Doku-Drama: Was Pippi Langstrumpf mit Adolf Hitler zu tun hat
Pippi Langstrumpf und der Zweite Weltkrieg: In einem neuen Dokumentarfilm zeichnet Astrid Lindgrens Familie die Kriegsjahre der schwedischen Kinderbuchautorin nach.
Es gibt einen magischen Moment, an dem Johan Palmberg im Haus seiner Urgroßmutter sitzt und beginnt, auf einer alten Orgel zu spielen. Das antike Musikinstrument schnauft schon schwer, und erst nach und nach erkennt man jene Melodie, die gleich mehrere Generationen von Kindern und ehemaligen Kindern auf der ganzen Welt aus dem Stand mitsingen können: "Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt …" Hey, Pippi Langstrumpf!
Pippi Langstrumpf und ihre Familie: Astrid Lindgrens Nachfahren im Gespräch
Dem deutschen Filmemacher Wilfried Hauke ist es gelungen, zum ersten Mal drei Generationen der Familie Astrid Lindgrens in einem Dokumentarfilm zu versammeln. Neben dem Urenkel der 2002 verstorbenen schwedischen Schriftstellerin treten auch deren Tochter Karin Nyman und Enkelin Annika Lindgren auf – mit der Bedingung, "sich nicht regissieren zu lassen, sie sei schließlich keine Schauspielerin", wie Hauke bei der Filmpremiere in Hamburg erzählt.
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Mit "Die Menschheit hat den Verstand verloren" ist Hauke ein kleines Meisterwerk in einem schwierigen Genre des historischen Doku-Dramas gelungen. Seit den großen Erfolgen Heinrich Breloers mit "Die Manns" und "Speer und Er" haben sich viele Regisseure daran versucht, Biografien aus einer Mischung historischer Aufnahmen, Zeitzeugen und Spielszenen zu erzählen, und nur in den seltensten Fällen gelingt das. Wilfried Hauke konzentriert sich auf einen Zeitraum im Leben Lindgrens, der bis vor wenigen Jahren völlig unbekannt gewesen war, nämlich ihre Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs, in denen Lindgren ein außergewöhnlich präzises und kluges Tagebuch verfasst hatte.
"Drecksarbeit" in der Zensurstelle der schwedischen Post
Die junge Frau arbeitete zu jener Zeit in der geheimen Zensurstelle der schwedischen Post als Kontrolleurin der Briefe von nach Schweden Geflüchteten. Lindgren überprüfte die Schreiben und Postkarten auf sensible Informationen und hatte so umfassende Einblicke in Biografien aus ganz Europa und manche bittere Wahrheit. Erst 2015 waren diese Aufzeichnungen veröffentlicht worden und zeigten Lindgren als außergewöhnliche Chronistin eines Kontinents im Krieg. "Ich las, mit welch leidenschaftlicher Empörung sie mit Hitlers Verbrechen gegen die Menschlichkeit abrechnet", erinnert sich Hauke an die erste Lektüre. "Lindgren beschreibt auch, wie wehrlos eine Demokratie ist, wenn Menschen sich verführen lassen. Sie führt uns vor, wie durch Populismus und Terror allmählich das Gefühl für Mitmenschlichkeit stirbt." Er bezeichnet die Kriegstagebücher als "das intimste Dokument ihres Lebens".
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Die nachgespielten Szenen des Films kommen ganz ohne Dialoge aus, Lindgren-Darstellerin Sofia Pekkari spricht die Originaltexte des Tagebuchs und richtet diese direkt an das Publikum. "Lindgrens Tagebuch ist so verfasst, als wäre es von Anfang an zur Veröffentlichung gedacht gewesen", glaubt Filmemacher Hauke. Um die Schrecken des Krieges zu veranschaulichen, werden dazu historische Filmaufnahmen montiert, von denen viele neu und unbekannt wirken, zeigen sie doch einen skandinavischen Blick auf das Geschehen.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie die Original-Tagebücher im Schrank haben und für uns auspacken
Die drei Nachfahren Lindgrens und ihre bedächtige und sehr liebevolle Weise, die Geschichte der berühmten Vorfahrin zu erzählen, sind für Hauke ein Glücksfall. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie die Original-Tagebücher im Schrank haben und diese für unsere Kamera auspacken"; sagt er. Vor allem die Gespräche zwischen Johan Palmberg, der seine Urgroßmutter noch in den ersten zwölf Lebensjahren erleben durfte, und seiner 90-jährigen Großmutter tragen den Film. Karin Nyman erzählt aus ihrer Kindheit als kränkliches und ängstliches Mädchen. Gemeinsam erkunden sie nicht nur das Leben Lindgrens als junge Mutter, sondern auch deren erste Anfänge als Kinderbuchautorin. Für die kleine Karin hatte sie sich nämlich ein besonders starkes und selbstbewusstes Mädchen ausgedacht, das ihr als Vorbild und Ablenkung vor der düsteren Weltlage dienen sollte: Pippi Langstrumpf.
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Es sollte noch ein langer Weg sein, bis aus Pippi, die bereits auf dem ersten Manuskript der ersten Geschichten von Lindgren persönlich gezeichnet zu sehen und sofort wiederzuerkennen ist, ein Superstar der Jugendliteratur wird. Es ist der Winter 1941, als Lindgren ihrer kranken Tochter das erste Mal von einem rebellischen rothaarigen Mädchen erzählt, das sich allein gegen die Zumutungen der Welt durchschlägt. Während der Krieg immer näher rückt, Hass und Faschismus auch nach Schweden eindringen, ereignen sich auch persönliche Tragödien im Leben Astrid Lindgrens. Ihr Mann Sture hat eine Geliebte, während die Welt in Trümmer fällt, kracht auch das Leben der jungen Frau zusammen. Und die Geschichten des frechen Mädchens, das sich nichts gefallen lässt, wachsen weiter und weiter. Wohl auch im Gemüt der jungen verlassenen Mutter.
Und es sind die Kriegstagebücher, die Astrid Lindgren Struktur und ein Ziel geben, doch noch den Weg zur Schriftstellerin zu finden. Als 1945 der Krieg endet, schließt sie auch ihre Kriegstagebücher, ihr Mann kehrt zurück, und sie hält die erste Druckausgabe des Kinderbuchs in den Händen. Pippi Langstrumpf hat gesiegt – gegen Adolf Hitler und seinen Krieg, gegen die Angst des Kindes, die Unsicherheiten der Autorin, gegen das Verlassensein.