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Klangforum Heidelberg: Der Urknall muss ein tiefer Ton gewesen sein

Von Matthias Roth

Ein Mann, der steht im Walde, nicht still und stumm. Der hat zwar kein Mäntlein um, aber dafür einen Bass mit. Einen Kontrabass. Das Foto ist ein sensationeller Werbeträger: John Eckhardt spielt sein Instrument umgeben von Bäumen. Ganz allein steht er da im Moos und kommuniziert mit den hoch gewachsenen Fichten oder Tannen. Via Schallwellen. Seit Peter Wohllebens Büchern über "Das geheime Leben der Bäume" und ähnlichen Publikationen traut man dem Wald ja vieles zu, was man vorher nicht für möglich hielt. Können Bäume vielleicht auch hören?

Im Heidelberger Betriebswerk, dem Probenort des Klangforums und Veranstaltungsort des Tankturms, eröffnete der Bassist nun eine Konzertreihe, in der sich Mitglieder der Klangforum-Ensembles Schola auch Aisthesis solistisch vorstellen. Ganz allein also vors Publikum treten und etwas vortragen, sich gelegentlich auch dabei begleiten lassen. Eckhardt nahm den Titel wörtlich und trat wirklich allein mit seinem Instrument auf. Das hat einen großen Klangkorpus, der massiv im Raum steht, und Eckhardt begann damit, den ganzen Resonanzraum zu bewegen, in dem er die tiefsten Saiten des Instruments minutenlang in starke Schwingung versetzte. Da wurden Frequenzen wach, die tief im Holz des Instruments und im Mauerwerk des Gebäudes schlummerten. Der Bass bewegt das Universum: Der Urknall muss ein sehr tiefer Ton gewesen sein.

Eine gute Stunde bewegte sich der Musiker durch die Klangwelt seines monströsen Holzkastens, dem Elefanten unter den Streichinstrumenten. Aber auch von dem großen Tier ist ja bekannt, dass es höchst sensibel sein kann und der viel beschworene Porzellanladen gar kein Hindernis für ihn sein muss. So auch der Kontrabass. Dem unteren Ende des Saitenhalters etwa entlockte Eckhardt fast unhörbar hohe Frequenzen, die jede Fledermaus entzückt hätten.

Es ist merkwürdig, einem solchen Abend zu lauschen. Zu verfolgen, wohin es den Musiker improvisierend treiben wird. Vielleicht ist nicht alles, was er macht, im Augenblick selbst erfunden, aber was er daraus macht, wohin er es entwickelt und worin es schließlich gipfelt, das ist ein Erlebnis für den Hörenden und nicht selten eine Überraschung auch für den Musiker selbst.

Keith Jarrett soll ja in Heidelberg 1972 mit langen Soloimprovisationen begonnen haben, als der legendäre Veranstalter Fritz Rau ihn bat, allein auf die Bühne zu gehen, bis seine Trio-Partner dem Stau auf der Autobahn entkommen wären. Jarrett tat es nach etwas Zögern (immerhin hatte er eine erste Soloplatte bereits eingespielt) und ging völlig unvorbereitet auf die Bühne. Es wurde ein neues musikalisches Konzept daraus.

Sein später aufgezeichnetes "Köln Concert" war ein besonderer Moment, den niemand vorhersehen konnte: ein Welterfolg. Wer weiß? Man sollte diese Soloauftritte im Betriebswerk konsequent aufzeichnen. Denn es gibt Momente in der Musik, die sind unwiederholbar. John Eckhardts Starter in die neue Reihe gehörte mit Sicherheit dazu.

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