Midterms 2026: Demokratin Stevens stellt sich gegen Parteifreund El-Sayed
Michigan gehört bei den Midterms zu den hart umkämpften "Swing States". Dort ist es nun zum offenen Bruch bei den Demokraten gekommen. Es ist ein Zerwürfnis mit möglicherweise bitteren Folgen für die US-Demokraten bei den Midterm-Wahlen am Dienstag: Im Rennen um das Amt des Senators im Bundesstaat Michigan hat sich Haley Stevens am Sonntag für die Wahl des Republikaners Mike Rogers ausgesprochen – und damit gegen ihren Parteifreund Abdul El-Sayed. Dessen Wahlchancen in dem ohnehin hart umkämpften "Swing State" Michigan könnten sich durch den Eklat nun verringern. Dabei hatte die 43-jährige Politikerin noch vor wenigen Tagen in einem Interview mit der "New York Times" ihrem demokratischen Parteifreund die Unterstützung zugesagt – wenn auch zähneknirschend. Zuvor warnte sie immer wieder eindringlich vor dem Republikaner Rogers. Dieser sei ein "abgehobener Millionär", ein "MAGA-Schwindler" und "Claqueur" Donald Trumps, der "gegen die Interessen der Mittelklasse" agiere. Nun vollzieht sie also die überraschende Kehrtwende. Stevens’ Wahlempfehlung für Rogers war ein tagelanger Streit mit El-Sayed vorausgegangen. Darin ging es um eine Wahlwerbung einer mit El-Sayed verbündeten Initiative. In dem Video wird fälschlicherweise behauptet, dass die finanzielle Unterstützung der USA für Israel der Grund für die hohen Lebensmittelpreise im Land sei. Newsblog zu US-Politik: Alle Entwicklungen im Überblick Zweitwichtigste Wahl der USA: Letzte Umfrage vor den Midterms 2026 Stevens warf El-Sayed daraufhin vor, mit antisemitischen Stereotypen Wahlkampf zu betreiben. El-Sayeds Kampagne hatte zwar erklärt, nichts mit dem Video zu tun zu haben; vom Inhalt des Videos distanzierte sich El-Sayed, der zum linken Flügel der Demokraten gehört, aber nicht. Eine Entschuldigung, die Stevens von ihm verlangte, lehnte El-Sayed ebenfalls ab. Stattdessen lud El-Sayed Stevens von einem für Sonntag geplanten gemeinsamen Wahlkampfauftritt in Detroit aus. Das brachte das Fass bei Stevens offenbar zum Überlaufen. "Die Menschen in Michigan stehen nicht für Hass" In einem am Sonntagnachmittag auf der Plattform X veröffentlichten Video beklagte sie, dass sie in El-Sayeds Wahlkampf "nicht länger willkommen" sei und "wegbleiben" solle. "Er hat recht", sagte Stevens. "Und darum unterstütze ich jetzt Mike Rogers als Kandidaten für den Senat", so die Politikerin. "Die Menschen in Michigan stehen nicht für Hass und nicht für das, was wir von unserem demokratischen Kandidaten gerade erleben", begründet sie ihre Entscheidung. Sie bleibe aber "stolze Demokratin". Abdul El-Sayed reagierte auf Stevens’ plötzlichen Seitenwechsel gelassen: "Am Ende des Tages denke ich nicht über Haley Stevens nach", sagte er am Sonntag am Rande eines Wahlkampfauftritts. "Mein Fokus lag immer darauf, worum wir uns kümmern müssen, und deshalb interessiert mich auch nicht, wer was über wen sagt. Das ist nur eine Ablenkung. Ich kämpfe dafür, dass das große Geld aus der Politik verschwindet und wieder in den Taschen der kleinen Leute landet." Er wolle dafür kämpfen, dass die Menschen in Michigan Zugang zu Ärzten bekommen und sich eine Gesundheitsversorgung leisten können. Auch die gestiegenen Lebensmittel- und Gaspreise, oder die Ausgaben für Benzin wolle er wieder senken, zugleich die Luftqualität erhöhen und den Fokus wieder auf die zehn Millionen Menschen in dem US-Bundesstaat lenken, anstatt auf die Kriege im Ausland. Stevens’ Mitarbeiter wenden sich von ihr ab Den anwesenden Journalisten beschied El-Sayed, er könne ihre Fragen nach Haley und Rogers verstehen. "Aber ich bin mehr an den anderen 9.999.998 Menschen in Michigan interessiert als an den beiden, über die ihr gerne reden würdet. Ich kann verstehen, das ihr danach fragt, aber ich bin nicht dafür verantwortlich, wie viele Klicks ihr macht." In Umfragen liegt der Demokrat aktuell mit durchschnittlich 49,7 Prozent Zustimmung vor Trump-Kandidat Mike Rogers, der bei 44,9 Prozent steht. Politikexperten erwarten dennoch ein knappes Rennen in dem Bundesstaat. Michigan gehört zu einer Handvoll Bundesstaaten, in denen die Demokraten den Republikanern einen Sitz im Senat abjagen – und damit die Mehrheitsverhältnisse in der Parlamentskammer drehen könnten. Stevens war El-Sayed bei den Vorwahlen der Demokraten in Michigan im August knapp unterlegen. Sie vertritt seit 2019 einen Wahlkreis des Bundesstaates im US-Repräsentantenhaus. Als Stevens ihre Unterstützung für Rogers bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Detroit verkündete, rief ein Mann in der Menge: "Haley Stevens ist eine Verräterin. Sie ist eine Verräterin." Stevens fliegt wohl aus der Partei Für Aufsehen sorgten auch die Reaktionen zahlreicher Mitarbeiter von Stevens. Sie kündigten unmittelbar nach der Ankündigung der Kongressabgeordneten ihre Jobs. Eine Quelle aus Stevens’ engstem Umfeld sagte dem US-Sender CNN , der Schritt sei "peinlich" und käme einem "vollständigen Verrat" gleich. Justin German, Stevens’ langjähriger Chefstratege, zeigte sich empört. "Viele Mitglieder unseres Teams haben gekündigt, darunter auch ich. Wir sind schockiert und zutiefst bestürzt über [ihre, Anm. der Red.] Entscheidung", sagte er CNN. Auch aus der eigenen Partei bekam die 43-Jährige erheblichen Gegenwind. Top-Demokraten aus der Hauptstadt Washington , D.C. stellten sich hinter El-Sayed und riefen dazu auf, den 42-jährigen Linkspolitiker zu unterstützen. Darunter waren mit Hakeem Jeffries und Chuck Schumer die Minderheitsführer im US-Senat und im Repräsentantenhaus. Die demokratische US-Abgeordnete Debbie Dingell aus Michigan warf Stevens vor, es gehe ihr vor allem darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Abgeordnete aus Michigan, Mallory McMorrow, die bei den Vorwahlen ebenfalls für die Demokratische Partei angetreten war, schimpfte: "Es wirkt auf mich, als gehe es hier vor allem um ihre [Stevens’, Anm. der Red.] eigenen Gefühle und nicht um die Menschen in Michigan." Dingell antwortete auf die Frage, ob Stevens überhaupt noch eine Zukunft in der Demokratischen Partei habe: "Leider hat sie sich selbst sehr geschadet." Stevens: "Bin eine unabhängige Frau" Während sich die Reihen der Demokraten – in denen El-Sayed durchaus umstritten ist – nach dem Eklat zu schließen scheinen, könnte der Schritt für Stevens bereits erste Konsequenzen haben: Seit Sonntagabend soll sie nicht mehr Mitglied der Demokraten sein. Dies teilte jedenfalls der Vorsitzende der Partei in Michigan, Curtis Hertel, am Sonntag bei X mit. Auch die "Washington Post" berichtet, dass die Abgeordnete aus der Partei geworfen worden sei. Stevens selbst irritierte unterdessen mit einem Interview im Nachrichtensender CNN. Dort stellte sie sich am späten Sonntagabend den Fragen von Star-Moderator Anderson Cooper. Der wollte wissen, warum die Politikerin sich zwei Tage vor dem Wahltag plötzlich dazu entschieden habe, einen Republikaner zu unterstützen, obwohl sie doch zuvor für Abdul El-Sayed Wahlkampf betrieben habe. Stevens wich der Frage aus, sagte lediglich, sie habe ihre Stimme noch nicht abgegeben. Cooper zeigte sich überrascht, er hakte nach: "Heißt das etwa, Sie überlegen es sich doch nochmal anders?" Stevens antwortete: "Das heißt lediglich, dass ich eine unabhängige Frau bin." El-Sayed soll am Sonntag einen erheblichen Zuwachs an Spenden verzeichnet haben. Offenbar als Zeichen dafür, dass sein Rückhalt und die Unterstützung in der Partei und bei seinen Anhängern ungebrochen sind. Bei einer spontanen, nicht repräsentativen Umfrage unter Bürgern Michigans, die der TV-Sender Local4 am Sonntag im Großraum Detroit durchführte, gaben sämtliche Befragten an, bei ihrer Wahlentscheidung bleiben zu wollen. Stevens’ Kehrtwende habe demnach keine Entscheidung auf ihre Stimmabgabe.