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Femizide, Frauenhäuser & Täterarbeit: Warum Deutschland versagt

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, Deutschland hält sich für ein modernes Land. Man diskutiert munter über Künstliche Intelligenz, Milliarden für die Bundeswehr, digitalisierte Behörden und wie die deutsche Wirtschaft im Wettbewerb mit China bestehen kann. All das ist wichtig, keine Frage. Aber woran lässt sich der Fortschritt eines Landes wirklich messen? Der Zivilisationsgrad eines Landes zeigt sich nicht daran, wie reich es ist. Sondern daran, wie sicher Frauen in ihm leben können. Nach diesem Maßstab fällt die Republik jedoch durch. Erst am Donnerstag soll ein Mann in einem Stuttgarter Einkaufszentrum seine Partnerin oder Ex-Partnerin mit einem Messer angegriffen haben. Anschließend setzte er sie in Brand. Die 47-Jährige überlebte schwer verletzt. Vergangene Woche tötete in Kelkheim ein 60-jähriger Mann seine Ehefrau auf offener Straße – mit einer Machete. Mitte Juni soll ein 40-jähriger Mann im pfälzischen Linden seine von ihm getrennt lebende Ehefrau auf einem Kinderspielplatz mit einem Messer ermordet haben. Drei ihrer vier gemeinsamen Kinder wurden Zeugen der Tat. Fast jeden zweiten Tag wird hierzulande eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt. Zehntausende werden Opfer von Stalking, Vergewaltigung oder digitaler Gewalt . Und selbst diese Zahlen sind zu niedrig. Denn sie erfassen nur das Hellfeld. Wie groß die Dunkelziffer derweil ist, weiß niemand. Viele Frauen schweigen – aus Angst vor dem Täter, aus Scham oder weil sie fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird. Sie fürchten, sich Verfahren auszusetzen, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass am Ende keine Verurteilung erfolgt. Besonders bitter ist eine Erkenntnis der Kriminologie: Der gefährlichste Moment für eine Frau ist oft nicht mal die gewalttätige Beziehung selbst, sondern der Versuch, sie zu verlassen. In der Trennungsphase steigt das Risiko schwerer Gewalt erheblich. Internationale Studien bestätigen diesen Zusammenhang seit Jahren. Die britische Kriminologin Jane Monckton Smith beschreibt die Trennung als den Moment, in dem kontrollierende Täter ihren Machtverlust erleben – und manche versuchen, ihn mit tödlicher Gewalt rückgängig zu machen. Das Bundeskriminalamt spricht von einem gravierenden Problem geschlechtsspezifischer Gewalt. Und doch behandeln wir diese noch immer wie eine Aneinanderreihung tragischer Einzelfälle. Zwar war das Gewalthilfegesetz , das noch die Ampelregierung Anfang 2025 verabschiedet hatte, ein längst überfälliger Fortschritt. Erstmals erhalten gewaltbetroffene Frauen einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung. Doch dieser Anspruch gilt erst ab 2032, ein fernes Versprechen also. Seit Juni dieses Jahres können Gerichte bei häuslicher Gewalt elektronische Fußfesseln anordnen , um Annäherungsverbote wirksamer durchzusetzen. Auch verpflichtende Anti-Gewalt-Kurse für Täter hat der Bund erleichtert. Das sind richtige Schritte. Doch das eigentliche Problem ist nicht, dass Deutschland nichts tut. Das eigentliche Problem ist, dass Deutschland Gewalt gegen Frauen noch immer nicht mit derselben politischen Entschlossenheit bekämpft wie andere Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit – etwa Terrorismus. Das verdeutlicht wenig so gut wie die Frauenhaussituation in Deutschland. Nach Angaben der Frauenhauskoordinierung fehlen bundesweit weiterhin rund 12.000 Schutzplätze. Wer sich davon überzeugen will, wie bitter das ist, sollte einfach mal die Seite frauenhaus-suche.de öffnen. Die Karte leuchtet vielerorts rot, bestenfalls grau. Rot bedeutet: kein Platz. Grau: Der Belegungsstatus ist unklar, Betroffene müssen anrufen und nachfragen. Ob irgendwo Platz ist – auch für ihre Kinder oder bei besonderen Bedarfen –, ist oft ungewiss. Gleichzeitig wird im Bundeshaushalt über Einsparungen im Gewaltschutz diskutiert. Das wirkt wie ein Widerspruch. Katja Kipping , Geschäftsführerin des Paritätischen Gesamtverbands, spricht deshalb offen von einem Staatsversagen. Im Interview mit meiner Kollegin Charlotta Siemer und mir beschreibt sie Frauen , die mit ihren Kindern aus einer gewalttätigen Beziehung fliehen und anschließend zunächst Formulare ausfüllen müssen. Bürokratie hat ihren Sinn. Aber nicht in einer Situation, in der jede Stunde über Sicherheit entscheiden kann. Dass Handlungsbedarf besteht, sehen inzwischen längst nicht mehr nur Sozialverbände oder Frauenrechtsorganisationen so. Auch Bildungs-, Familien- und Frauenministerin Karin Prien (CDU) fordert einen entschlosseneren Kampf gegen Gewalt an Frauen und betont, dass Männer stärker in die Prävention einbezogen werden müssten – statt sie pauschal unter Generalverdacht zu stellen. Das Thema ist kein ideologisches, sondern eine Frage des Rechtsstaats. Dass indes so viele Frauen Gewalt nie anzeigen, hat strukturelle Gründe. Wer etwa wirtschaftlich vom Täter abhängig ist, wer fürchten muss, nach einer Trennung erst recht in Gefahr zu geraten, wer wenig Vertrauen in die Polizei hat oder sich durch einen Dschungel aus Anträgen kämpfen muss, schweigt länger. Oder schlimmer: Flieht erst gar nicht. Vertrauliche Beratung bietet unter anderem das bundesweite Hilfetelefon unter 116 016. Kriminologen mahnen daher zur Vorsicht bei internationalen Vergleichen. In Ländern wie Schweden oder Norwegen werden deutlich mehr Gewalttaten angezeigt. Nicht unbedingt, weil dort mehr Gewalt geschieht. Sondern weil Frauen Polizei und Hilfesystemen stärker vertrauen. Das sogenannte nordische Paradoxon zeigt: Hohe Fallzahlen können ein Zeichen dafür sein, dass Gewalt sichtbar wird – statt im Verborgenen zu bleiben. Deutschland hat sich mit der Istanbul-Konvention verpflichtet, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, Betroffene zu schützen und Täter konsequent zur Verantwortung zu ziehen. Zwischen diesem Anspruch und der Realität klafft jedoch noch immer eine große Lücke. Dass es anders geht, zeigt Spanien. Nach einer Serie erschütternder Femizide erklärte die Politik Gewalt gegen Frauen zur Staatsaufgabe. Spanien schuf spezialisierte Gerichte, entwickelte mit VioGén eines der modernsten Systeme zur Risikoanalyse gefährlicher Täter, setzt elektronische Fußfesseln ein und investiert konsequent in Prävention. Das Problem ist auch in Spanien nicht gelöst. Aber der Staat hat unmissverständlich klargemacht: Gewalt gegen Frauen ist keine Privatangelegenheit. Deutschland sendet diese Botschaft bis heute nicht mit derselben Konsequenz. Das beginnt schon bei der Sprache. Wenn nach einer Tötung von einem "Beziehungsdrama" oder einer "Familientragödie" die Rede ist, klingt das nach einer unglücklichen Eskalation persönlicher Konflikte. Tatsächlich geht es um Macht, Kontrolle und Besitzdenken. Um Männer, die den Verlust ihrer Partnerin nicht akzeptieren. Die Debatte über geschlechtsspezifische Gewalt richtet sich oft schnell auf sogenannte Ehrenmorde. Diese Taten existieren und sie sind grauenhaft. Doch sie sind nur eine spezifische Form von Femiziden. Die meisten Tötungen von Frauen geschehen in Beziehungen oder im familiären Umfeld. Ob die Motive kulturell, patriarchal oder persönlich geprägt sind: Frauen werden meist nicht von Fremden getötet, sondern von Männern, die ihnen nahestanden. Das Problem liegt nicht außerhalb unserer Gesellschaft. Es liegt mitten in ihr. Sprache ist nie nur Sprache. Sie entscheidet darüber, ob wir ein gesellschaftliches Problem erkennen – oder einen tragischen Zufall. Auch wir Medien tragen daher eine Verantwortung. Auch wir müssen öfter klarer sagen, dass es um einen Femizid geht. Also um die Tötung einer Frau im Kontext geschlechtsspezifischer Gewalt und patriarchaler Machtverhältnisse. Inzwischen wird zu Recht darüber diskutiert, Femizide strafrechtlich stärker sichtbar zu machen. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) machte einen entsprechenden Vorstoß. Nicht, weil ein neuer Straftatbestand allein Gewalt verhindern würde. Sondern weil ein Rechtsstaat benennen sollte, was er als besonderes Unrecht begreift. Vor allem aber muss sich der Blick weiten. Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenthema, ganz im Gegenteil. Gerade Männer sollten sich in diese Debatte einmischen. Nicht, weil sie Frauen erklären müssten, wie sich Gewalt anfühlt, sondern weil die Täter überwiegend Männer sind. Oder um es deutlich zu machen: Eine Gesellschaft verändert sich nicht, wenn nur die Opfer ihre Stimme erheben. Sie verändert sich, wenn auch diejenigen Verantwortung übernehmen, die von den patriarchalen Strukturen profitieren. Es genügt nicht, mehr Frauenhäuser zu bauen. Natürlich braucht Deutschland sie dringend. Aber Frauenhäuser sind das Sicherheitsnetz einer Gesellschaft, die zuvor an vielen Stellen versagt hat. Eine moderne Gesellschaft schützt Opfer – und versucht, Taten zu verhindern. Entscheidend ist daher konsequente Täterarbeit. Männer, die durch Stalking, Drohungen, krankhafte Eifersucht oder Kontrollverhalten längst zeigen, dass sie gefährlich werden könnten, müssen früher erreicht werden – mit verpflichtenden Beratungsangeboten, therapeutischer Unterstützung und einem engmaschigen Risikomanagement. Das setzt derweil voraus, dass Warnsignale überhaupt sichtbar werden. Täterarbeit und Opferschutz sind keine Gegensätze: Sie bedingen einander. Prävention beginnt aber noch früher. In Kitas und Schulen, wo Jungen lernen, dass Beziehung nichts mit Besitz zu tun hat. Sie beginnt mit niedrigschwelligen Hilfsangeboten für Männer, die merken, dass sie ihre Wut nicht mehr beherrschen. Sie setzt gut geschulte Polizistinnen und Polizisten, Jugendämter, Familiengerichte sowie Ärztinnen und Ärzte voraus, die Warnsignale erkennen und vor allem: ernst nehmen. Und ja, zur Prävention gehört ebenso, Hochrisikotäter konsequent zu observieren. Wer trotz gerichtlichen Annäherungsverbots seine Ex-Partnerin weiter verfolgt oder bedroht, muss damit rechnen, elektronisch überwacht zu werden. All das führt zu einer einfachen, aber unbequemen Erkenntnis. Wir messen den Erfolg unseres Landes am Bruttoinlandsprodukt, an der Zahl oder Innovationen der Start-ups oder seiner militärischen Stärke. Und klar: Das sagt etwas über seinen Wohlstand aus. Aber nur wenig darüber, wie zivilisiert es tatsächlich ist. Der wahre Maßstab ist ein anderer: Können Frauen – die immerhin 50,9 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen – in diesem Land sicher leben? Solange wir diese Frage nicht mit einem klaren "Ja" beantworten können, sollten wir vorsichtig sein mit dem Etikett des modernen Landes. "TOr der Tränen" Angriff aufs Nervensystem der Welt Donald Trump droht nicht nur dem Iran – er spielt mit einem der empfindlichsten Nervensysteme der Globalisierung. Karten vermitteln den Eindruck, der Welthandel verteile sich gleichmäßig über die Ozeane. Tatsächlich hängt er an wenigen schmalen Meerengen ( Ende März hatte ich das schon einmal notiert ). Monatelang galt die Straße von Hormus als kritischster Ort für den Welthandel. Nun rückt ein zweiter Engpass in den Fokus: Bab al-Mandab, das "Tor der Tränen". Dass Trump nach den dortigen Angriffen auf zwei saudische Öltanker nun "massive militärische Strafmaßnahmen" gegen den Iran ankündigt, ist deshalb weit mehr als die nächste Eskalationsstufe dieses Krieges. Es ist die Reaktion auf den Versuch der Huthi-Rebellen, einen zweiten globalen Flaschenhals zur Waffe zu machen. Die Huthis wollen zeigen, dass sie nicht nur Israel oder Saudi-Arabien treffen können. Sie wollen beweisen, dass sie genau wie der Iran den Welthandel als Geisel nehmen können. Das hätte auch massive Folgen für die deutsche Konjunktur, berichtet Wirtschaftsredakteur Jakob Hartung. Und siehe da: Ihre Taktik hat bereits Erfolg. Erstmals seit zwei Monaten stieg der Ölpreis der Sorte Brent auf mehr als 100 US-Dollar pro Barrel. Das zeigt, wie empfindlich dieses System bereits auf die bloße Aussicht einer Ausweitung reagiert. Schon ohne neue Handelskonflikte wäre eine Sperrung der Meerenge ein Schock für die Weltwirtschaft. Doch ausgerechnet jetzt kündigte Trump neue Zölle gegen Dutzende Handelspartner an – darunter auch gegen bestimmte Produkte aus der EU. Bereits seit Freitagmorgen greifen sie. Das eigentliche Risiko liegt deshalb nicht im nächsten Angriff. Sondern darin, dass keine Seite mehr einen Schritt zurückgehen kann, ohne Schwäche zu zeigen. Das "Tor der Tränen" trägt seinen Namen seit Jahrhunderten. Wenn dort der Welthandel zum Stillstand kommt, würden die Tränen nicht nur am Roten Meer fließen. Personalbeben in der cdu Merz krempelt um Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schnürt nach dem Rücktritt von Fraktionschef Jens Spahn ein großes Personalpaket. Laut Medienberichten sollen nach dem bereits verkündeten Wechsel von Kanzleramtschef Thorsten Frei an die Fraktionsspitze vier weitere Personalentscheidungen fallen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) soll auf den Posten von Frei im Kanzleramt wechseln. Für sie soll CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann Gesundheitsminister werden. Linnemanns Posten als CDU-Manager soll die bisherige Schatzmeisterin der Partei, Franziska Hoppermann , übernehmen. Der bisherige Parlamentarische Staatssekretär im Digitalministerium, Philipp Amthor (CDU), soll den Bund-Länder-Beauftragten Michael Meister im Kanzleramt ablösen. Eine offizielle Bestätigung für die Personalien gab es am Donnerstagabend noch nicht. "Der Bundeskanzler wird die Personalentscheidungen bekanntgeben, wenn alle offenen Punkte geklärt sind", hieß es aus dem Umfeld von Merz. Voraussichtlich wird das am Freitagmorgen der Fall sein. Meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Politikressort halten Sie auf dem Laufenden. Was lesen? Die Causa Spahn verhagelt der Union den Sommer. Christoph Schwennicke, Leiter unserer exklusiven Berichterstattung, weiß, wer dafür die Verantwortung trägt. Artikel lesen Nach Spahns Rücktritt laufen indes zwei Debatten über Leihmutterschaft: eine sachliche – und eine in den sozialen Netzwerken. Kolumnistin Nicole Diekmann hat eine klare Meinung dazu. Artikel lesen Der dritte Gerichtstermin nach seiner Festnahme wird für Nicolás Maduro ein kurzer. Allerdings muss sich der frühere venezolanische Machthaber auf einen langen Prozess einstellen, schreibt David Schafbuch aus New York. Artikel lesen Ein bestimmter Blutwert könnte das Demenzrisiko Jahre im Voraus abschätzen. Geraldine Nagel aus dem Medizinressort kennt die Details. Artikel lesen Ohrenschmaus Heute für Sie: Eine kompromisslose Hymne auf Selbstbehauptung der Australierin Brody Dalle – entstanden nach einer toxischen Ehe. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen friedlichen Tag. Morgen lesen Sie von Christoph Schwennicke. Herzliche Grüße Ihr Mauritius Kloft Ressortleiter Politik & Wirtschaft Mit Material von dpa, Recherche unterstützt von Google Gemini

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