Auto-Industrie: BMW zahlt bis zu 650.000 Euro für den Abschied
Deutschlands Autoindustrie schwächelt. Die Konzerne bauen Personal ab. Viele setzen auf teure Abfindungen. Ein Unternehmen baut auf eine ganz andere Alternative. Äußern möchte sich niemand. Aber überrascht war die Vorstandsetage des Autobauers BMW schon. "Wir müssen kleiner und schlagkräftiger werden", hatte BMW-Chef Milan Nedeljković gesagt. Konkret bedeutet das: BMW will sich von 8.000 Beschäftigten trennen. Im vergangenen Monat legte der Konzern ein Abfindungsprogramm auf. Doch schon nach wenigen Tagen wurde das Programm vorzeitig gestoppt. Die eigens aufgelegte Internetseite brach unter dem Ansturm der Abschiedswilligen zusammen. Dem Vernehmen nach sollen für manche Beschäftigte bis zu 650.000 Euro drin gewesen sein, wenn sie freiwillig vorzeitig gehen. Das zeigt sich auch in den jüngsten Unternehmenszahlen vom Mittwoch. Im dritten Quartal fiel der Konzerngewinn nach Steuern auf 1,45 Milliarden Euro. Rund 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch die Rückstellungen in den Büchern für das Abfindungsprogramm in Höhe von rund einer Milliarde Euro sollen das Ergebnis belasten. BMW: Gewinn des Autobauers schrumpft Audi : Gewinn bricht um 87 Prozent ein China: "Kaum ein Autobauer verdient da noch Geld" "Wir gehen so weit, wie uns die Füße tragen", sagte BMW-Chef Nedeljković am Mittwoch. Das aktuelle Jobabbauprogramm sei abgeschlossen, das Thema gehe aber weiter. Denn BMW steht nicht allein da. Die Einfuhrzölle von US-Präsident Donald Trump , die aufkommende einheimische Konkurrenz auf dem einst lukrativen Absatzmarkt China und der verpasste Trend zur Elektromobilität – Deutschlands Autobauer stecken in der Krise. Um Kosten zu sparen, rückt auch das Personal in den Blick. Und damit Abfindungen. Die Abfindung richtet sich in der Regel nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit und dem Gehalt des Beschäftigten. Hinzu kommen Sonderzahlungen, etwa für Kinder und Sprinterprämien für alle, die sich rasch für einen Abschied entscheiden. Dabei gilt das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Sowohl das Unternehmen als auch der Beschäftigte müssen dem Abgang zustimmen. Ein Blick auf die Lage der deutschen Autobauer und ihre Abfindungsprogramme für die Belegschaft. BMW: Bis zu 650.000 Euro für freiwilligen Abschied Die Zahlen sind schlecht für BMW. Die lukrativen Absatzmärkte China und USA schwächeln. Das Unternehmen will sich von rund 8.000 Beschäftigten trennen, davon etwa 5.000 Deutschland. BMW setzt beim Personalabbau nicht allein auf Abfindungen. Gehen sollen vor allem Mitarbeiter in Verwaltung und Entwicklung. Die Belegschaft am Band soll bleiben. Ihr Können ist zunächst unverzichtbar. Für langjährige Betriebsangehörige kam locker ein sechsstelliger Betrag zusammen. In einzelnen Fällen soll sich die Abfindung gar auf bis zu 650.000 Euro summiert haben. Doch gilt auch hier wie beim Gehalt: Brutto ist nicht gleich netto. Laut Berechnungen kann eine Abfindung in Höhe von 650.000 Euro rasch auf knapp die Hälfte schrumpfen. Das Unternehmen indes profitiert: Es spart nicht allein künftige Entgelte und Löhne. Abfindungen gelten als Betriebsausgaben und können steuerlich geltend gemacht werden. Auch deshalb legen die Unternehmen die Abgangsprogramme auf. VW: 50.000 weitere Stellenstreichungen und eine Idee Deutschlands größter Autobauer kommt seit dem Dieselskandal nicht mehr aus den Schlagzeilen. Im Herbst kündigte das Unternehmen im Rahmen des sogenannten "Zukunftsplan 2030" an, bis Ende des Jahrzehnts 50.000 Stellen zusätzlich zu streichen. Die Werke in Emden , Hannover , Zwickau und Neckarsulm stehen zur Disposition. Die Arbeiten am neuen Elektromodell ID. Golf sind ausgesetzt. Es fehlt das Geld. Noch gilt eine Beschäftigungsgarantie bei VW bis 2030. So setzt der Autobauer auf freiwillige Abfindungen. Der im Konzern Turboprämie genannte Bonus für Schnellentschlossene liegt bei 50.000 Euro. Die Abfindung insgesamt ist auf rund 450.000 Euro gedeckelt. Doch gibt es auch alternative Modelle: Von Transfergesellschaften sprechen Fachleute. Bis zu 12.000 Beschäftigte könnten in einer neuen Firma außerhalb der VW-Strukturen aufgefangen werden. Sie erhalten ein vermindertes Gehalt (teils finanziert von der Bundesagentur für Arbeit) und werden für neue Berufe geschult. Da sich formal nicht mehr Teil des VW-Konzerns sind, werden aber auch hier Abfindungen fällig. Einzelheiten könnten in den Tarifverhandlungen geklärt werden, die nun anstehen. VW-Manager Arne Meiswinkel mahnte. „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Seit dem Zukunftstarifvertrag 2024 hat sich die wirtschaftliche Situation drastisch verschlechtert." Audi: 7.500 Jobs und Leiharbeit in der Rüstungsindustrie Bei der VW-Tochter werden 7.500 Stellen gestrichen, 6.000 davon möglichst noch in diesem Jahr. Anders als bei VW in Wolfsburg gibt es aber kein allgemeines Abfindungsprogramm, es wird auf individuelle Vereinbarungen gesetzt. Und auf ein besonderes Programm: Leiharbeit. Audi-Beschäftigte werden dabei für zwei Jahre an Unternehmen der Rüstungsbranche wie den Panzerbauer KNDS, Raketenhersteller MBDA oder Luftverteidigungsspezialist Diehl Defence ausgeliehen. Rückkehrrecht inklusive. Vorsprung durch Rüstung sozusagen. Ein "innovatives Transformationsmodell für unternehmensübergreifenden Personaleinsatz", heißt das in der Unternehmenssprache. Wie das konkret läuft, war in der Vorwoche zu beobachten. Da bat Audi zur Jobbörse in Ingolstadt. MBDA-Geschäftsführer Geschäftsführer Marc Zizmann warb dort offen um neue Fachkäfte. "Wir haben kurzfristig Bedarf“, sagte Zizmann der "Süddeutschen Zeitung". Bilanz Der Umbau der Autoindustrie ist in vollem Gang. Neue Erfolgsmodelle für Deutschlands Wirtschaft werden gesucht – nicht allein in der Rüstungswirtschaft. Für die Beschäftigten gilt: Abfindungen müssen versteuert werden (unter bestimmten Voraussetzungen kann die Fünftelregelung die Steuerlast senke). Zudem besteht grundsätzlich Anspruch auf Arbeitslosengeld von der Bundesagentur für Arbeit (BA). Für die Sozialversicherung wird das doppelt teuer: Einmal fehlen Beitragszahler, zum anderen müssen Unterstützungsleistungen gezahlt werden. Die schwarz-rote Bundesregierung plant deshalb, Abfindungen steuerlich zu entlasten – wenn die Beschäftigten rasch wieder eine neue Arbeit aufnehmen. Abfindungen sind also nur ein Anfang, noch nicht die Lösung. Unternehmen verringern einen Kostenfaktor, aber der Arbeitsmarkt verliert Know-how und Beitragszahler. "Da brechen Existenzen weg, wenn diese Menschen den Job verlieren: Wo sollen sie in eine gute Arbeit finden?", sagte ein Mitarbeiter der VW-Personalabteilung der "Wirtschaftswoche". Markus Schmitz, Chef der Bundesagentur für Arbeit in Bayern, sprach mit Blick auf die Leiharbeit von Audi von einem "neuen Modell". Das Ergebnis sei unklar. Aber: Etwas wie das jetzt in Ingolstadt, "das habe ich so noch nicht gesehen". Deutschland probiert es mit neuer Flexibilität.