? Meine eigene Selbstermächtigung hat durch das Lautwerden mit Sicherheit einen Wachstumsschub erhalten, und es hat sich gezeigt, dass wir, wenn wir gemeinsam unsere Stimme erheben, noch viel sicht- und hörbarer werden. Deswegen ist es jetzt auch so wichtig, Collien Fernandes den Rücken zu stärken. Dass die digitale Strafverfolgung immer noch im Wachkoma liegt, ist jedoch nach jahrelanger unbezahlter Aufklärungsarbeit in dem Bereich schlicht frustrierend und macht wütend. Wir müssen im Bereich Cybersecurity endlich aufholen, egal in welchen Bereich man schaut. Gibt es etwas, das Sie positiv stimmt? Ja, im analogen Leben passiert viel Schönes. Ich bin viel mit Zug und S-Bahn unterwegs und komme da auch mit Fremden ins Gespräch. Sobald man mal nicht aufs Handy schaut, bekommt man tolle Momente geschenkt. Angefangen von "wissen Sie, wo ich aussteigen muss?" bis hin zu Gesprächen über Außenpolitik, Geschichte, Kolonialismus oder Friedrich Merz . Ich treffe auf offene Menschen, egal ob in Deutschland oder im Ausland. Und durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten bei Teilenswert e.V., beim Nabu, bei der Hope Kapstadt Stiftung und vielen mehr habe ich ohnehin mit fantastisch optimistischen Menschen zu tun, die mich mit ihren Visionen inspirieren und mich optimistisch auf die Welt blicken lassen. Bei all dem Schmerz und Schmodder, der gerade hochkommt, sind sehr, sehr viele da draußen, die echt Bock haben, die Zukunft positiv mitzugestalten.

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