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Erdbeben in Kolumbien: Suche nach Opfern – warum Retter die Faust recken

Nach dem schweren Erdbeben in Kolumbien suchen Retter weiterhin fieberhaft nach Vermissten. Derweil ist eine politische Debatte um internationale Helfer entbrannt. "Stille", ruft eine Person und sofort recken Umstehende dutzendfach ihre Fäuste in die Luft. Wo vorher noch der Lärm unzähliger helfender Menschen und von Maschinen zu hören war, kehrt Ruhe ein. Und unzählige Augenpaare richten sich auf einen Trümmerberg. Szenen wie diese spielen sich seit Tagen immer wieder in den kolumbianischen Städten Cali, Pereira, Manizales und Quibdó ab, wie Videos in sozialen Medien zeigen. Das verheerende Erdbeben vom Montag mit einer Stärke von 7,4 hat insbesondere diese Großstädte schwer getroffen. Zwar sind seit dem Beben bereits mehr als 72 Stunden vergangen – die Zeitspanne, in der die Überlebenschance am höchsten ist. Dennoch gehen die Bergungsarbeiten unvermindert weiter. Und eine in die Luft gereckte Faust ist dabei die zentrale Geste. "Wir sind kurz davor, sie zu retten": Frau nach Erdbeben 30 Stunden unter Trümmern begraben Katastrophe in Südamerika: Erdbeben verwüstet Flughafen Das Signal geht ursprünglich auf die Rettungsarbeiten nach dem schweren Erdbeben in Mexiko-Stadt im September 1985 zurück. Es ist ein Zeichen der Hoffnung. Denn gehen die Fäuste in die Luft, haben Retter ein mögliches Lebenszeichen eines Verschütteten vernommen. Es können Rufe sein, Klopfgeräusche oder vielleicht nur ein Seufzen. Nicht immer steckt dahinter tatsächlich ein verschütteter Mensch. Um die Geräusche genauer verorten zu können, brauchen die Retter jedoch Stille. Mit der Geste bitten sie darum. Mehr als 76.000 Wohnhäuser zerstört oder beschädigt Am Donnerstagabend veröffentlichte die kolumbianische Regierung neue Opferzahlen nach dem Erdbeben. Mindestens 281 Menschen sind ums Leben gekommen, knapp 4.000 Menschen wurden verletzt. Laut den offiziellen Zahlen gibt es zudem 379 Vermisste – die Zahl könnte jedoch deutlich höher liegen, da auf inoffiziellen Datenbanken Tausende Menschen als vermisst gemeldet wurden. Rund 66.000 Wohnhäuser wurden beschädigt, weitere 10.700 vollständig zerstört. Es ist das schwerste Beben in Kolumbien seit Jahrzehnten. Immerhin 331 Menschen konnten laut Behördenangaben bis Mittwoch gerettet werden. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Mit jeder Stunde aber sinkt die Wahrscheinlichkeit, Überlebende zu finden. Immer wieder aber gibt es diese Glücksmomente für die Retter. In Cali zogen sie eine Mutter mit ihrem sechs Monate alten Baby aus den Trümmern. Unter großem Jubel wurde in der drittgrößten Stadt des Landes auch 30 Stunden nach dem Beben die Krankenschwester Diana Troncoso geborgen. In Pereira harrte Daniela Sánchez sogar 36 Stunden unter den Trümmern aus, bevor die Retter sie fanden. Kolumbianische Regierung lehnt internationale Retter ab Doch selbst diese Rettungsaktionen werden Bestandteil politischer Debatten. Rund um die Retter kam es bereits zu diplomatischen Verwerfungen. So erhielt die Regierung des erst seit rund einer Woche amtierenden rechtsextremen Präsidenten Abelardo de la Espriella viele Angebote aus aller Welt zur Entsendung von Rettungstrupps – die Mehrheit aber wurde von der kolumbianischen Regierung abgelehnt. Lediglich Retter aus den USA , Israel , El Salvador und Ecuador wurden akzeptiert. Beobachter vermuten dahinter politische Gründe, da diese vier Länder dem Präsidenten ideologisch nahestehen – im Gegensatz etwa zu Mexiko . Die dortige linksgerichtete Präsidentin Claudia Sheinbaum bestätigte am Donnerstag, dass das Hilfsangebot ihres Landes abgelehnt wurde. Eine speziell ausgebildete Brigade der mexikanischen Armee stand ihren Angaben zufolge schon für die Abreise bereit. Doch die Regierung in Bogotá bestand wohl auf besonderen Zertifizierungen. "Sie sind zwar zertifiziert", so Sheinbaum, aber die kolumbianische Regierung verlange nun eine weitere Bescheinigung. "Deshalb transportieren wir mit Hercules-Flugzeugen Lebensmittelpakete, medizinische Hilfsgüter und andere angeforderte Dinge", sagte die mexikanische Präsidentin. Ihr Rettungstrupp stehe weiter bereit. Die "Maulwürfe" aus Mexiko reisen trotzdem nach Kolumbien Einige Freiwillige ließen sich von der Ablehnung aus Bogotá nicht abhalten. Da Lateinamerika immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, gibt es über die gesamte Region verteilt Organisationen freiwilliger Retter. Dazu gehören "Los Topos", die "Maulwürfe" aus Mexiko. Egal, ob Erdbeben, Tropenstürme, Überschwemmungen oder Erdrutsche – gilt es, Menschen zu retten oder anderweitig Katastrophenhilfe zu leisten, machen sich die "Maulwürfe" auf den Weg. Die bekannteste der "Topos"-Gruppen sind die "Azteken-Maulwürfe" ("Topos Azteca"). Die Nichtregierungsorganisation gründete sich nach dem Erdbeben in Mexiko-Stadt von 1985 und war danach weltweit im Einsatz – unter anderem auch nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in New York oder nach dem Tsunami in Japan 2011. Zuletzt waren sie 40 Tage lang in Venezuela im Einsatz, wo ein Doppelerdbeben am 24. Juni mindestens 6.300 Menschen tötete. Von einem Katastrophengebiet machten sich die "Azteken-Maulwürfe" direkt auf den Weg ins nächste. Und das auf eigene Kosten. Am Mittwoch trafen sie unter großem Jubel in Cali ein. Ihrem Anführer, dem 80-jährigen Héctor Méndez, schlägt seitdem große Begeisterung der Zivilbevölkerung, aber auch Kritik mancher Medien entgegen. Ein Radiojournalist fragte ihn etwa in einer Livesendung, ob seine "Topos" eine Autorisierung der Regierung erhalten hätten. Méndez erklärte, dass sie gekommen seien, um zu helfen und nicht um Politik zu machen. Dann legte er einfach auf. Von der kolumbianischen Regierung heißt es derweil, dass das Land selbst mit rund 1.000 Rettern genug Kräfte habe, um der Katastrophe zu begegnen. Betroffene in entlegenen Gebieten entlang der kolumbianischen Pazifikküste erzählen jedoch eine andere Geschichte. Selbst vier Tage nach dem Beben ist dort größtenteils noch keine oder kaum Hilfe angekommen. Während in den Großstädten im Landesinneren die Bergungen auf Hochtouren laufen, wartet die Peripherie weiter auf ihre Retter.

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