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Heidelberger Fair Finance Institut: "Das Thema Nachhaltigkeit nimmt an Fahrt auf"

Von Daniel Bernock

Heidelberg. Kann man als Investor sein Geld nachhaltig anlegen? Die RNZ hat mit Markus Duscha vom Heidelberger Fair Finance Institut gesprochen. Das 2016 gegründete Institut ist von der Finanzwirtschaft und politischen Parteien unabhängig und hat das Ziel, das Finanzwesen als Ganzes nachhaltiger zu machen.

Herr Duscha, zuallererst: Warum sollten die Menschen ihr Geld nachhaltig anlegen?

Genauso wie wir mit Konsumentscheidungen einen Einfluss darauf haben, wie unsere Wirtschaft aussieht, haben wir das auch mit Entscheidungen, was mit unserem Geld geschieht, wenn wir es gerade selbst nicht benötigen, wenn wir anlegen, investieren oder für die Rente sparen. Wir können das Geld ausschließlich dahin geben, wo wir gegebenenfalls eine maximale finanzielle Rendite erlangen. Dann ist aber sehr wahrscheinlich, dass wir damit auch Dinge unterstützen, die wir eigentlich nicht fördern möchten: verbotene Kriegswaffen, soziale Ungerechtigkeiten wie Lohndumping oder Missachtung von Menschenrechten, aber auch umweltschädliche Investitionen, wie zum Beispiel in neue klimaschädliche Kohlekraftwerke. Umgekehrt können wir eine soziale und umweltfreundliche Entwicklung unterstützen, wenn wir Geld dort anlegen, wo genau solche Kriterien auch positiv bei der Verwendung des Geldes berücksichtigt werden: für mehr erneuerbare Energien, für eine umweltfreundliche Landwirtschaft oder für sozial gerechte Mieten.

Zudem brauchen die nötigen Veränderungen, um zum Beispiel globale Umweltziele zu erfüllen, auch sehr viel Investitionen. Das betrifft neben dem schon erwähnten Energiebereich auch Themen wie Bildung und Ernährung. Deshalb ist ein Umsteuern in diese Richtung bei jeder Anlageentscheidung wichtig.

Widersprechen sich Börse und Nachhaltigkeit nicht in gewisser Weise?

Ganz grundsätzlich macht es die Logik an der Börse und vielen dort gehandelten Finanz-Produkten tatsächlich nicht leicht, langfristig und nachhaltig anzulegen. Normale Aktiengesellschaften, die an der Börse gehandelt werden, haben einen enormen Druck, immer wieder sehr kurzfristig Erfolge nachweisen zu müssen. Diese Kurzfristig- und damit auch Kurzsichtigkeit widerspricht sehr häufig den Notwendigkeiten eines langfristig ausgerichteten Handelns, wie wir es für eine nachhaltige Entwicklung benötigen. Trotzdem gibt es auch an der Börse mehr oder weniger sinnvolle, sprich nachhaltige, Aktien, die zumindest versuchen, Mensch und Umwelt besser als bisher in den Blick zu bekommen.

Zudem ist wichtig zu wissen, dass es beim persönlichen Kauf von Bestandsaktien eher um einen ethischen Aspekt geht: Man möchte in dem Fall kein Geld verdienen mit bestimmten Themen. Der direkte Effekt auf das Wirtschaftsleben ist aber eher klein: Die Aktie gab es ja schon vorher und das Unternehmen hatte das Geld ja schon vorher. Einen größeren Effekt erzielt man beim Kauf neu ausgegebener Aktien: Hiermit wird dann tatsächlich direkt das Unternehmen mit "frischem Geld" zusätzlich unterstützt.

Etwas anderes ist es, wenn viele Menschen und Investoren zugleich Geld aus einem bestimmten Thema abziehen, und damit eine größere Wirkung auf das Thema oder Unternehmen haben können. Damit, das zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte, lässt sich dann durchaus auch eine steuernde Wirkung erzielen. Wie zum Beispiel damals gegen das Apartheits-Regime in Südafrika oder wie aktuell mit der Fossil-Free-Bewegung, die Geld aus der Kohle und anderen fossilen Energieträgern abziehen möchte.

Geld anzulegen muss aber nicht heißen, es an die Börse zu bringen. Es gibt ja auch sehr viele andere Möglichkeiten. Zum Beispiel Beteiligungen an Genossenschaften und andere Formen von Unternehmensfinanzierungen.

Ist eine nachhaltige Geldanlage renditeschwächer oder -stärker als eine klassische?

Eine Auswertung von einer Vielzahl von Studien zeigt, dass nachhaltige Geldanlagen im Schnitt finanziell bisher nicht besser oder schlechter abschneiden. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit nachhaltigen Anlagen im Fall von Krisen deutlich besser gefahren bin, sprich weniger Verluste hatte als Menschen, die nicht-nachhaltig angelegt hatten. Das liegt mit daran, dass nachhaltig denkende Firmen häufig bodenständiger und weniger riskant agieren.

Im Einzelfall muss aber bei jeder Anlageentscheidung sehr genau hingeschaut werden, ob die Risiken und Ertragsaussichten mit dem übereinstimmen, was für die Anlegerin und den Anleger jeweils passt. Prinzipiell sind nachhaltige Anlagen hier nicht anders zu behandeln als Anlageformen, die Umwelt und Soziales nicht berücksichtigen.

In welche Firmen oder Anlageformen würden Sie nie investieren?

Reine Rüstungsfirmen kommen für mich aus ethischen Gründen nicht in Betracht. Das gilt gleichermaßen für Firmen, die im In- und Ausland Menschen unter unwürdigen Bedingungen für sich arbeiten lassen. Das gibt es leider immer noch sehr viel etwa im Bereich der Kleidungsbranche. Zudem achte ich darauf, Monopolbildungen keinen Vorschub zu leisten durch die Nachfrage nach Aktien von aggressiv agierenden Global Playern. Internet- und IT-Giganten wie Amazon, Apple, Facebook, aber auch Nestlé aus der Ernährungs-Industrie zählen hierzu. Ich persönlich achte insbesondere auf Aspekte des Klimaschutzes. Von daher würde ich nicht in Firmen investieren, die keine klare und glaubwürdige Klimaschutzstrategie haben.

Bei den Anlageformen versuche ich den Anteil klassischer Aktien klein zu halten. Gar nicht in Frage kommen jedoch Derivate und vergleichbare Produkte, die nur Wettcharakter haben und niemandem in der realen Wirtschaft helfen, sondern das Gesamtsystem destabilisieren können.

Was macht eine Anlage nachhaltig?

Eine absolute "Nachhaltigkeit" gibt es leider nicht. Dafür ist der Begriff nicht hinreichend und eindeutig definiert. Die EU-Kommission versucht das gerade für Finanzprodukte zu ändern. Ergebnisse sind im Laufe des Jahres zu erwarten. Generell kann man aber sagen, dass zugleich Umwelt-, soziale und wirtschaftliche Aspekte möglichst umfassend berücksichtigt werden müssen, wenn es im strengen Sinne nachhaltig sein soll. Häufig wird der Begriff "nachhaltig" schon benutzt, wenn auch nur eine dieser drei Säulen eine Rolle spielt.

Wie können Anleger ihr Geld nachhaltig an der Börse investieren?

Die Börse ist nicht der allerbeste Ort, wenn man super strenge Nachhaltigkeit fördern möchte. Es gibt aber zum Beispiel auch Aktiengesellschaften, die nicht an der Börse gehandelt werden, und sich damit auch von den genannten Kurzfristigkeitszwängen befreien. Aber dafür kann es hier andere Nachteile geben, weil die Kontrolle in anderer Hinsicht vielleicht nicht so gut ist, oder das Kaufen beziehungsweise Verkaufen der Aktien etwas komplizierter sein kann. Auch nachhaltigere Anleihen und Genossenschaftsanteile kann ich kaufen, ohne an der Börse handeln zu müssen.

Wenn es denn dann doch börslich gehandelte Anlagen sein sollen, gibt es hier auch ökologischere und sozialere Alternativen. Bei der Investition in Aktienfonds gibt es mittlerweile Prüfsiegel, die man als Hilfestellung heranziehen kann. Zum Beispiel das Siegel vom Forum nachhaltige Geldanlage.

Gibt es ein Umdenken vieler Marktteilnehmer in Sachen Nachhaltigkeit?

Das Thema "Nachhaltigkeit und Finanzen" nimmt tatsächlich aktuell an Fahrt auf. Über lange Jahre, ja Jahrzehnte, war es eher ein Nischenthema. Seit der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens tut sich dazu aber weltweit sehr viel. Leider sind andere Länder als Deutschland hier Vorreiter, wie etwa Frankreich im Europäischen Kontext. Die Bedeutung des Themas wird sich weiter verstärken, da die EU-Kommission im März 2018 einen ambitionierten Aktionsplan veröffentlicht hat und diesen mit Schwung umsetzt. Darum beschäftigen sich nun intensiv auch viele Finanzmarktteilnehmer mit dem Thema, die das bisher nicht so im Blick hatten.

Besteht die Gefahr, dass Anleger beim Investment in kleine Produkte in den Grauen Markt rutschen?

Ja, diese Gefahr besteht. Das ist aber nicht nur beim nachhaltigen Geldanlegen der Fall. Hier muss man in jedem Einzelfall Risiken richtig einschätzen können oder sich entsprechende Beratung und Information holen, etwa bei den Verbraucherzentralen oder der Stiftung Finanztest.

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