Demokraten gewinnen US-Midterms 2026: Keine Welle, sondern ein Tsunami
Die Demokraten fahren bei den Midterms einen überraschend klaren Sieg ein. Die Niederlage der Republikaner fällt so deutlich aus, dass selbst Trump sie nicht anfechten will. David Schafbuch und Julia Naue berichten aus New York und Washington US-Präsident Donald Trump hatte die Midterms zu einem Referendum über seine Politik gemacht. "Wählt so, als stünde ich selbst auf dem Wahlzettel", sagte er bei seinen Kundgebungen. Dass amtierende Präsidenten bei Zwischenwahlen abgestraft werden, ist nicht ungewöhnlich in den USA . Doch dieser Wahlabend ist für Trump und seine Republikaner ein Desaster. Die Demokraten haben die Mehrheit im US-Repräsentantenhaus und im Senat gewonnen. Vor allem Letzteres gilt als großer Erfolg, weil sie dafür in etlichen tiefrot geprägten Bundesstaaten die Republikaner schlagen mussten. Mancherorts haben sie Sitze gewonnen, die seit Jahrzehnten fest in republikanischer Hand waren. Wie war das möglich? t-online listet die sieben wichtigsten Erkenntnisse dieser Midterms auf: 1. Keine blaue Welle, sondern ein Tsunami Einen Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus hatten viele Umfragen vorhergesehen. Eine demokratische Mehrheit im Senat galt dagegen als deutlich unwahrscheinlicher. Vermutlich würde sich die Mehrheit dort erst nach möglichen langwierigen Auszählungen in Maine und Alaska klären, hatten viele Analysten im Vorfeld erklärt. Noch am Wahlabend zeigte sich, dass die Stärke der Demokraten deutlich unterschätzt wurde. Denn auf die Ergebnisse in beiden Bundesstaaten kam es gar nicht mehr an: Schon vor Mitternacht war der Partei die Mehrheit in beiden Kammern sicher. Historisch betrachtet hatten andere Präsidenten bei den Zwischenwahlen noch größere Niederlagen erlitten. Trotzdem sind die Verluste der Republikaner bemerkenswert, weil sie auch in langjährigen Hochburgen unterlagen: In Texas gewannen die Demokraten mit James Talarico erstmals eine Senatswahl seit fast 40 Jahren. In Kansas triumphierte mit Adam Hamilton zum ersten Mal seit 94 Jahren ein Demokrat. Zudem gewann die Partei auch Sitze wie den Senatsposten in South Carolina, der noch vor Wochen fest bei den Republikanern eingeplant war. Am Ende des Abends haben die Demokraten mindestens sieben Bundesstaaten von den Republikanern im Senat zurückerobert. Zudem hätte die Niederlage noch höher ausfallen können: In Florida hatten die Republikaner nur hauchdünn ihre Posten im Senat und das Amt des Gouverneurs verteidigen können. Der Staat war seit Trumps erstem Einzug ins Weiße Haus fest in der Hand der Republikaner. 2. Selbst Trump kann diese Niederlage nicht anfechten Viel war im Vorfeld darüber berichtet worden, wie der Präsident mit einer Niederlage umgehen würde. Es war die Rede davon, dass er die Nationalgarde oder Agenten der Behörde ICE entsenden, Wahlzettel beschlagnahmen oder die Ergebnisse vor Gericht anfechten könnte. Vonseiten der Republikaner und der Demokraten hieß es in den vergangenen Wochen, man habe sich deshalb bereits Anwälte gesucht. Seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2020 hat Trump bis heute nicht eingeräumt. Doch die Ergebnisse der Midterms waren so deutlich, dass der Präsident sie offenbar nicht anzweifeln wollte: "Ich bin absolut bereit, diese Ergebnisse zu akzeptieren", sagte Trump der "New York Times" noch am Wahlabend. Zudem kündigte der Präsident an, dass er mit den Demokraten nicht nur zusammenarbeiten wolle. Er freue sich auch darauf. Trump wird allerdings politisch auch keine andere Wahl haben: Zwar regiert der Präsident größtenteils am Kongress vorbei, indem er Dekrete erlässt. Allerdings wird er diesen trotzdem brauchen: Die US-Regierung benötigt die Zustimmung von beiden Kammern, um einen Haushalt zu beschließen. Auch ranghohe Beamte müssen vom Senat bestätigt werden. Trump wird also zwangsläufig Zugeständnisse machen müssen. Bislang ist Trump allerdings nicht dafür bekannt, Kompromisse einzugehen. Nach seinem Gespräch mit der "New York Times" veröffentlichte der Präsident zudem einen neuen Post auf seiner Plattform Truth Social : Zu sehen war eine rote Mütze mit der Aufschrift "Veto". 3. Die Demokraten triumphieren Für die Demokraten sind diese Midterms ein großer Erfolg. Diesen Triumph hat die Partei aber auch gebraucht, um nach der brutalen Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2024 wieder zu neuem Selbstbewusstsein zu finden. Nun geht es um die Frage, wer die Partei in die Zukunft führen kann. Die Zwischenwahlen haben neue Hoffnungsträger hervorgebracht, der Enthusiasmus ist riesig. Der Partei könnte aber schon bald ein Richtungsstreit bevorstehen, in dem sich viele dazu berufen fühlen dürften, ganz nach vorn zu treten – die Präsidentschaftswahl 2028 fest im Blick. Der Sieg von James Talarico in Texas ist vielleicht eine der größten Sensationen des Wahlabends. Der angehende Pastor ist damit der aufstrebende Star der Partei. Aber auch Jon Ossoff, der US-Senator aus Georgia, hat sich in Stellung gebracht und gilt als Zukunftstalent. Beide zählen zum moderaten Flügel der Demokraten. Aber auch der linke Flügel dürfte weiter nach Einfluss streben – auch wenn sich noch zeigen muss, wie erfolgreich diese Midterms wirklich für ihre Kandidaten waren. Linke Demokraten wie die US-Kongressabgeordnete aus New York, Alexandria Ocasio-Cortez , gelten im progressiven Lager als wichtige Stimmen für einen politischen Richtungswechsel. Und dann wären da noch all jene, die seit Jahren auf ihren großen Auftritt warten, wie der Gouverneur von Illinois, JB Pritzker oder sein Amtskollege aus Pennsylvania , Josh Shapiro. Und auch eine, die ihren großen Auftritt eigentlich schon hatte, will es vielleicht noch einmal wissen: Kamala Harris . 4. Die hohen Preise sind wahlentscheidend Nachwahlbefragungen haben gezeigt: Die hohen Benzinpreise, der schlechte Zustand der Wirtschaft, die schwindende Kaufkraft und der Krieg im Iran waren für viele Wählerinnen und Wähler bei der Stimmabgabe ausschlaggebend. Kurzum: Es war die Unzufriedenheit mit Trump und seiner Politik, die den Republikanern bei diesen Midterms herbe Niederlagen bescherte. Trumps Beliebtheitswerte sind auf einem historischen Tiefstand. Seine Republikaner haben bei den Zwischenwahlen deutlich an Zustimmung bei männlichen Schwarzen, Latinos oder auch Jüngeren verloren. Diese Wählergruppen stehen eigentlich eher den Demokraten nahe, haben aber vor zwei Jahren in großen Teilen für Trump gestimmt. Diese Midterms haben gezeigt, dass Trump sie nicht halten konnte. Beispielhaft dafür ist Trumps aggressive Migrationspolitik, die viele Latinos verprellt hat, die 2024 erstmals für den Republikaner gestimmt haben. Trump war damals mit den Botschaften angetreten, die Lebenshaltungskosten zu senken und keine Kriege zu beginnen. Beide Versprechen hat der Republikaner nicht eingehalten. Bei seiner Amtseinführung sprach er von einem "goldenen Zeitalter", das nun beginne. Davon spüren die Menschen in den USA offenbar nicht so viel – und haben Trump dafür hart abgestraft. 5. Mit Geld allein gewinnt man keine Wahlen Die Republikaner haben bei diesen Midterms nach Angaben der "New York Times" rund 2,1 Milliarden US-Dollar für den Wahlkampf ausgegeben, die Demokraten mit 1,8 Milliarden etwas weniger. Es sind historisch hohe Summen. Allein Tech-Milliardär Elon Musk pumpte Hunderte Millionen in die Rennen der Republikaner, allen voran in Texas. Der reichste Mann der Welt war der größte individuelle Geldgeber des Wahlkampfs. Aber auch aus der Kryptobranche und KI-Unternehmen flossen Hunderte Millionen Dollar vornehmlich an die Republikaner. All das Geld hat die Republikaner am Ende aber nicht vor einer herben Niederlage bewahrt. Zwar hatten sie dank der großen Summen einen großen Lautsprecher, um ihre Botschaften zu verbreiten. Überzeugt haben sie damit aber offenbar nicht. Auch an aggressiver Wahlwerbung haben die Republikaner nicht gespart. Der Kandidat der Republikaner aus Ohio, Vivek Ramaswamy, veröffentlichte zum Beispiel ein Schmähvideo über seine Konkurrentin Amy Acton, das landesweit Empörung auslöste. Er investierte Millionensummen, um einen Spot mit Actons Mutter, mit der diese gebrochen hat, online und im TV zu zeigen. Am Ende verlor Ramaswamy gegen seine Rivalin. 6. Gerrymandering allein ist kein Erfolgsrezept Vor allem die Republikaner hatten im Vorfeld der Wahl versucht, mit neuen Zuschnitten von Wahlkreisen ihre Siegchancen bei den Zwischenwahlen zu steigern. Vor der Abstimmung war von den Demokraten befürchtet worden, dass dadurch ihre Aussichten im Kampf um das Repräsentantenhaus sinken könnten. Am Wahlabend zeigte sich in Florida, dass diese Strategie nicht automatisch zum Erfolg führt. Vier zusätzliche Sitze wollten sich die Republikaner durch Gerrymandering im Bundesstaat sichern. Doch daraus wurde nichts: Kathy Castor, Jared Moskowitz und Pia Dandiya konnten ihre Sitze für die Demokraten in neu gezogenen Wahlkreisen verteidigen. Drei Sitze sind auf die Gesamtzahl der Sitze im Repräsentantenhaus zwar nicht übermäßig viel. Allerdings hatten sich auch andere republikanisch geführte Bundesstaaten durch neue Wahlkreise Zugewinne erhofft. Sollte es den Republikanern im Verlauf der Auszählung dadurch nicht gelingen, weitere Sitze zu gewinnen, wäre es für die Partei ein großer strategischer Fehler gewesen. 7. Die Republikaner brauchen eine Strategie für die Zeit nach Trump Auch wenn Donald Trump die Verantwortung für die Niederlage noch am Abend von sich wies: Die Niederlage ist zu deutlich, um sie nicht direkt mit der Politik des Präsidenten in Verbindung zu setzen. Das zeigt sich auch daran, dass die Kandidaten, die von Trump am stärksten gefördert wurden, allesamt Niederlagen einstecken mussten: Vivek Ramaswamy verlor die Gouverneurswahl in Ohio, Michael Whatley die Senatswahl in North Carolina und Ken Paxton erlitt eine historische Schlappe in Texas. Neu ist diese Entwicklung nicht: Bereits bei den Zwischenwahlen 2022 waren viele Kandidaten, hinter die sich Trump gestellt hatte, nicht erfolgreich gewesen. Ob der Trumpismus auch ohne seinen Namensgeber fortgesetzt werden kann, dürfte nach diesem Abend mehr als fraglich sein. Bei den Republikanern dürften jetzt viele ins Grübeln kommen, vor allem Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio. Um ihre Ämter nicht zu gefährden, müssen sie Trump weiterhin den Rücken stärken. Gleichzeitig ist die Niederlage jedoch so deutlich, dass beide wohl ein anderes politisches Angebot machen müssen, falls sie 2028 eine Präsidentschaftskandidatur anstreben sollten. Möglicherweise bietet die Niederlage aber auch die Chance, dass Kandidaten sich in Stellung bringen, die sich deutlich von Trump abgrenzen.