Ölreserven in den USA fallen auf Tiefstand: Diesel wird in Europa knapp
Die neue Eskalation im Nahen Osten belastet die Ölmärkte. In den USA fällt die strategische Ölreserve auf ein historisches Tief – und Diesel könnte in Europa knapp werden. Die Lage im Nahen Osten bleibt angespannt, und volatile Ölpreise werden zur neuen Normalität in der Weltwirtschaft. Zum Wochenstart kletterten die Preise für ein Barrel (159 Liter) der Ölsorte Brent auf 91,45 US-Dollar , am Dienstag ließen die Preise auf 88,19 US-Dollar etwas nach. Die Schwankungen lassen sich auf den Stand der Friedensbemühungen zwischen dem Iran und den USA zurückführen: Mal gibt es positivere, mal negativere Wasserstandsmeldungen zu einem möglichen Frieden zwischen den USA und dem Iran . Am Dienstag waren die Preissenkungen von einer Meldung getrieben, dass Katar, Ägypten , Pakistan und andere regionale Vermittler den beiden Kriegsparteien einen Vorschlag für eine zehntägige Waffenruhe unterbreitet hätten. Ob daraus etwas Handfestes wird, ist völlig offen. Diesel könnte in Europa knapp werden Auch wenn die Ölpreise an den Weltmärkten schwanken mögen, kennen die davon abhängigen Benzin- und Dieselpreise eigentlich nur eine Richtung: nach oben. Am Montag kletterte der US-Benzinpreis wieder über die psychologisch wichtige Marke von vier Dollar pro Gallone (3,785 Liter). Im Vergleich zu Deutschland ist das Tanken in den USA allerdings noch immer sehr günstig. Umgerechnet auf Liter und Euro liegt der aktuelle US-Benzinpreis bei etwa 92 Cent. In Deutschland müssen Autofahrer aktuell für Benzin 2,15 Euro/Liter und für Diesel 2,17 Euro/Liter bezahlen. Wenn sich die Lage in der Straße von Hormus nicht bald bessert, dann könnte es in Europa bald zu Dieselengpässen kommen, warnen Experten. Die Meerenge, durch die 20 Prozent des weltweiten Öls transportiert werden, ist erneut faktisch gesperrt. Zuvor war der Schiffsverkehr während der seit Anfang Juni geltenden Waffenruhe langsam wieder angesprungen; im Vergleich zum Vorkriegsniveau hatten aber auch in den Wochen des fragilen Friedens kaum Schiffe die Meerenge passiert. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, warnen nun Analysten von der Investmentbank Morgan Stanley vor einem Treibstoffengpass in Europa. Insbesondere raffinierte Ölprodukte – zum Beispiel Diesel oder Kerosin – seien gerade der engste Flaschenhals im globalen Energiesystem, heißt es. Europa befinde sich im "Epizentrum" dieser Entwicklung. Morgan Stanley zufolge dürften die europäischen Dieselvorräte bis Ende des Jahres auf den niedrigsten Stand seit mindestens 2015 fallen. Diesel wird in fast allen Branchen benötigt, wo Logistik und Transport eine Rolle spielen. Die Engpässe beim Diesel dürften sich für Autofahrer vor allem in den Preisen niederschlagen: Schon jetzt ist Diesel teurer als Benzin, dieser Effekt dürfte bei einem weiter anhaltenden Konflikt auch so bleiben. Die Preissteigerungen werden an Verbraucher weitergegeben – Lebensmittel und andere Produkte werden teurer, die allgemeine Inflation könnte wieder steigen . Für die europäische Wirtschaft ein neuer Schlag in die Magengrube. Ölreserve in den USA fällt auf historischen Stand Aber auch in den USA wird es langsam kritisch. Denn in den letzten Wochen hat die US-Regierung die heimische Ölversorgung mittels der strategischen Ölreserve SPR gedeckt und die in den USA produzierten Ölmengen lieber ins Ausland verkauft. Diese Reserve ist Anfang Juli dadurch auf den niedrigsten Stand seit 1983 gefallen. Die Wiederauffüllung der Reserve dürfte nach Angaben des "Wall Street Journal" Jahre dauern. Die USA haben nun damit angefangen, weniger Öl zu exportieren, um die SPR weniger zu beanspruchen. Aber die Zerstörung von Raffinerien, sowohl am Golf als auch in Russland , macht die USA zu einem der wichtigsten Lieferanten für Ölprodukte – vor allem Diesel. Wären die Amerikaner gezwungen, diese Produkte für den heimischen Verbrauch zu priorisieren, würde das den Kampf um die Rohstoffe am Weltmarkt weiter anheizen. Wie ernst die Lage schon jetzt ist, zeigt dieser ungewöhnliche Vorgang: Russland kann kaum noch Diesel selbst herstellen , muss deshalb den Treibstoff aus Indien einkaufen. Indien kauft das Öl, das später zu Diesel und Kerosin raffiniert wird, größtenteils aus Russland . Die Internationale Energieagentur IEA könnte erneut eine strategische, kontrollierte Freigabe der weltweiten Ölreserven koordinieren. Dies hatte sie bereits zu Beginn des Kriegs ermöglicht, 400 Millionen Barrel Rohöl wurden dadurch im März in den Markt gegeben. Ob die IEA dies tun würde, ist jedoch noch unsicher – schließlich würde sich auch diese Maßnahme irgendwann erschöpfen. China wird zum entscheidenden Player Einen Lichtblick gab es jedoch in der vergangenen Woche: China hat seine seit Beginn des Iran-Kriegs geltenden Exportbeschränkungen für raffinierte Ölprodukte gelockert. Damit kommt ein neuer Player zurück auf den Markt, der einen verstärkten Rückzug der USA teilweise kompensieren könnte. China gilt Analysten zufolge ohnehin als der Grund, weshalb diese Energiekrise nicht schlimmer ausgefallen ist. Denn als der Iran-Krieg ausbrach, hat Peking das Gegenteil dessen getan, was viele Beobachter erwartet hatten. Statt wie erwartet aggressiv in den Ölmarkt einzusteigen und so viel wie möglich einzukaufen, hat Peking seinen Ölimport markant gesenkt. Im Juni hat China so wenig Öl eingekauft wie seit zehn Jahren nicht mehr, stattdessen hat es die eigenen Ölreserven angezapft und Exportbeschränkungen für raffinierte Produkte verhängt. Vor allem aber hat Peking den Umstieg auf Elektromobilität noch mehr beschleunigt – ganz zum Leidwesen deutscher Autobauer wie BMW, die ihren Verbrennerabsatz nicht mehr retten konnten . Damit hat sich China zu einem der wichtigsten Akteure im Iran-Krieg entwickelt: Durch sein Handeln konnte eine noch schlimmere Ölkrise bisher abgewendet werden, zugleich konnte Peking bisher relativ unbeschadet davonkommen und seine eigene Unabhängigkeit stärken. Auch wenn der Iran-Krieg bald zu Ende ginge, erscheint es fraglich, dass der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus sich schnell – oder überhaupt – erholen würde. Die Golfstaaten suchen Medienberichten zufolge deshalb nach neuen Routen, um ihr Öl zu exportieren. Sowohl die Saudis als auch die Vereinigten Arabischen Emirate wollen neue Pipelines und Häfen errichten, möglichst weit weg von den Iranern und ihren Raketen. Bis diese fertig werden, wird es aber noch Jahre dauern.