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Star im neuen "Garmisch-Krimi" des ZDF: Lavinia Wilson im Interview: "Werde wahrscheinlich von vielen auf die Schnauze kriegen"

Stern 

Das ungeschminkte Gesicht im neuen "Garmisch-Krimi: Wolfsmond" ist Ira: Eine "coole Person auf dem Land", sagt Schauspielerin Lavinia Wilson. Warum die Rolle bei ihr Kindheitserinnerungen weckt, verrät sie im Gespräch.

Wer so leidenschaftlich Anglizismen in die Unterhaltung pfeffert wie Lavinia Wilson, hat ein Faible für den englischsprachigen Raum – oder einen US-amerikanischen Vater. Letzteres trifft auf die beliebte Schauspielerin zu, die übrigens auch sehr gut Bairisch spricht und sich lebhaft und mit viel Wortwitz vor dem heimischen Bücherschrank zum Gespräch einfindet. Gerade hat die gebürtige Münchnerin einen neuen Posten angenommen: Im neuen "Garmisch-Krimi" des ZDF spielt sie die etwas eigenwillige Ex-Kommissarin Ira Zach, die trotz ihres Jobs im Tiermarkt das Herumschnüffeln im Umfeld von Tatorten nicht lassen kann.

Mit elf Jahren gab die heute 45-Jährige ihr Filmdebüt in "Leise Schatten". Heute ist die Liste ihrer Kinoprojekte ("Der Pfau", "Wow! Nachricht aus dem All") beeindruckend lang, und auch im Fernsehen ("Cassandra", "Tatort") ist sie häufig zu sehen. Daneben zieht die studierte Philosophin Lavinia Wilson, ganz down to earth, drei Söhne groß. In "Wolfsmond" (am Samstag, 28. Februar, 20.15 Uhr), der ersten Folge des "Garmisch-Krimis", versucht sie, dem Mörder eines Tierschützers auf die Schliche zu kommen.

Im Herzen auch Kreuzbergerin

teleschau: Kann es sein, dass Sie im Garmisch-Krimi nicht geschminkt waren?

Lavinia Wilson: Ich war komplett ungeschminkt, und wir haben auch nicht geschummelt. Oft wird man so geschminkt, dass es so aussehen soll als hätte man kein Make-up, was natürlich alle Frauen unter Druck setzt. Das haben wir in diesem Fall nicht gemacht. Es war eine bewusste Entscheidung, und die ist ganz gut aufgegangen.

teleschau: Warum bekommt die Ex-Kommissarin Ira Zach kein Make-up?

Lavinia Wilson: Trotz des Ungeschminktseins ist sie ja eitel. Dass sie mit diesem Panzer von Ledermantel und der Sonnenbrille mit schlechter Laune durch die Landschaft stapft, hat ganz viel Attitüde. Genau zu dieser Attitüde gehört dieses "Ich will keiner Gefälligkeit entsprechen und weigere mich deswegen, Make-up zu tragen". Ich fand es ganz spannend, dass das keine Nachlässigkeit ist, sondern eine bewusste Entscheidung von ihr, die ihre Stärke erzählt.

teleschau: Sie scheinen sie sehr zu mögen.

Lavinia Wilson: Ich mag ganz viel an ihr. Sie ist sehr kratzbürstig und hart im Urteil gegen andere, aber auch gegen sich selbst. Aber was mich vor allem für sie eingenommen hat, ist, dass sie niemals nach unten tritt. Sie ist systemkritisch, auf erfrischende Art und Weise antikapitalistisch: Einen Job zu riskieren, indem man die Kundin ehrlich berät und sagt: "Kaufen Sie den Scheiß nicht", fand ich ganz toll, außerdem hat es Humor. Ihr starkes Gerechtigkeitsgefühl ist tief verankert, das hat mich sehr für sie eingenommen.

teleschau: Könnte Ira eine Freundin von Ihnen sein?

Lavinia Wilson: Ja, ich glaube schon. Das sage ich nicht über viele von meinen Figuren, aber in dem Fall ja.

teleschau: Ira hat einen Job in der Tierabteilung eines Baumarkts angenommen. Hätten Sie Interesse?

Lavinia Wilson: Mehr am Baumarkt als an der Tierabteilung. Meine handwerklichen Fähigkeiten würde ich als überdurchschnittlich bezeichnen, aber natürlich nicht als professionell. Mein tierpflegerisches Können ist dagegen eher rudimentär. Mir ist auch mein Hamster an einer Augenentzündung weggestorben, als ich zehn Jahre alt war. Das ist also nicht mein strong suit.

teleschau: Gerade ist kein Dialekt zu hören, aber im Film dafür umso mehr. Drehen Sie gerne in Mundart?

Lavinia Wilson: Das war mit ein Grund, den Film zuzusagen. Ich lebe jetzt schon über 20 Jahre in Berlin und bin im Herzen auch Kreuzbergerin, aber ich komme nun mal aus München. Meine Großeltern lebten in Garmisch und sind dort begraben. Ich wollte immer mal im Dialekt drehen, aber das hat sich bisher nie ergeben, weil man es von mir nicht erwartet. Ich fand es toll, auch wenn ich mich gut vorbereiten musste. Dabei hat mir der Kollege Ben Münchow, der auch bei uns mitspielt, ganz toll geholfen und die Texte aufgesprochen. Das habe ich mir immer wieder angehört.

"Endlich eine coole Person in Bayern auf dem Land"

teleschau: Heißt das, dass Sie Ihr Bairisch verlernt haben?

Lavinia Wilson: Ich werde wahrscheinlich von vielen auf die Schnauze kriegen, weil es kein lupenreines Garmischerisch ist. In Bayern gibt es großen Stolz auf das Brauchtum und die Sprache. Mir hat es Spaß gemacht, und ich würde es gerne weitermachen, weil es überraschend ist und eine Erdung gibt. Und weil man endlich mal eine coole Person in Bayern auf dem Land sieht! Oft sind es sonst so lustige Hampelmänner in Schmunzelkrimis. Den Hamburgern oder Niedersachsen traut man coole Leute sofort zu, aber Bayern ist auf Wirtshaushumor abonniert. Das ist auch super, und es hat viele Fans. Aber es gibt auch andere Menschen auch auf dem Land, und das zeigen wir.

teleschau: Wie stark darf der Dialekt für den Fernsehzuschauer sein?

Lavinia Wilson: Darüber gab es viele Diskussionen. Wenn man nach Garmisch fährt und sich das Bairisch dort anhört, versteht man wirklich nicht mehr so viel, wenn man nördlich der Donau wohnt. Es sollte echt bleiben, ohne in die völlige Unverständlichkeit abzurutschen. Ich finde es toll, weil es eine Verwurzelung erzählt. Die Amis machen das auch, wir machen es viel zu wenig. Ich fremdele immer ein bisschen damit, wenn die Figuren anders sprechen, als es in ihrer Umgebung üblich ist, zum Beispiel auch bei "Maxton Hall". Warum tun die so, als wären sie in England, reden dabei aber Deutsch? Das ist weird! Gerade bei einer Figur wie Ira, die in diesem Ort hängengeblieben ist, finde ich es super, wenn sie mit so einem Selbstbewusstsein ihren Dialekt spricht.

teleschau: Haben Sie die Zeit genutzt für ein Familientreffen?

Lavinia Wilson: In Garmisch sind leider alle aus der Familie verstorben. Aber ich bin immer in München ausgestiegen, denn da leben meine Eltern und mein Bruder noch.

teleschau: Sind Sie viel mit der Bahn unterwegs?

Lavinia Wilson: Ja! Ich bin gestern neun Stunden von Wien nach Berlin gefahren. Es war ganz toll (seufzt). Diesmal gab es nur zwei Stunden Verspätung, man wird ja demütig. Ich habe eine wirklich sehr ausgeprägte Hassliebe zur Deutschen Bahn. Die Serie mit Anke Engelke fand ich richtig lustig, bis ich wieder auf freier Strecke steckenblieb. Man erlebt ja alles: Aggression, Erleichterung, wenn es weitergeht, man will aussteigen, man will den Zug selbst ziehen, es ist furchtbar! Ich warte auf eine gute Bahn-Serie, das wäre eigentlich ein tolles Projekt.

teleschau: Was machen Sie gern, wenn Sie mal Zeit für sich haben?

Lavinia Wilson: Dafür sind die Zugfahrten mit den langen Verspätungen dann doch ganz gut: lesen! Ich lese total gerne.

Mental load? Nicht lustig!

teleschau: Wie organisieren Sie Ihr Familienleben mit drei Kindern und so einem fordernden Beruf?

Lavinia Wilson: Gleichberechtigt. Wir wechseln uns ab. Trotz der Trennung sind wir ein sehr zugewandtes Elternpaar. Früher konnten die Kinder noch zu Dreharbeiten mitkommen, aber das geht jetzt nicht mehr, denn sie sind alle in der Schule. Der Älteste ist elf. Sie werden langsam unabhängiger, da gibt's Licht am Ende des Tunnels (lacht). Aber klar, es ist ein wahnsinniger Aufwand und Care-Arbeit. Darüber hinwegzuwischen und sich lustig über "mental load" zu machen wie Ira in dem Film, das ist leicht getan, wenn man die Probleme nicht hat.

teleschau: Haben Ihre Jungs Interesse an der Schauspielerei?

Lavinia Wilson: Ich hoffe nicht.

teleschau: Wieso hoffen Sie das?

Lavinia Wilson: Christoph Waltz sagte in seiner Dankesrede für den europäischen Filmpreis etwas ganz Tolles: Es habe ihn genervt, als ihn jemand fragte, wie viel seiner Karriere auf Glück zurückzuführen sei. Er hasse Zahlen und Statistiken, aber wenn er ernsthaft in sich ginge, sei die einzig richtige Antwort: "genau 100 Prozent". Das heißt, die Gefahr, dass das schiefgeht, ist riesig. Gerade die deutsche Filmbranche ist in keinem optimistisch stimmenden Zustand, weil viel eingespart wird. Es werden definitiv mehr Gelder in Renten gehen als in Inhalte, denn es wird ja nicht besser über die Jahre.

teleschau: Wie ist das für Sie?

Lavinia Wilson: Trotz allem ist es der Beruf, der mich total glücklich macht, und wenn einer der Söhne das gerne machen möchte, soll er das tun. Aber das muss man sich genau überlegen. Bisher interessieren sie sich aber nicht dafür. Die wollen natürlich alle YouTuber werden. Ich versuche, Interesse dafür aufzubringen und bin sehr streng, was die Bildschirmzeit angeht. Aber so muss es sein: dass die Elterngeneration die Kindergeneration nicht ganz versteht. Teilweise finde ich es sehr lustig.

teleschau: Was mögen Ihre drei Jungs auf YouTube?

Lavinia Wilson: Sie sind große Fans von Zah1de, einer Rapperin. Sie ist total angesagt und war auf unserer Schule hier in Kreuzberg. Gerade geht sie richtig durch die Decke und hat wahnsinnig viele Follower, hat ihr erstes Album rausgebracht, und es ist total geil, dass drei kleine Jungs so absolute Fans von ihr sind. Gleichzeitig geht es in ihren Texten aber eigentlich nur darum, Erfolg zu haben, eine Chanel-Tasche und einen Gucci-Gürtel und einen Lamborghini zu fahren. Da stehe ich ein bisschen ratlos davor. Ich rette mich damit, dass ich mir einrede, dass das ein Symbol für was anderes ist, so eine Art Antihaltung, dass das irgendwie über dumpfe Konzernverehrung hinausgeht. I don't know. Ich bin noch zu keinem abschließenden Urteil gelangt. Noch haben Smartphones bei meinen Jungs keinen Einzug gehalten.

Ein abgschlossenes Philosophiestudium

teleschau: Sie kommen aus einem akademischen Elternhaus. Wie sind Ihre Eltern damit umgegangen, als Sie sagten "Ich möchte Schauspielerin werden"?

Lavinia Wilson: Dieser Satz ist nie so dezidiert gefallen, denn ich bin da eher reingerutscht und fing mit elf an. Meine Eltern haben es begleitet. Sie waren streng, was die Rollenauswahl anging. Es war total wichtig, dass die Schule nicht drunter leidet, eigentlich ein ganz gesunder Umgang damit. Es war immer klar, dass ich Abitur machen würde, bis dahin war es eher ein Hobby. Deswegen standen sie dem recht aufgeschlossenen gegenüber. Dann gab es eine lange Abnabelungsphase, in der mich wirklich nicht interessiert hat, was sie davon halten, was auch recht gesund ist und zum Erwachsenwerden gehört. Jetzt kriege ich immer mit, wie stolz sie den Nachbarn erzählen, was ich alles Tolles mache, was natürlich auch schön ist.

teleschau: Dann gab es ja noch das Philosophiestudium, etwa als Netz und doppelten Boden?

Lavinia Wilson: Das ist schon lustig, ein Philosophiestudium als Netz und doppelten Boden zu bezeichnen (lacht). Es ging mir gar nicht darum, eine Alternative zum Beruf zu haben, sondern etwas, das dem Leben Struktur gibt. Ich habe zehn Jahre nebenher studiert, und diese universitäre Struktur, die einem der Schauspielberuf einfach nicht geben kann, war mir total wichtig. Und mich hat einfach interessiert, aus verschiedenen Richtungen die Welt zu begreifen. Das bringt mir bis heute noch was, aber im Nachhinein hätte ich das nicht zehn Jahre studieren müssen. Etwas Handfestes wäre angesichts der Weltlage sinnvoller gewesen. Aber ich bereue es nicht.

teleschau: Sie haben in einem anderen Interview gesagt, dass der Schauspielberuf immer mit einschließt, dass man viel von sich selbst preisgibt, sowohl innerlich als auch äußerlich. Was fällt Ihnen in der Hinsicht besonders leicht, und was ist schwieriger?

Lavinia Wilson: Das Preisgeben fällt mir gar nicht schwer, weil es ja immer zur Rolle gehört, und das ist nicht nachweisbar. Ich kann im Nachhinein immer sagen: "Das hat nichts mit mir zu tun", selbst wenn es stimmt. Es fällt mir eigentlich nur dann schwer, wenn ich merke, dass die künstlerische Vision von mir und den Leuten, mit denen ich arbeite, nicht zusammengeht. Wenn ich mich in etwas reingedrängt fühle, was für mich nicht stimmig ist. Oder wenn der Dialog doof ist, die Geschichte eindimensional und platt ist. Wenn ich weiß, ich muss das jetzt machen, weil ich meine Miete zahlen muss. Das fällt mir schwer. Aber nicht, etwas von mir preiszugeben und damit andere Leute zu erreichen. Das ist eigentlich das Schönste.

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