Hudora: Wie ein 105 Jahre altes Unternehmen TikTok trotzt
Viele verbinden mit Hudora Kindheitserinnerungen an Roller, Trampoline oder Fußballtore. Hinter der bekannten Marke steht ein Unternehmen, das sich seit 1919 häufig anpassen musste und auch heute wieder vor neuen Herausforderungen steht. Erkrath bei Düsseldorf, die alte Papierfabrik: Holzbalken an der hohen Decke, überall stehen Trampoline, Basketballkörbe, Fußballtore. Ein Basketball prallt laut auf, Marketingleiter Julian Müscher zielt – und trifft in den Korb. Ob das Team in der Pause auch mal spielt? "Natürlich!", sagt er und lacht. Stundenlanges Trampolinspringen, auf dem Tretroller mit den Freunden um die Wette rasen oder gegeneinander auf Fußballtore im Garten kicken: Das sind für viele schöne Kindheitserinnerungen. Der Markenname Hudora löst oft das dazugehörige Gefühl von Nostalgie aus. Wie schafft es ein Familienunternehmen , das vor mehr als hundert Jahren gegründet wurde, auch in Zeiten der Digitalisierung und einer wachsenden Anzahl an Online-Anbietern erfolgreich zu sein? Rückschlag: DHL verzichtet vorerst auf Wero Lebensmittelhandel: Zukunft von 36 Tegut-Supermärkten noch ungeklärt Wie die Digitalisierung das Geschäft verändert Das Freizeitverhalten von Jugendlichen hat sich über die vergangenen Jahrzehnte stark verändert. Das zeigt auch die Motorik-Modul-Studie des Karlsruher Instituts für Technologie, die in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut regelmäßig die körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen bundesweit untersucht: Die für unorganisiertes Sporttreiben genutzte Zeit – etwa freies Spielen oder Toben draußen – sank zwischen der ersten Erhebung (2003 bis 2006) und der dritten Welle (2018 bis 2020) von rund 83 auf 49 Minuten pro Woche. Stattdessen entscheiden sich Kinder heute oft für digitale Angebote. Die zunehmende Digitalisierung sei für Hudora laut Geschäftsführer Hasko Heinrici eine Herausforderung: Er sieht soziale Medien ebenso als Konkurrenz wie große Onlinehändler, darunter Amazon . Früher habe man die Tür geöffnet und die Kinder hätten sich beschäftigt. Heute müsse Bewegung teilweise bewusst organisiert werden. Aber: Inzwischen beobachtet er auch ein wachsendes Bewusstsein bei der Hauptzielgruppe von Hudora: bei den Eltern. Die Sensibilität für den Wert analoger Erlebnisse sei Müscher zufolge in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: "Eltern entscheiden sich wieder bewusster dafür, ihren Kindern Bewegung und reale Begegnungen zu ermöglichen – als Ausgleich zur digitalen Welt und zum ständigen Scrollen am Bildschirm", sagt er. Auch die Erwachsenen selbst würden sich immer bewusster für die analogen Momente entscheiden: "Dann trifft man sich abends noch mit Freunden und spielt eine Runde Torwandschießen im Garten. Und wenn man die Torwand umdreht, hat man auf der anderen Seite noch eine Fläche für den Beamer, um gemeinsam ein Fußballspiel zu schauen", sagt Müscher. Als Schlittschuhfabrik gegründet und von Olympiasiegern gefragt Heute gehören zum Sortiment von Hudora Roller, Basketballkörbe, Schaukeln, Laufräder und vieles mehr. Im Jahr 1919 aber ist von den Produkten, wie wir sie heute kennen, noch nicht viel zu sehen: Der Schlosser Hugo Dornseif gründete Hudora im bergischen Radevormwald als eine Schlittschuhfabrik. Der Firmenname entstand aus seinem Namen und dem Gründungsort: HUgo DOrnseif RAdevormwald – Hudora. Da Schlittschuhlaufen nur wenige Monate im Jahr möglich war, begann Hudora bereits in den 1920er-Jahren, zusätzlich Rollschuhe zu produzieren. Firmengründer Dornseif meldete mehr als 40 Patente an und entwickelte unter anderem einen Schlittschuh aus einem Stück, der das Unternehmen europaweit bekannt machte. Über die darauffolgenden Jahrzehnte hinweg stattete Hudora zahlreiche bekannte Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer mit Schlittschuhen aus, darunter die Olympiasieger Katarina Witt und Manfred Schnelldorfer. Mit dem Wandel des Sports und der Freizeitgewohnheiten veränderte sich auch das Unternehmen – weg vom Schlittschuh hin zu einem deutlich breiteren Sortiment für Bewegung und Freizeit. Der BigWheel kommt im richtigen Moment und wird zum Roller-Erfolgsmodell Ein wichtiger Meilenstein war die Einführung des Rollers im Jahr 2001. Der BigWheel, ein Rollermodell mit größeren Rädern, erwies sich mit seinem patentierten Klappmechanismus als besonders sicher. Er entstand gemeinsam mit Horst-Walter Grollius, Professor an der Bergischen Universität Wuppertal . Nachdem Unfälle mit anderen Klappverschlüssen den Rollermarkt erschüttert hatten, bestand nach Herstellerangaben nur der BigWheel die Sicherheitstests und durfte auf dem Markt bleiben. Der Erfolg ist heute noch derselbe: "Der Roller ist unsere stärkste Kategorie, da sind wir Marktführer. Es ist auch das demokratischste Produkt: Um mit einem Roller zu fahren, braucht es keinen Garten, wie zum Beispiel bei einem Trampolin. Das heißt, es ist sowohl ein Produkt, das finanziell für viele erschwinglich ist und für das keine eigene Fläche benötigt wird", erklärt Geschäftsführer Hasko Heinrici. Anpassung durch Individualität: Maskottchen startet in den sozialen Medien durch Neben wirtschaftlichen Herausforderungen wie Problemen bei der Verfügbarkeit von Rohstoffen wie Aluminium sowie längeren Lieferzeiten, weil Schiffe länger unterwegs sind, sei TikTok auch in der Kommunikation ein zunehmendes Problem: "Wir konkurrieren nicht nur klassisch mit anderen Wettbewerbern aus dem Roller-Segment, sondern auch mit dem nächsten Trailer für einen Spider-Man-Film, mit dem Reel der besten Freundin oder des Lieblingskünstlers." Dabei gehe es um Aufmerksamkeit in einer Zielgruppe, die Hudora, wenn es hochkomme, vier Sekunden schenke, um eine Botschaft zu vermitteln, erklärt Müscher. Der Ansatz, an dem das Unternehmen schon seit Langem arbeitet, ist, eine eigene Identität zu entwickeln. Mit dem Maskottchen "Dora Donkey" postet Hudora regelmäßig auf Instagram und hat dort 15.500 Follower. 30 Euro oder 100 Euro: Wie Hudora sich gegen die Konkurrenz behauptet Die Konkurrenz durch Billiganbieter hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Während Hudora seine Roller für 100 bis 120 Euro anbietet, gibt es Anbieter, deren Roller schon für 30 bis 45 Euro erhältlich sind. Trampoline kosten bei Hudora etwa 350 Euro, bei anderen Anbietern ab 150 Euro. "Es ist wichtig, den Kunden immer wieder die Vorteile unserer Produkte zu erklären", erzählt Heinrici. Was die eigenen Produkte von denen der Konkurrenz unterscheidet, seien gute Qualität und Langlebigkeit: "Es heißt ja: 'Wer schlechte Qualität kauft, kauft zweimal.' Der Roller für 100 Euro hält dann auch lange und wird noch an Geschwister oder Freunde weitergegeben." Was ebenfalls Vertrauen schaffe, seien Zertifikate von anerkannten Institutionen: "Wir gehen bei dem Thema eher den klassischen Weg, indem wir uns auf zertifizierte Institute wie die Stiftung Warentest verlassen. Das halten wir den Konsumenten gegenüber auch für den fairsten Weg. Wir reden immer noch von Produkten, die sicherheitsrelevant sind, und wollen deshalb, dass alle Beteiligten ein gutes Gefühl haben", sagt Heinrici. "Ein Ort mit Geschichte" – Umzug nach 25 Jahren Mehr als 100 Jahre lag die Geschäftsführung bei der Gründerfamilie Dornseif. Das änderte sich erst 2023, als Heinrici diese Position übernahm. Die Gründerfamilie spiele aber immer noch eine wichtige Rolle im Unternehmen: Sie sei gut darin, strategisch vorauszudenken und Hudora an gesellschaftliche Veränderungen anzupassen, habe aber entschieden, dass die operative Führung des Geschäfts auch jemand anders übernehmen könne. Mit dem Wechsel in der Geschäftsführung kam auch ein neuer Standort: Bevor Hudora zum Jahreswechsel 2023/2024 nach Erkrath zog, hatte das Unternehmen rund 25 Jahre lang seinen Sitz in Remscheid . In der Vergangenheit produzierte Hudora dort auch. Da die Marke ihre Produkte mittlerweile weltweit verkauft und deutlich mehr Lagerstandorte hat, wurde die Fläche des Lagers in Remscheid viel zu groß. Eine der wichtigsten Unternehmensstrategien in der Vergangenheit war es, sich selbst zu hinterfragen und nicht selbstgefällig zu werden – das möchte Heinrici in Zukunft beibehalten. Ihm ist auch wichtig, dass Hudora weiterhin eine Marke bleibt, die für Zusammenhalt sorgt: "Für mich schließt sich der Kreis im Alltag: Ich bin mit Hudora-Produkten aufgewachsen und erlebe heute, dass unsere Produkte auch in meiner eigenen Familie altersunabhängig genutzt werden. Sowohl von mir als auch von meinen eigenen Kindern. Mein Wunsch ist, dass wir auch künftig Produkte entwickeln, die nicht nur funktional sind, sondern Menschen zusammenbringen und langfristig Freude bereiten."