Ex-Sprecher Anthony Scaramucci über USA unter Donald Trump: "Am Abgrund"
Einst war Anthony Scaramucci Trumps Kurzzeitmitarbeiter, heute kritisiert er den US-Präsidenten hart. Der Finanzexperte erklärt, wie Trumps Aufstieg möglich wurde und warum er die Hoffnung für Amerika noch nicht aufgegeben hat. Die USA sind gespalten, die gesellschaftlichen Fronten verhärtet. Dabei ist Donald Trump das Symptom der Missstände, nicht die eigentliche Ursache, sagt Anthony Scaramucci, der Trump in dessen erster Amtszeit kurz als Kommunikationsdirektor gedient hat und heute zu seinen Kritikern gehört. Scaramucci hat nachgeforscht, was Trumps Weg ins Weiße Haus befördert hat – und stieß auf verhängnisvolle Entscheidungen bei Republikanern und Demokraten. Was waren die Weichenstellungen für Donald Trumps politische Karriere? Warum fürchtet Trump die Zwischenwahlen im November wohl weit weniger als erhofft? Und warum folgen die Republikaner Trump noch immer? Diese Fragen beantwortet Anthony Scaramucci, Autor des Buches "Der Weg ins Chaos. Wie Republikaner und Demokraten Trumps Aufstieg möglich machten", im Interview. t-online: Herr Scaramucci, wie nahe stehen die Vereinigten Staaten mittlerweile am Abgrund? Anthony Scaramucci: Wir sind näher am Abgrund, als wir es lange Zeit erwartet haben. Falls Sie mit Ihrer Frage auf irgendeine Art von Revolution oder den Faschismus anspielen. Ich übertreibe keineswegs: Wir sind in einer echten Notlage. Die zweite Trump-Administration will den Rechtsstaat durch eine Herrschaft der Willkür ersetzen. Dazu sollen unsere Institutionen geradezu niedergebrannt werden. Ronald Reagan hat einst gesagt, dass unsere Freiheit nie mehr als eine Generation von ihrer Auslöschung entfernt ist. Da war Reagan ziemlich hellsichtig. Donald Trump ist also eine Bewährungsprobe für Reagans Worte: Wie konnte es aber so weit kommen? Wir haben unsere Freiheit zu lange für zu selbstverständlich angesehen. Trump haben wir hingegen nicht so ernst genommen, wie es nötig gewesen wäre. Nun haben wir den Ärger. Aber wir dürfen auch nicht die verhängnisvollen Entscheidungen vergessen, die unsere beiden großen Parteien – Republikaner und Demokraten – gefällt haben, die Donald Trumps Aufstieg schließlich möglich gemacht haben. Davon handelt Ihr neues Buch "Der Weg ins Chaos". Wie kamen Sie auf die Idee dazu? In den letzten Jahren war ich viel unterwegs und hielt öffentliche Reden. Mal in Europa, meist aber hier in den Vereinigten Staaten. Die Gespräche drehten sich immer um eine Frage: Was zum Teufel ist mit Amerika passiert? Also nahm ich mir vor, dieser Frage nachzugehen. Alles vor dem Hintergrund meiner Herkunft, meiner Erziehung, meiner Erfahrung als Kapitalverwalter und Ökonom sowie als jahrzehntelanger Fundraiser für die Republikaner und verschiedene Präsidenten. Nicht zu vergessen auch meine Kurzzeitkarriere als Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses. Im Filmklassiker "Die Unbestechlichen" von 1976 über die Watergate-Affäre heißt es: "Follow the money." Zu Deutsch: "Folge dem Geld." Das trifft es ziemlich genau. Was auch immer passiert ist: Letztlich geht es ums Geld. Darum habe ich eine geldbezogene Sichtweise der Geschichte geschrieben. Uns Amerikanern ging es eine gewisse Zeit zu relativ großen Teilen gut. Aber als sich immer mehr Menschen entrechtet fühlten, sie eine Verschiebung ihres Lebensstandards in die schlechtere Richtung befürchteten, wurden sie erst aufgeregt, dann verärgert und begannen schließlich nach Politikern und politischen Ideen außerhalb des Mainstreams zu suchen. Das war einmal Donald Trump, aber auch der ebenfalls populäre Bernie Sanders , ein demokratischer Sozialist, gehört in diese Gruppe Sie haben drei fundamentale Fehler identifiziert, die Republikaner und Demokraten begangen haben. Der erste ereignete sich demnach um die Jahrtausendwende und hat mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO zu tun. Ich erinnere mich gut an diese Zeit. Damals hatten wir bestimmte Vorstellungen von der Welt in unseren Köpfen, die sich später als ziemlich falsch erwiesen haben. Seinerzeit, in den Neunzigerjahren, dachten wir, dass wir Amerikaner den Kalten Krieg gewonnen haben: Deshalb würden wir, die USA, nun unser System auf den Rest der Welt projizieren – Kapitalismus und Demokratie wären die Zukunft. Der autoritäre Staat China würde durch die Vorteile liberaler Märkte schon dazu gebracht werden, weniger autoritär zu werden. Entsprechend unterstützten die USA Chinas Aufnahme in die WTO – und zwar mit Sonderrechten. An dieser Stelle möchte ich einmal betonen, dass ich ein überzeugter und stolzer Globalist bin. Ich glaube an die wirtschaftliche Integration, ich halte es auch für richtig, China in die WTO aufgenommen zu haben. Aber wir haben einen entscheidenden Fehler gemacht: Sobald die chinesische Wirtschaft die Größe der deutschen Wirtschaft erreicht hatte, hätten wir alle Sonderrechte für Peking streichen sollen. War die amerikanische Politik naiv? Allen voran der damalige Präsident Bill Clinton von den Demokraten? Wir dachten damals, dass China uns seinen Markt öffnet: Mehr als eine Milliarde Menschen, an die die Vereinigten Staaten ihre Produkte verkaufen könnten. Wir haben die Dinge unkontrolliert laufen lassen, bis China zu einer Wirtschaftssupermacht herangewachsen war. Dabei haben sie viel von unserer Technologie genommen, anstatt uns zu erlauben, auf ihrem Markt zu verkaufen. Drücken wir es also so aus: Wir Amerikaner sind damals von falschen Erwartungen ausgegangen. Das trifft auch auf den zweiten monumentalen Fehler zu, den Sie in Ihrem Buch beklagen. George W. Bush marschierte 2003 nicht nur in den Irak ein, sondern senkte zugleich auch die Steuern in den USA. Den US-Einsatz in Afghanistan seit 2001 dürfen wir obendrein nicht vergessen. Wir waren also über Jahrzehnte in zwei Kriegen engagiert, ohne die Steuern erhöht zu haben, um diese Kriege zu finanzieren. Das hat uns Amerikaner Billionen an geliehenem Geld gekostet. Der Republikaner Bush hatte mit schnellen Siegen gerechnet beziehungsweise sich verrechnet. Das Erwartungsmanagement war schlecht, Präsident und Kongress gingen von kurzen Kriegen, ein paar Monate höchstens, aus. Deswegen wurden die Steuern auch nicht erhöht. Dass das nicht gut gehen konnte, demonstriert die Geschichte. Als die Kriege sich hinzogen, haben wir den Ursprungsfehler nicht korrigiert und diese riesige Defizitspirale verursacht. Das war auch ein denkbar schlechter Hintergrund für das, was noch kommen sollte. Sie spielen auf die Weltfinanzkrise seit 2007 an? Der die erschütternde Krise am US-Immobilienmarkt vorausgegangen war? Richtig. Barack Obama rettete damals die Wall Street und die Banken, die nicht zuletzt wegen der Finanzpolitik seiner Vorgänger Clinton und Bush wankten. Der Grundgedanke bestand darin, dass die Rettung der Banken die Wirtschaft heilen würde. Diese Überlegung war richtig, aber sie hat den Faktor Wut nicht einbezogen. Millionen Amerikaner verloren ihre Häuser – von anderen Verlusten ganz abgesehen. Die Banker wurden mit Unsummen von der Bundesregierung gerettet, es dauerte auch nicht lange, bis viele von ihnen wieder ihre Boni erhielten. Aber die einfachen Amerikaner? Für die sah es schlecht aus. Schlimmer noch: Das Defizit wurde damals noch größer, aber man traute sich nicht, die Steuern zu erhöhen. Woher sollte das Geld aber kommen? Also griff man zu der schädlichsten und regressivsten Form der Besteuerung überhaupt: Inflation . Man stahl den Leuten die Kaufkraft, während es den Bankern wieder prächtig ging. Die Wut bei den Amerikanern können Sie sich vorstellen. Aber nun sollten wir uns vor voreiligen Schlüssen hüten. Inwiefern? Wir haben es hier mit einer Geschichte über wohlmeinende Menschen auf beiden Seiten zu tun. Republikaner und Demokraten haben Fehler gemacht, die zur aktuellen Lage geführt haben. Und damit meine ich auf direktem Weg, aber nicht auf zwangsläufigem Weg. Denn zwangsläufig ist in der Geschichte gar nichts. Nun scheinen Sie nicht allein der Spur des Geldes, sondern auch der Spur der Wut gefolgt zu sein. Das haben Sie gut beobachtet. Die damalige Wut rief zwei Dinge ins Leben: auf der einen Seite die Tea-Party-Bewegung, auf der anderen Occupy Wall Street. Diese beiden Gruppen haben geheiratet, dann haben sie ein Baby bekommen – und nannten es MAGA! Donald Trump ist der Adoptivvater dieser Bewegung. Sie haben selbst einst an Trump geglaubt, zehn Tage haben Sie als Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses für ihn gearbeitet. Was ließ Sie an Trump zweifeln? An Trump habe ich aus Überzeugung geglaubt. Ich dachte, er würde sich wirklich für die amerikanischen Arbeiter einsetzen. Ja, ich habe diesen Fehler gemacht. Wie zahlreiche andere Menschen auch. Ich habe mich in ihm geirrt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Nachricht von Trumps zweitem Einzug ins Weiße Haus 2024 bekannt wurde? Mir schwante schlimmes Unheil: Trump wird Dinge tun, die wir alle noch mächtig bereuen werden. Trump wird uns richtig Schwierigkeiten machen. Aber wissen Sie was? Trump hat meine schlimmsten Erwartungen noch übertroffen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Korruption unter Trump so schlimm sein würde. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass ausgerechnet Trump einen weiteren Endloskrieg anzetteln würde. Nun stehen die Zwischenwahlen für den US-Kongress an. Trumps Bilanz ist schlecht. Was erwarten Sie? Trumps ewiger Krieg mit dem Iran hat zusammen mit seinen Zöllen die Energiepreise in die Höhe getrieben. Das wird sich für Trump rächen. Dazu kommen die weiteren gebrochenen Versprechen: Es gibt keine Aufklärung bei den Epstein-Files , dazu diese grassierende Korruption, die Trump und seine Leute betreiben. Das lässt nichts Gutes ahnen für Trump und seine Republikaner. Ist Trump möglicherweise der Verzweiflung näher gerückt? Nichts will ihm offenbar gelingen. Trump ist nicht verzweifelt. Ich glaube, Trump ist dazu gar nicht imstande. Im Gegenteil: Trump wirkt wie ein ziemlich glücklicher Kerl. Mehr als 60 Jahre seines Lebens als Erwachsener hat er seinen Willen durchgesetzt, ziemlich viele Wetten gewonnen. Daher glaube ich auch nicht, dass er verzweifelt ist. Selbst wenn er diese Zwischenwahlen verliert, wird er sich selbst, seine Familienmitglieder und die ihm nahestehenden Menschen einfach begnadigen. Das wird alle denkbaren Untersuchungen gegen ihn stoppen. Trump gilt als frei von Ideologie, er sieht sich selbst als Dealmaker. Was ist aber mit Leuten um ihn herum, etwa Vizepräsident JD Vance oder Trumps Berater Stephen Miller, die als Fundamentalisten gelten? Wir sollten auch Russell Vought in dieser Liste nicht vergessen, der zu den Machern des Umbauplans "Project 2025" gehört. Trump ist meiner Ansicht nach ein boshafter Mensch, er ist so etwas wie ein böses Genie. Aber bei manchen Dingen ist Trump eher gleichgültig, während die erwähnten Leute da nicht nur sehr interessiert sind, sondern auch weit grausamer. Sie nutzen aus, dass sie neben Trump an der Macht sind. Er ist für sie ein Werkzeug. Trump ist für die Zwischenwahlen in mancher Hinsicht mittlerweile mehr Hindernis als Vorteil für die Republikaner. Was denken die eigenen Leute über ihn? Die Republikaner hassen ihn mittlerweile. Privat sprechen sie über ihren Hass auf ihn, aber sie stehen weiter auf seiner Seite. Warum? Weil Trump immer noch sehr, sehr mächtig ist: Sie haben Angst vor ihm. Die USA sind tief gespalten. Haben Sie noch Hoffnung für das Land? Mein Vertrauen in Amerika ist groß. Aber es wird einiges brauchen, um mein Land zu heilen. Vor allem müssen wir diese Gruppe von mittlerweile rund 80-jährigen Babyboomern loswerden, die sich nur um sich selbst scheren. Wir brauchen stattdessen Politiker, die Entscheidungen weniger anhand von Parteiinteressen fällen, sondern das Wohl aller Amerikaner im Blick haben. Haben Sie da Kandidaten im Blick? Dafür ist es noch zu früh. Aber zur rechten Zeit werden die richtigen Anführer da sein. Amerika hat den Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert überstanden – gefolgt von Erstem Weltkrieg, Großer Depression und Zweitem Weltkrieg im 20. Jahrhundert. Winston Churchill hat einmal sinngemäß gesagt, dass Amerikaner immer das Richtige tun – nachdem sie alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. In Deutschland und Europa gibt es die Hoffnung, dass die transatlantischen Beziehungen wieder besser werden nach Trump. Ist das berechtigt oder naiv? Das ist nicht naiv. Es wird stark davon abhängen, welche Führungspersönlichkeiten nach Trump folgen. Das liegt aber durchaus im Bereich des Möglichen. Wer auch immer unser nächster Präsident wird, sollte – und muss – vor allem unseren Gesellschaftsvertrag wieder erneuern. Nun spielt immer noch das Geld eine dominierende Rolle in den USA. Womit wir zum Silicon Valley kommen, das Trump sehr, sehr nahe gerückt ist. Eigentlich bräuchten wir heute einen Theodore Roosevelt anstelle eines Trump. Roosevelt ist Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die Macht der mächtigen Konzerne vorgegangen, Trump will mit den Tech-Milliardären einfach nur Geld verdienen. Also lässt er sie machen, was sie wollen. Aber ein echter Politiker würde Mittel und Wege finden, diese Tech-Unternehmen dazu zu bringen, wieder mehr dem amerikanischen Volk zu dienen. Quasi-Monopole und echte Monopole bringen nichts, auch keine Innovation. Nun hat Trump den Tech-Unternehmen bei der KI-Entwicklung die Freiheit weitgehend belassen. Wie gefährlich ist das? Wir sollten über die Künstliche Intelligenz so nachdenken, wie wir es bei Atomenergie gemacht haben. Wir brauchen internationale Leitlinien, wir müssen so viele Staaten dazu bekommen, verbindliche Richtlinien zu erarbeiten, damit wir eine potenzielle Katastrophe verhindern. Zugleich müssen wir sicherstellen, dass die Künstliche Intelligenz Produktivität und Verbesserungen schafft, die allen Menschen zugutekommen. Denn so lassen sich politische und wirtschaftliche Stabilität gewährleisten. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Scaramucci.