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Altersvorsorge-Depot: Expertin warnt vor Kosten und trügerischer Sicherheit

Mit der Riester-Rente haben viele Sparer jahrelang Rendite verschenkt und wertvolle Zeit verloren. Das neue Altersvorsorgedepot soll diesen Fehler korrigieren, doch kann es die hohen Erwartungen wirklich erfüllen? Die Finanzbranche dürfte dem Start des Altersvorsorgedepots entgegenfiebern. Millionen neue Verträge und frisches Anlegergeld versprechen ein lukratives Geschäft. Doch wird die kapitalmarktgedeckte und staatlich geförderte Altersvorsorge damit wirklich zum Heilsbringer für Sparer – oder werden die Erwartungen am Ende größer sein als der Nutzen? Finanzexpertin Natascha Wegelin erklärt im Interview mit t-online, welche Chancen die Reform bietet, wo ihre Grenzen liegen und warum der langfristige Vorsorgeerfolg nicht allein vom Produkt abhängt. t-online: Viele Experten feiern das Altersvorsorgedepot bereits als Durchbruch. Kommt dieser Jubel nicht etwas früh, solange wichtige Details noch gar nicht feststehen? Natascha Wegelin: Die Reform ist beschlossen und soll ab Januar 2027 starten. Insofern ist die Freude darüber nachvollziehbar. Man sollte die Erwartungen aber nicht zu hoch schrauben, schließlich liegt die Messlatte nach den Erfahrungen mit der Riester-Rente nicht besonders hoch. Außerdem fehlen noch wichtige Details: etwa, wie die Anbieter das Produkt konkret ausgestalten und was ein Standarddepot, also die kostengünstige Unterform des AV-Depots, am Ende kosten wird. Erst dann wird sich zeigen, wie attraktiv das Altersvorsorgedepot tatsächlich ist. Wird die Bedeutung des Altersvorsorgedepots überschätzt? Genau das ist mein größter Kritikpunkt. Ein gutes Produkt allein wird die Altersvorsorge nicht retten. Oft entsteht der Eindruck: Depot eröffnen, einzahlen, fertig. Das vermittelt eine trügerische Sicherheit. Entscheidend ist aber die Finanzkompetenz der Menschen. Wer seine Rentenlücke nicht kennt oder nicht einschätzen kann, welche Anlagestrategie zu ihm passt, wird auch mit dem besten Altersvorsorgedepot kaum optimale Entscheidungen treffen. Bei aller Kritik: Welche Vorteile bringt das Altersvorsorgedepot aus Ihrer Sicht konkret? Der größte Fortschritt ist, dass erstmals auch kostengünstige ETF-Sparpläne staatlich gefördert werden. Das macht die private Altersvorsorge deutlich attraktiver. Wer 360 Euro pro Jahr einzahlt, erhält 180 Euro staatliche Förderung. Für darüber hinausgehende Einzahlungen bis maximal 1.800 Euro pro Jahr gibt es zusätzlich einen Zuschuss von 25 Prozent. Insgesamt sind so bis zu 540 Euro Förderung jährlich möglich. Besonders positiv ist außerdem, dass Kinder stärker gefördert werden und Selbstständige erstmals Zugang zu einer staatlich geförderten privaten Altersvorsorge erhalten. Und was ist Ihrer Meinung nach nicht gelungen? Das Altersvorsorgedepot nimmt den Menschen die wichtigsten Entscheidungen nicht ab. Welche Anlagestrategie sinnvoll ist und wie viel Geld für die eigene Altersvorsorge tatsächlich zurückgelegt werden muss, bleibt weiterhin die Verantwortung jedes Einzelnen. Hinzu kommt, dass die maximale Förderung bereits bei 1.800 Euro Eigenbeitrag pro Jahr gedeckelt ist. Für viele dürfte das nicht ausreichen, um die Lücke zwischen gesetzlicher Rente und dem tatsächlichen Finanzbedarf im Alter zu schließen. Wer Vermögen flexibel und umfassend aufbauen möchte, wird deshalb auch künftig ein zusätzliches, frei verfügbares Depot benötigen – und kein Altersvorsorgedepot. Aber beim Altersvorsorgedepot gibt es staatliche Zuschüsse, beim normalen Depot nicht. Lässt sich denn damit nicht auch flexibel Vermögen aufbauen? Die Förderung ist attraktiv, aber sie ersetzt keine Finanzkompetenz. Wer die Grundlagen der Geldanlage nicht versteht, läuft Gefahr, ein unnötig teures Produkt zu wählen oder Fördervorteile durch hohe Kosten wieder zu verlieren. Am Ende entscheidet nicht allein die Höhe der staatlichen Zuschüsse über den Erfolg der Altersvorsorge, sondern vor allem, ob Menschen gute finanzielle Entscheidungen treffen können. Worauf sollten Sparer besonders achten, wenn sie ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot eröffnen? Der wichtigste Punkt ist aus meiner Sicht die Wahl der richtigen Produktvariante. Wer noch 15 Jahre oder länger bis zur Rente hat, sollte Garantien kritisch hinterfragen. Sie vermitteln zwar Sicherheit, gehen aber meist zulasten der Rendite . Denn um eine Garantie zu gewährleisten, müssen Anbieter das Geld konservativer anlegen. Dadurch wird genau das langfristige Wachstum gebremst, das für den Vermögensaufbau im Alter entscheidend ist. Für viele Sparer kann eine Variante ohne Garantie deshalb die sinnvollere Wahl sein. Und worauf sollten Sparer neben der Produktvariante noch achten? Mindestens genauso wichtig sind die Kosten. Viele übersehen, dass der gesetzliche Kostendeckel von 1 Prozent nur für das Standardprodukt gilt, also für die vorkonfigurierte Einsteigervariante. Dabei können selbst kleine Kostenunterschiede langfristig enorme Auswirkungen haben: Über 40 Jahre macht der Unterschied zwischen 0,2 und 1 Prozent laufenden Kosten schnell mehrere Zehntausend Euro aus. Unterschätzte Kosten: Diese Gebühren sollten ETF-Käufer im Blick haben Die unsichtbare Handelsspanne: Wertpapiere vor versteckten Kosten schützen Wer stattdessen auf günstige ETFs mit Kosten von 0,1 bis 0,2 Prozent setzt, kann deutlich mehr von seiner Rendite behalten. Deshalb sollten Sparer nicht automatisch zum Standardprodukt greifen, sondern die Kosten genau vergleichen. Viele Riester-Sparer fragen sich jetzt, ob sie möglichst schnell in das neue Altersvorsorgedepot wechseln sollten. Ist das sinnvoll? Grundsätzlich gilt: nichts überstürzen. Das Altersvorsorgedepot startet erst 2027, und bestehende Riester-Verträge laufen auch danach unverändert weiter. Es gibt weder eine automatische Kündigung noch eine automatische Umwandlung. Deshalb besteht kein Anlass, vorschnell zu handeln. Sinnvoller ist es, die Zeit bis zum Start zu nutzen, um die eigene Altersvorsorgestrategie zu überprüfen und sich über die verschiedenen Möglichkeiten zu informieren. So lassen sich später fundierte statt übereilter Entscheidungen treffen. Wenn man Ihnen zuhört, könnte man den Eindruck gewinnen: Garantien kosten Rendite. Ist das Altersvorsorgedepot am Ende doch nicht die große Lösung, als die es verkauft wird? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Das stärkste Argument für das Altersvorsorgedepot ist die staatliche Förderung. Sie ist letztlich geschenktes Geld, das es bei einem normalen Depot nicht gibt. Darauf freiwillig zu verzichten, halte ich in den meisten Fällen nicht für sinnvoll. Wo liegt dann der Haken? Man sollte die Nachteile kennen. Das Geld ist grundsätzlich bis zum Rentenalter gebunden und steht vorher nicht flexibel zur Verfügung. Außerdem werden die Auszahlungen später nicht wie Gewinne aus einem normalen Depot mit der Abgeltungsteuer besteuert, sondern als Einkommen versteuert. Je nach persönlicher Situation kann das teurer sein. Deshalb würde ich nicht auf Entweder-oder setzen: Die staatliche Förderung sollte man möglichst mitnehmen, gleichzeitig kann ein freies Depot sinnvoll sein, um flexibel Vermögen aufzubauen und zusätzliche Anlageoptionen zu nutzen. Welche Stellschrauben entscheiden über den Unterschied zwischen Armut und Absicherung im Alter? Die größten Hebel sind Rendite und Zeit. Schon wenige Prozentpunkte mehr Rendite können über Jahrzehnte einen Unterschied von vielen Tausend Euro machen. Gleichzeitig profitiert, wer früh mit dem Vermögensaufbau beginnt, besonders stark vom Zinseszinseffekt . Wichtig sind zudem eine breite Streuung und die Disziplin, auch in Krisen an der eigenen Strategie festzuhalten . Diese Faktoren haben langfristig meist deutlich mehr Einfluss auf den Vermögensaufbau als die Wahl einzelner Anlageklassen. Ist das Altersvorsorgedepot ein guter Wurf oder am Ende doch vor allem ein Geschäft für die Finanzbranche? Das Altersvorsorgedepot ist ein echter Fortschritt, aber kein Selbstläufer. Wer die Förderung klug nutzt und auf Kosten achtet, kann davon profitieren. Wer sich dagegen blind auf das Produkt verlässt, riskiert unnötige Kosten und Renditeeinbußen. Am Ende entscheidet nicht das Depot über den Erfolg der Altersvorsorge, sondern die Finanzkompetenz der Menschen, die es nutzen. Frau Wegelin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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