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Frust vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: "Das könnte wirklich böse ausgehen"

Der Frust bei Olaf Strobach ist groß – eine Baustelle macht dem Apotheker seit Jahren das Leben schwer. Besuch bei einem, der das Vertrauen in die Lösungsfähigkeit des Staates verliert. Ein Abend Ende August. Im Hörsaal eines Technologieparks am Rande von Halle (Saale) sind alle Stühle besetzt. Auch Olaf Strobach ist gekommen – zwei Hoffnungen im Gepäck. Der Apotheker will den Mann sehen, den er bislang nur aus dem Fernsehen kennt. "Der soll ja so charismatisch sein", sagt Strobach. Und er will Antworten auf Fragen, die ihn seit Jahren umtreiben. Vorn auf dem Podium lehnt sich der Ministerpräsident auf einem Sessel vor, blickt an seiner langen roten Krawatte hinab auf die italienischen Lederschuhe und wartet, dass es losgeht. Links und rechts neben Sven Schulze sitzen die Spitzenkandidaten der Parteien, die sich um seinen Job bewerben. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau hat sie zum Wahldialog mit Unternehmern geladen, und alle sind gekommen. Alle? Einer fehlt. "Das hört sich schrecklich an" : So blicken Unternehmer auf die Landtagswahl AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt: Der gar nicht so freundliche Herr Siegmund Ulrich Siegmund . Der Spitzenkandidat der AfD, die in Umfragen weit vorn liegt, hat abgesagt. Auch sein Ersatzmann ließ sich entschuldigen, am Tag der Veranstaltung. Stattdessen sitzt auf dem Podium nun der wirtschaftspolitische Sprecher der Landtagsfraktion. Es ist die erste Enttäuschung für Strobach an diesem Abend. Er bleibt trotzdem und hört zu, fast drei Stunden lang. IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Brockmeier führt ein strenges Regiment. Die anwesenden Spitzenkandidaten und der AfD-Ersatzmann dürfen immer nur sechzig Sekunden reden, dann wird ihr Mikrofon abgeschaltet. "Sonst ufert das aus", erklärt Brockmeier. Er selbst redet dafür ohne Zeitlimit. Die Unternehmer im Saal kommen nicht zu Wort, auch die Professoren des gastgebenden Instituts schweigen. Strobach muss sich lange gedulden, bis seine Frage gestellt wird. Er hat sie vorab eingereicht, Brockmeier liest sie vor: "Warum verzögern sich Baustellen grundsätzlich und warum sind sie immer leer? Wird das überhaupt kontrolliert und wo bleiben die Konsequenzen?" In Teutschenthal sei die Hauptstraße seit Jahren gesperrt, seine Umsatzverluste jedes Jahr deswegen sechsstellig. "Neben all den anderen Problemen ist das einfach nur Wahnsinn." Das Land der schlechten Laune Strobach treibt um, was viele nicht nur an diesem Abend in Halle beschäftigt. Sie sind frustriert von der gesamtwirtschaftlichen Lage im Land. Jahre der Stagnation haben ihre Spuren hinterlassen. Kommen dann noch persönliche Erfahrungen mit Missständen und Behördenversagen hinzu, schwindet das Vertrauen in den Staat und seine Fähigkeit, Probleme zu lösen. Das ist dem Deutschland-Monitor zufolge besonders niedrig in strukturschwachen Regionen – ebenso das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können. In der Studie "Enttäuschung, Frust und Resignation" kommt die Konrad-Adenauer-Stiftung zum Schluss, dass Befragte kaum noch Wahlmotive nennen können. Stattdessen überwiege die Enttäuschung über die handwerkliche Arbeit der Politik. Dass die AfD in Umfragen so stark ist, liegt vor allem auch an der Schwäche der etablierten Parteien. Die, so wirkt es für viele, lösen die Probleme nicht. In Sachsen-Anhalt hat die AfD zudem einen Spitzenkandidaten, der jung und charismatisch auftritt. Strobach hat Videos von Siegmunds Motorradtouren durchs Land gesehen. "Er ist wie ein Popstar", sagt er. An den Ständen der anderen Parteien stünden fünf, sechs Leute. Bei Siegmund seien es Hunderte, die stundenlang für ein Autogramm anstehen. Wer so viele Menschen freiwillig anziehe, habe einen Nerv getroffen, sagt Strobach. Auch deshalb hätte er ihn an diesem Abend gern mal live erlebt. Ein Ort, in dem alles zu ist Wer den Apotheker in Teutschenthal besucht, fährt über eine Landstraße, die von Schlaglöchern übersät ist. Hinter Feldern drehen sich Windräder. Mitten durch den Ort führt die L 164: Absperrgitter, aufgerissener Asphalt, kein Verkehr. Es ist still hier. Der Bäcker hat geschlossen, der Lottoladen, das Schreibwarengeschäft, der Hundesalon. Eine Frau an der Bushaltestelle schaut irritiert, weil überhaupt jemand vorbeikommt. Die Umleitung durch den Ort führt über Nebenstraßen, Autos quetschen sich über die Bürgersteige aneinander vorbei. Am Ende der Sperrung liegt die Würde-Apotheke, benannt nach dem Bach, der durch den Ort fließt. Der Parkplatz ist fast leer. Drinnen tippt Strobach auf einen Bildschirm. Im Glaskasten neben den Kassen setzt sich ein Roboter in Bewegung. Ein Greifarm fährt an den Regalen entlang, dreht sich, greift. Sekunden später liegt die Packung an der Kasse. "So schnell kann ich nicht laufen", sagt Strobach. Sein Laden ist alles andere als ein Sanierungsfall. Strobach hat ihn 2006 neu gebaut und laufend modernisiert. Der Roboter kostet 200.000 Euro, im Herbst kommt für weitere 25.000 Euro ein Abholautomat dazu, damit Schichtarbeiter ihre Medikamente auch nachts bekommen. „Eine Apotheke ohne Roboter wird es in Zukunft schwer haben", sagt Strobach. Er beschäftigt 15 bis 20 Menschen, darunter sechs Apotheker. Sein Steuerberater hält das für zu viel, aber "die hohe Zahl der Apotheker ist mir eine schlechtere Rendite wert, weil ich gute Qualität abliefern möchte", sagt er. Nur die Kunden kommen nicht mehr so zahlreich. Rund zehn Prozent waren es früher aus dem Durchgangsverkehr, die fehlen jetzt. "Jeden Monat kostet mich das 10.000 Euro", rechnet Strobach vor. In diesem Jahr blieben bislang nur 1.100 Euro Gewinn hängen, getragen wird der Betrieb von seiner zweiten Apotheke im Nachbarort. "Ich will doch auch nicht umsonst arbeiten gehen", klagt der 61-Jährige. Auch am Tresen geht es meist ums Geld. "Die Kunden bekommen zum Jahreswechsel eine barbarische Zuzahlung um die Ohren geknallt", sagt Strobach. Die Reform der gesetzlichen Krankenkassen sieht vor, dass der Eigenanteil für Medikamente um die Hälfte steigt: von fünf auf 7,50 Euro und von zehn auf 15 Euro. "Das frustriert viele", sagt er. Aufhacken, zumachen, aufhacken Strobach tritt vor seine Apotheke und schaut auf die staubige Fläche, die früher mal eine Straße war. Gebaut wird an der Ortsdurchfahrt seit 2020, in Abschnitten, mit Pausen dazwischen. Vier Bauträger nacheinander: das Land, der Abwasserzweckverband, die Gemeinde, ein Netzbetreiber. Aufhacken, zumachen, aufhacken. Für die Brücke über die Würde waren anderthalb Jahre angekündigt, gebaut wurde doppelt so lang. Das Schild, auf dem einst 2023 als Jahr der Fertigstellung stand, wurde irgendwann einfach überklebt, 2024 stand da plötzlich – fertig wurde die Brücke dann 2025. "Eigentlich kannst du immer davon ausgehen, dass sich das verdoppelt", sagt Strobach. Strobach zeigt auf die umliegenden Häuser. Dort ziehen sich kleine Risse durch den Putz der Fassaden. Die Baumaßnahmen haben nicht nur Spuren in der Kasse des Apothekers hinterlassen. Bis zum Ortsausgang sind es fast drei Kilometer, die noch gemacht werden müssen. Prognose für die Fertigstellung: 2035. Strobach sagt das mit finsterer Miene. Die Frage an den Falschen In Halle wollte Olaf Strobach endlich Antworten und ein wenig auch seinen Frust loswerden. Am Abend des IHK-Wahldialogs ging seine Frage an die Infrastrukturministerin Lydia Hüskens, die für die FDP als Spitzenkandidatin antritt. Doch IHK-Chef Brockmeier stellte sie stattdessen SPD-Kandidat Armin Willingmann. Der Minister für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt nutzte seine sechzig Sekunden vor allem, um zu erklären, dass er nicht zuständig sei. Hüskens selbst hatte an diesem Abend mehr Tempo im Verkehr angekündigt und drei zusätzliche Elbbrücken versprochen. Diese solle das Land bauen, ohne auf den Bund zu warten. Ihre Fachleute hätten gesagt, das brauche 20 Jahre, aber sie wolle es schneller schaffen. Nach der Veranstaltung ging Strobach persönlich zu Hüskens. Von dem Gespräch mit ihr ist er enttäuscht. Seine Verluste hätten die Ministerin nicht beeindruckt. "Das waren vielleicht auch Peanuts für sie." Sie habe sich nicht vorstellen können, dass vereinbarte Termine nicht eingehalten werden – und erklärt, es gebe Vertragsstrafen. Das Ministerium teilt t-online später mit, hier liege offenbar ein Missverständnis vor. Die Ministerin nehme die Sorgen der Menschen im Land sehr ernst. Die Landesstraßenbaubehörde erklärt, dass in Teutschenthal keine Vertragsstrafen verhängt wurden. Sie seien nur in begründeten Ausnahmefällen vorgesehen, wenn das Bauunternehmen die Verzögerung zu verantworten habe. Vor allem aber entstehen dem Land bei einer gesperrten Landesstraße keine Nutzungsausfallkosten. Ein Schaden lasse sich also nicht beziffern – und ohne bezifferbaren Schaden sei eine Vertragsstrafe kaum zu rechtfertigen. Den Schaden hat der Apotheker. Beeinträchtigungen durch Straßenbau müssen Anlieger nach Auskunft der Behörde weitgehend entschädigungslos hinnehmen. Nur wer eine Existenzgefährdung mit steuerlichen oder betriebswirtschaftlichen Unterlagen belegen kann, darf einen Antrag stellen. Von dieser Möglichkeit hat Strobach nie gehört. Vor keinem der Bauabschnitte sei er kontaktiert worden, sagt er. Und bei Schäden an den umliegenden Gebäuden werde generell jede Verantwortung abgestritten. "Es wird an dir vorbei entschieden", sagt Strobach über die Politik. Er hat auch eine Erklärung dafür: Wer in einer Behörde sitze, bekomme sein Geld jeden Monat, egal, was er mache. Er selbst fange am Ersten jedes Monats wieder bei null an. Und nach oben dringe offenbar ohnehin nur Erfreuliches durch, in den Ministerien zählten nur Erfolgsmeldungen. "So wie bei Honecker damals", sagt Strobach, "der hat nie mitbekommen, dass es in der Bevölkerung gärte." Siegmund, der Popstar Strobach hat schon andere Umbrüche erlebt. Vor 1989 war er Offizier der Nationalen Volksarmee und stand an der Grenze zu West-Berlin. Als die Mauer fiel, befürchtete er das Schlimmste: "Das war kurz vorm Knallen." Hunderte wurden inhaftiert, Lager vorbereitet. "Ich habe gehofft, mich nicht entscheiden zu müssen", sagt er. Auch jetzt empfindet Strobach die Lage als dramatisch. "Wir haben fast eine revolutionäre Situation." Er weiß, dass auch in Teutschenthal viele Menschen für die AfD sind. Weil sie radikale Veränderung verspricht, weil sie mit Siegmund jung und frisch daherkommt. Was der AfD-Spitzenkandidat mit diesem Zuspruch vorhat, steht im Programm seiner Partei. Sie will das Grundrecht auf Asyl abschaffen, das Leben für Migranten in Sachsen-Anhalt unattraktiv machen, die Schulpflicht aufheben und den Rundfunkstaatsvertrag kündigen. Strobach weiß das. Er mahnt zur Vorsicht. "Das könnte wirklich böse ausgehen." Dass mit Siegmund als Ministerpräsidenten die Straße schneller fertig wird, glaubt er nicht. Die Verwaltungsmitarbeiter blieben dieselben, und die Landeskasse sei leer. "Es ist egal, wer kommt." Ministerpräsident Sven Schulze tue ihm sogar fast leid, der wirbele an allen Ecken und Enden. "Aber letztendlich kommt es nicht mehr drauf an, weil die Leute die Schnauze voll haben." Wenn die Neuen nicht liefern, seien sie ganz schnell wieder weg vom Fenster, ist Strobach überzeugt. "Die haben auch nur einen Schuss im Lauf." Am Sonntag geht er wählen, so viel sagt er. Für wen er sich entschieden hat, sagt er nicht. Und wenn sich nichts ändert, hat Strobach einen ganz persönlichen Ausweg: "Dann gehe ich in Rente ." Nur dem Land, das weiß auch er, hilft das nicht.

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