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Merz-Protest von Integrations-Stipendiaten: Warum sie nicht reden wollen

Nach dem demonstrativen Abgang vor dem Merz-Auftritt bei der Deutschlandstiftung Integration sind die beteiligten Stipendiaten gefragt. Doch mit der Kommunikation klappt es nicht so recht. Es war ebenso still wie aussagekräftig: Friedrich Merz kam auf die Bühne – und das Publikum ging. 400 Menschen saßen dort; einige Dutzend, vor allem mit migrantischen Wurzeln, kehrten dem Bundeskanzler den Rücken und strömten aus dem Saal. Eine abgesprochene und vorbereitete Aktion, für Fotos zeigen sie sich mit Stickern "Wir sind das Stadtbild." Doch wenn man das eigens gebildete Presseteam fragt, wie es dazu kam und was sie zu der vielfach geäußerten Begeisterung sowie der Kritik an der Aktion sagen, wird es schwierig. Ein zugesagtes Interview mit t-online wurde nach mehr als 24 Stunden Vertrösten wieder abgesagt. Dies ist die Geschichte eines Interviews, das nicht stattgefunden hat. Vielleicht ist es ein Lehrbeispiel dafür, wie der Erfolg einer Aktion ihre Macher überrollen kann. Vielleicht spricht es für die Angst vor einem Shitstorm bei einem falschen Wort. Vielleicht zeigt es aber auch, dass man in einer Gruppe besonders gut integrierter Deutscher mit Migrationshintergrund auch auf viel Bürokratie stößt. Als die ersten Videos auftauchten, wie die Stipendiatinnen und Stipendiaten der Deutschlandstiftung Integration aufstehen und ihre Plätze verlassen, wurde an den Reaktionen schnell klar: Das wird zu einem größeren Thema werden und sich viral verbreiten. Das simple wie aussagekräftige Statement durch das Aufstehen und Gehen im festlichen Rahmen trifft nach Merz' Aussagen zum Stadtbild einen Nerv und polarisiert. Es könnte eine gemeinsame Antwort derer sein, die Deutsche sind, die erfolgreich in Deutschland sind, sich als Deutsche fühlen und sich mitgemeint und herabgesetzt fühlen, wenn von Problemen im Stadtbild die Rede ist. t-online war bereits am Mittwochabend auf der Suche nach den Organisatoren, schrieb Menschen in Netzwerken, per Mail, Messenger und WhatsApp an, um den oder die Organisatoren ausfindig zu machen. Und schon am Donnerstagmorgen vor 8 Uhr kommt eine Antwort: Per Facebook-Messenger meldet sich ein Mann, der mit protestiert hat. "Danke für Ihr Interesse!" Er ist einer von drei Personen, die als Presseteam bestimmt seien, schreibt er und schickt drei Namen und Handynummern mit. Das sieht weiterhin nach sehr professionellem Herangehen aus. Also gute Nachricht in der Redaktionskonferenz: Wir bekommen zum Thema ein Interview. "Blanke Manierlosigkeit"? Der nette Herr von der Facebook-Nachricht selbst ist noch beschäftigt, auf LinkedIn ist zu sehen, dass er beruflich erfolgreich ist. Die Namen zweier Frauen stehen in seiner Nachricht noch, und eine mit türkischem Namen ruft nach einem erfolglosen Anruf bald zurück. Es ist kurz nach zehn Uhr, sie sitzt im Zug auf der Rückfahrt von Berlin , neben ihr ruft ab und an eine Person etwas rein, das ist die zweite weibliche Ansprechpartnerin. Der t-online-Journalist ist der Erste, mit dem das Team spricht. Für ein Interview ist es üblich, sich erst einmal "aufzuwärmen", Rahmenbedingungen zu klären, im Hintergrund zu sprechen. Alle drei möchten nicht mit Namen auftauchen. Schade, Transparenz untermauert Glaubwürdigkeit, aber es ist verständlich. Wenn von gefährdeter Meinungsfreiheit in Deutschland die Rede ist und von Menschen, die sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen, dann geht es auch um Angst vor rechten Shitstorms und Nachstellungen. Die Stoßrichtung ist leicht vorstellbar, die Aktion wird am Morgen selbst von anderen Menschen mit Migrationshintergrund bereits auch heftig kritisiert: Hasan Alkas, Professor für Mikroökonomie an der Hochschule Rhein-Waal, spricht auf X von "blanker Manierlosigkeit", wenn Stipendiaten einer deutschen Stiftung bei der Rede des Bundeskanzlers demonstrativ den Saal verlassen. "Wer Förderung erhält, sollte zuerst Respekt und Grundanstand beherrschen oder das Stipendium abgeben." Auch um solche Stimmen wird es im Interview gehen. Oder um die entgegengesetzte Perspektive, zu finden bei dem Lungenspezialisten Cihan Celik vom Klinikum Darmstadt, der für seine Aufklärungsarbeit in den Medien zur Corona-Zeit das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. "Einige stört es, dass gebildete Bürger mit Migrationsgeschichte sichtbarer werden, Sensibilitäten artikulieren und Teilhabe einfordern", schreibt er auf Twitter. Das alte Bild des anspruchslosen migrantischen Arbeiters – "malochen, schweigen, Projektionsfläche sein" – sei vorbei. Finden sich die Stipendiaten darin wieder? Auch darum soll es gehen. Doch zunächst einmal um Grundsätzliches, vor den eigentlichen Fragen. Wie sind sie organisiert, wer waren sie überhaupt? Stipendiaten, frühere Stipendiaten? Waren Mentoren dabei, die als Ratgeber für die Stipendiaten ein zentraler Teil des Programms sind? Teilnehmer erhalten schließlich Wissen und Kontakte, aber kein Geld. Die Frau am Telefon sagt etwas dazu und bricht dann ab. Es sei vereinbar, dass alle die Antworten gemeinsam geben. Und nur schriftlich. Antworten nur bei schriftlichen Fragen Aber es dreht sich doch nur ums Vorgespräch, aus dem noch keine Information im Text landen wird. (Deshalb steht hier auch nicht, was sie zu den Teilnehmern bereits erzählt hatte.) Sie muss das mit den anderen abstimmen und erbittet eine E-Mail. Es nutzt nichts, ihr zu sagen, dass das nur der Vorbereitung dient, dass sie Fragen noch schriftlich bekommt. Die E-Mail an sie um 10.42 Uhr enthält auch die Zusicherung, dass die "richtigen" Fragen per Mail kommen und dass die Antworten nach möglicher Kürzung oder Umstellung noch einmal zur Freigabe geschickt werden. Doch inzwischen rufen offenbar auch andere Medien an, sie ist schlecht erreichbar, die Abstimmung in und mit der Gruppe ist kompliziert. Eine Stunde nach der ersten Mail erhält sie eine neue Mail: 13 Fragen für das Interview, dann eben ohne Vorgespräch. Um kurz vor 13 Uhr geht die Mail nach Rücksprache mit ihm auch an den hilfsbereiten Herrn vom Morgen. Er koordiniere die Anfragen, schreibt er im Messenger. Inzwischen gibt es in Deutschland kaum ein Medium, das das Video vom Vorabend nicht prominent zeigt. Es erscheinen auch erste Texte mit O-Tönen einzelner Teilnehmer, die nur für sich sprechen. Ganz viele Menschen in Deutschland sprechen inzwischen darüber, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Fragen aus dem Interview würden das aufgreifen: Ist das ein starkes selbstbewusstes Zeichen in die Community von Menschen mit Migrationshintergrund oder gar keine Frage von Herkunft, sondern von Einstellung? Und die etwas provokante Frage: "Sie sind alle Politologen und Wähler der Linken?", weil das im Netz unterstellt wird. Dort kann man recherchieren, dass es unter den Stipendiaten auch engagierte CDU-Mitglieder gibt. Bei t-online wollen die Kollegen zur Planung wissen, ob das Interview mit dem Presseteam denn klappt. Klar, haben die ja zugesagt. Ein bisschen umständlich, aber das wird. Dann sollte es Freitag werden ... Auch wenn der nette Mann vom Morgen um 14.20 Uhr im Messenger nicht mehr antwortet, ob heute noch mit Antwort zu rechnen ist. Um 16 Uhr geht er aber ans Telefon: Es wird Freitag werden, aber ganz bestimmt kommen. Der Mann von t-online habe ja auch als Erster gefragt. Das dreiköpfige Presseteam hat es also bis dato nicht geschafft, die erste Interviewanfrage zu beantworten. Am Freitagmorgen ist nichts im Posteingang, das Interview auch erst zur Veröffentlichung in den Mittagsstunden vorgemerkt. Für die Redaktionskonferenz die Nachricht: "Sie haben es versprochen." Um 12.15 Uhr ist immer noch nichts da und eine Nachfrage nicht unverschämt. Die Frau aus dem Zug ist unangenehm berührt. Es sei nicht ihre Aufgabe, und sie bedauere, dass der Reporter es so erfährt. Aber: Das Interview ist abgesagt. "Das haben wir im großen Kreis entschieden." Keine Begründung, auch nicht von ihrem Mitstipendiaten. Die Gruppe verzichtet auf die Chance, in einem der reichweitenstärksten Medien Deutschlands mit Lesern aus allen politischen Lagern ihre Gedanken und ihre Kritik darzustellen. Im Netz werden sie kritisiert: Einfach gegangen zu sein, das sei kein Dialog.

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