RNZ-Serie "Postkarten aus dem Kaiserreich": Als die "Elektrische" durch Schwetzingen fuhr
Von Stefan Hagen
Dossenheim/Schwetzingen. Was für ein Anblick: Vor nunmehr 100 Jahren fuhr noch die "Elektrische" durch Schwetzingen und Kinder konnten einfach so über die leere Carl-Theodor-Straße gehen - heute unvorstellbar. Damals hatte der Verlag Otto Schwarz - Großherzoglicher Hoflieferant - diese Fotopostkarte herausgegeben, die sich nun im Besitz des Kreisarchivs befindet. In Zusammenarbeit mit dem Archiv in Ladenburg veröffentlicht die RNZ in loser Folge "Postkarten aus dem Kaiserreich".
"Die Postkarte aus Schwetzingen gibt es übrigens sogar zweimal in unserer Postkartensammlung - einmal verschickt am 12. Juli 1917 und im September 1919", sagt Berno Müller, der stets kompetent kommentiert, was auf den Postkarten zu sehen ist. In diesem Fall unter anderem die Schwanen-Brauerei, damals die größte der vorhandenen Brauereien, zu denen auch Welde-Bräu und die Brauerei Zum Zähringer Löwen zählten.
Die der OEG gehörende Straßenbahn nach Ketsch war 1908 eingerichtet worden und fuhr bis 1938, ab 1927 gab es eine Straßenbahnlinie nach Heidelberg, die 1974 eingestellt wurde. In den Schwetzinger Kasernen war zur Kaiserzeit das 2. Badisches Dragoner-Regiment Nr. 21 stationiert.
Nach wie vor großer Beliebtheit erfreut sich das Schwetzinger Schloss, eine der Top-Sehenswürdigkeiten im Rhein-Neckar-Kreis. Das unterstreichen die rund 750.000 Besucher, die jährlich die im Barock glänzende Sommerresidenz des kurpfälzischen Hofes und den wegen der Schönheit, Vielfalt und Harmonie berühmten Schlossgarten besuchen.
Auch die RNZ-Leser nehmen regen Anteil an der Serie. Zahlreiche Postkarten aus der Zeit, als noch ein Kaiser über Deutschland herrschte, sind bereits in der Redaktion eingegangen. So zum Beispiel eine Fotokarte von Kurt Riedinger aus Dossenheim, die ein trauriges Stück Familiengeschichte erzählt. "Die Fotoaufnahme meines Elternhauses beziehungsweise Geburtshauses in Dossenheim, Schulstraße 18, wurde wahrscheinlich im Jahr 1905 gemacht", schreibt der RNZ-Leser. Erbaut worden sei das Haus im Jahr 1898.
"Der auf dem Gehweg stehende Junge ist mein Vater. Sein Bruder Hermann steht im Eingang, dazwischen ihr Vater und am Fenster ihre Mutter", erzählt Kurt Riedinger. Sein Onkel Hermann sei 1914 zum Militär in eine Kaserne nach Mannheim eingezogen worden. Von dort aus habe er seinen Eltern eine Karte geschrieben, "die dann mein Vater mit Fotokarte meines Elternhauses am 9. September 1914 beantwortet hat." "Lieber Hermann", ist da zu lesen, "wir haben deine Karte erhalten. Wenn du kannst, schreibe, was du noch brauchst. Dann kann noch mal jemand kommen und dir alles bringen." Der Text der Karte schließt mit dem Wunsch "Hoffentlich werden wir uns alle wiedersehen".
Auf der Rückseite der Karte sei die Mannheimer Adresse in blauer Schrift mit "Paderborn" überschrieben worden. Kurt Riedinger vermutet, dass sein Onkel Hermann nicht mehr in der Mannheimer Kaserne, sondern vielmehr bereits in Richtung Front unterwegs war. "Nach dem Irrweg dieser Postkarte muss er bald darauf gefallen sein", schreibt der Dossenheimer.
"Ein Vorgesetzter muss dann die Karte und vielleicht weitere Habseligkeiten an Hermanns Eltern nach Dossenheim geschickt haben", vermutet Kurt Riedinger. So sei diese Postkarte wohl wieder zurück in den Besitzer seiner Großeltern gekommen. "Und diese Postkarte ist das einzige, was mich noch an meinen Onkel erinnert."